1. Advent: Spejbl und Hurvínek

Spejbl und Hurvínek in Pilsen

Die Weihnachtsmärkte haben geöffnet, Tannen- und Glühweinduft hängen in der Luft, die Nussknacker werden geladen. Auf Sirenen & Heuler begehen wir den Advent mit vier Sonntagsgeschichten. Heute besuchen wir Spejbl und Hurvínek am Pilsener Marktplatz und lassen die Puppen tanzen.

Als Kind hatte ich zwei komische Vögel als Freunde. Die sahen kein bisschen aus wie Clowns, aber ich musste ständig lachen, weil sie sich andauernd in den Haaren lagen und dabei in diesem schweren osteuropäischen Akzent redeten. Jetzt habe ich sie völlig überraschend wiedergetroffen, in Pilsen, am Marktplatz. Sie wohnen in einem der ältesten Häuser am Ort. Das teilen sie sich mit lauter anderen schrägen Typen.

Alte DDR-Bekanntschaft

Spejbl und Hurvínek heißen die beiden. Spejbl ist ein etwas begriffsstutziger und eingebildeter Glatzkopf mit Glupschaugen und Abstehohren, der immer leicht krumm auf der Bühne steht und den Kopf vorstreckt wie ein Vogel. Zu seinem schwarzen Frack trägt er absurderweise klobige Holzpantoffeln. In denen schlurft auch Hurvínek herum, Spejbls Sohn und ein ausgemachter Dreikäsehoch. Er ist kleiner als Spejbl und sieht seinem Vater ziemlich ähnlich bis auf das große Haarbüschel auf der Stirn und die kurzen Latzhosen. In diesem Aufzug streiten sie über Gott und die Welt, und der aufgeweckte Hurvínek stellt die Weltsicht des Vaters ein ums andere Mal auf den Kopf.

Ach ja, das hätte ich fast vergessen: Spejbl und Hurvínek sind Marionetten. Und so etwas wie tschechische Nationalhelden. Als sie mir das erste Mal über den Weg liefen, kannte sie im Westen so gut wie niemand, aber in der DDR waren sie ein Hit. Da habe ich sie auch entdeckt, bei langweiligen Besuchsfahrten zu Freunden der Familie. Die hatten zwar keine Kinder in meinem Alter, aber dafür Langspielplatten mit Spejbl und Hurvínek, und das war ein Segen!

1. Advent: Spejbl und Hurvínek

Spejbl und Hurvínek im klassischen Outfit. Ich kannte sie zuerst von Tonaufnahmen. Wenn ich die Bilder sehe, höre ich im Hintergrund immer Hurvíneks Fistelstimme und den nasalen Bass von Spejbl, beide ursprünglich gesprochen von Josef Skupa.

Tschechen sind wunderbare Geschichtenerzähler

Das Wiedersehen mit Spejbl und Hurvínek in Pilsen kommt für mich genauso überraschend wie meine Begegnung mit der Stieftochter von Pan Tau vor vielen Jahren. Ihr Stiefvater war natürlich nicht der echte Pan Tau, sondern Otto Šimánek, der ihn spielte, aber für mich war das ein- und dasselbe.

Pan Tau, ein Kinderfreund in Anzug und Melone, der sich mit einer eleganten Handbewegung in einen Däumling verwandeln kann, ist noch so ein Beispiel dafür, dass die Tschechen wunderbare Geschichtenerzähler sind. Im Gegensatz zu Spejbl und Hurvínek hat Pan Tau allerdings auch in Westdeutschland Kariere gemacht – als TV-Serienstar der 1970er Jahre. Sogar wir durften die Sendung regelmäßig sehen, trotz scharfer elterlicher Reglementierung des Fernsehkonsums.

Pan Taus Stieftochter erzählte mir, dass Otto Šimánek in seiner Freizeit mit Vorliebe Puppen bastelte und Puppenspiele aufführte, meist vor den Kindern in dem kleinen tschechischen Dorf, wo die Familie immer Urlaub machte. Erst jetzt, im Pilsener Marionettenmuseum, wird mir klar, dass das kein Zufall war. Und dass die tschechischen Puppengeschichten längst nicht nur Kinder bewegt haben.

1. Advent: Spejbl und Hurvínek

Die gut erhaltene Renaissancefassade des Marionettenmuseums. Es liegt direkt am großen Markplatz von Pilsen.

Puppen schreiben tschechische Geschichte

Das Haus Nr. 23 am Náměstí Republiky – Platz der Republik – ist schon von weitem ein Hingucker. Die Fabelwesen, die auf dem original erhaltenen Renaissancegiebel posieren, passen gut zu den heutigen Bewohnern – allesamt Puppen oder Marionetten, meist beides. Drinnen suche ich natürlich gleich meine beiden Freunde und finde sie auch ziemlich schnell. Aber dass Spejbl und Hurvínek Teil einer so riesigen Puppenfamilie sind, hatte ich nicht erwartet.

Die Geburt dieser Familie hat mit den fahrenden Marionettenspielern zu tun, die seit dem 19. Jahrhundert durchs böhmische Land tingeln. Sie sind nicht bloß Unterhaltungskünstler, sondern sorgen ganz nebenbei auch für Erhalt und Pflege der tschechischen Sprache – und das zu einer Zeit, in der immer mehr Tschechen auf Abstand zur österreichischen Fremdherrschaft gehen und auf Unabhängigkeit sinnen.

1. Advent: Spejbl und Hurvínek

Charakterstudien hinter Glas. Neben den klassischen Stücken Doktor Faust und Don Juan entwarfen die fahrenden Marionettenspieler immer neue Figuren und Charaktere.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs werden die Marionettenbühnen offen politisch. Hauptakteur ist der „Revolutionäre Kasper“, ein älterer Verwandter von Spejbl und Hurvínek und Star des beliebten Pilsener „Kasper-Kabaretts“, in dem die Puppe seit 1914 in den tschechischen Nationalfarben auftritt. Am 23. September 1918, fast zwei Monate vor Kriegsende, trägt der Kasper bei einem grotesken Totenfest das verhasste Österreich-Ungarn zu Grabe – und nimmt damit nicht nur die tschechische Geschichte vorweg.

Der Vater von Spejbl und Hurvínek

Hinter dem Kasper-Kabarett steckt Josef Skupa, ein Allroundkünstler mit vielen Talenten. 1919 entwirft er den Glatzkopf Spejbl, der Schnitzer Karel Nosek fertigt die Puppe an. Doch die Figur ist nicht sonderlich erfolgreich, bis… ja, bis Gustav Nosek, Karels Neffe, aus einer Laune heraus einen kleinen Spejbl schnitzt.

1. Advent: Spejbl und Hurvínek

Die Vitrine zeigt die zweite Kopie von Spejbl, die Gustav Nosek nach dem Original seines Onkels herstellt. Gustav Nosek ist auch der Erfinder der Figur Hurvínek. Links Josef Skupa, der den Spejbl führte und beiden Figuren die Stimme lieh.

Skupa schaltet sofort und kreiert das Vater-Sohn-Duo Spejbl und Hurvínek. Hurvínek bringt seinen Vater mit altklugen Fragen und spitzfindigen Bemerkungen wahlweise in Erklärungsnot oder auf die Palme oder beides gleichzeitig. Das ist so absurd wie das Leben, und eh man sich’s versieht, geraten die beiden in eine hitzige Diskussion über Hirsche, die in Schränken durch den Wald getragen werden – dabei will der Vater eigentlich nur das Märchen von Rotkäppchen erzählen.

Spejbl und Hurvínek waren schon Stars, als Kermit und Miss Piggy noch nicht einmal in den Windeln lagen. Sie machen Josef Skupa weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt. Sein Repertoire umfasst aber noch viel mehr Stücke, vor allem Geschichten für Erwachsene. Die Nazis überzieht Skupa ebenso mit Satire wie seinerzeit die K.-u.-k.-Monarchie und landet dafür im Gestapo-Gefängnis, aus dem er jedoch während eines alliierten Luftangriffs fliehen kann. Im Marionettenmuseum ist er einer der ganz Großen – aber mit ihm ist die Pilsener Puppengeschichte noch nicht zu Ende.

1. Advent: Spejbl und Hurvínek

Im Museum steht die Kopie des Puppentheaters von Karel Novák, Kopf einer der bedeutendsten Marionettenspielerdynastien Tschechiens. In Nováks Theater begann die Puppenspielerkarriere von Josef Skupa.

In Pilsen tanzen immer noch die Puppen

Spejbl und Hurvínek haben heute ein eigenes Theater in Prag und sogar Gastspiele in Deutschland. In Pilsen erobern dafür andere Puppen die Bühne – im Theater ALFA, das als Kindertheater begann, mittlerweile aber auch Dramen aufführt und in seinen Programmen zum Teil Puppen neben Schauspielern auftreten lässt. Einer der größten Erfolge der letzten Jahre war die Marionettengroteske „Die drei Musketiere“, die im In- und Ausland zahlreiche Auszeichnungen erhielt.

Im Marionettenmuseum bewohnen die ALFA-Puppen ein ganzes Stockwerk. Sie sind eine neue Marionetten-Generation für stetig nachwachsende Generationen von Zuschauern. Denn das Bedürfnis nach Geschichten ist groß und die Pilsener sind stolz darauf, dass immer neue Marionettenspieler- und Schnitzer-Dynastien immer neue Puppen und Theaterstücke hervorbringen.

Das gibt es nirgends sonst in Europa. Eigentlich schade, dass den meisten Menschen nur Pils einfällt, wenn sie an Pilsen denken. Ich denke an das Haus Nr. 23 am Náměstí Republiky und seine alten, neuen, schrägen Bewohner.

1. Advent: Spejbl und Hurvínek

Diese Marionetten der Generation ALFA kommen manchmal auch im Marionettenmuseum zur Aufführung.