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Klimawandel? Fliegen ist trotzdem geil, sagt DIE ZEIT

Klimakiller Nr. 1 ist die menschliche Ignoranz, noch vor Treibhausgasen und sonstigem Umweltdreck. Den schlagenden Beweis dafür lieferte jüngst wieder ein ZEIT-Autor – mit einem Hohelied auf das Fliegen als angeblich bedrohter menschlicher „Kulturtechnik“. Die Auswirkungen auf den Klimawandel? Ein Vogelschiss

Wir kennen das alle: Beine breit, Arme hoch, stillhalten. Wenn der Ganzkörperscanner Verdacht schöpft, wird noch mal von Hand abgetastet. Schuhe ausziehen, schneller bitte, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit. Dann das Gepäck: alles aufmachen, was ist das hier, ach so, danke. Immerhin: Es passiert etwas – besser, als in der Warteschlange zu stehen. Und das ist ja die Hauptbeschäftigung an Flughäfen: warten. Zwischendurch für teures Geld Snacks und Drinks kaufen. In Duty-Free-Shops die Zeit totschlagen und das schlechte Gewissen beruhigen wegen Flugverkehr und Klimawandel und so. Ein paar Bilder posten. Im Flieger dann drangvolle Enge, die Ellenbogen der Sitznachbarn, schlechte Luft, schlechte Filme, schlechtes Essen, schlechter Schlaf. Lars Reimers hat das in Der Langstreckenflug hinreichend beschrieben.

Klimawandel und Fliegen: Viel Wind um nichts?

Niels Boeing – kein Aprilscherz, nomen est omen – ficht all das nicht an. In einem langatmigen Text in der Zeit bezeichnet er das Fliegen als „eine der erstaunlichsten Kulturtechniken des 20. Jahrhunderts“. Interessant – so habe ich noch nie darüber nachgedacht. Das macht das Ölsardinen-Feeling im Flugzeug natürlich gleich viel erträglicher. Und der Mann hat ja recht: Fliegen konnten früher nur Götter und Hexen, jetzt sind wir mal dran. Da lassen wir uns doch, Klimawandel hin oder her, von ein paar schlecht gelaunten Umweltschützern keinen „Klimafrevel“ vorwerfen!

Sind ja auch nur zwei Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen, die der internationale Flugverkehr in die Atmosphäre bläst. Hat ein 32-köpfiges Forscherteam aus Kalifornien analysiert, sagt der Niels. Ist also Fakt. Und er untermauert das mit Zahlen. 2016 zum Beispiel hat die deutsche Stromproduktion aus Braunkohle 153 Millionen Tonnen CO2 freigesetzt. Im selben Jahr, rechnet er vor, verursachten fliegende Bundesbürger nur 28,8 Millionen Tonnen CO2. Ein Vogelschiss für den Klimawandel, behauptet der Niels. Deshalb, sagt er, bringt es auch rein gar nichts, wenn die Deutschen jetzt plötzlich kollektiv aufhören würden zu fliegen. Und er findet es total gemein, Leute, die in ein Flugzeug steigen, als Klimasünder zu dissen.

Schon gewusst? Fliegen ist eine „kulturelle Errungenschaft“

Weil der Flugverkehr ist ja gar nicht „Klimakiller Nr. 1“, wie immer behauptet wird, sondern die „globale Wirtschaftsweise“. Da braucht es, so sieht das der Niels, „politische Entscheidungen, die dieses System ändern. Und die wir alle forcieren müssen.“ Wie, das erklärt er allerdings nicht so richtig. Lieber möchte er eine Debatte darüber anstoßen, „was uns das Fliegen als kulturelle Errungenschaft wert ist“. Erst im zweiten Schritt würde er die Frage stellen: „Was müsste dann passieren, um die Luftfahrt klimaverträglicher zu machen?“

Krasse Reihenfolge, aber gut, das fällt unter die Meinungsfreiheit. Immerhin schlägt er dann ein paar Klimaverträglichmacher für den Flugverkehr vor, zum Beispiel Kompensation: Die Fluggesellschaften machen weiter Dreck, sind aber trotzdem vorbildlich klimabewusst, weil sie CO2-Zertifikate kaufen, mit denen sie Klimaschutzprojekte finanzieren und damit einen Teil des Klimadrecks ausgleichen. Der Niels gibt zu: „Der große Wurf ist es noch nicht“, aber er hat noch ein paar andere coole Vorschläge, die das Fliegen fit machen für den Klimawandel, zum Beispiel eine Änderung der Flughöhen und Flugrouten oder die Entwicklung von Wasserstoff-Triebwerken. Das sind zwar „noch Zukunftsvisionen“, räumt er ein, aber hey, immerhin ist eine Luftfahrt ohne Ruß, Schwefel und CO2 für ihn „kein Ding der Unmöglichkeit“, auch wenn es bis dahin noch ein bisschen dauert. Und es geht hier ja schließlich um höhere Werte. Darum, dass „der Traum vom Fliegen nicht zerplatzt. Und wir nicht hart auf dem Boden einer engstirnigen Welt aufschlagen, deren Landstriche wieder allein um ihren eigenen Nabel kreisen und in der wir vergessen haben, was für eine vielfältige Menschheit auf diesem Planeten zu entdecken ist.“ Sagt der Niels.

Gibt’s zum Fliegen gratis dazu: schöne Blicke aus dem Flugzeugfenster, hier auf den mächtigen Flusslauf des Orinoco in Venezuela

Schöne Blicke auf einen ächzenden Planeten: der Orinoco in Venezuela

Es nützt alles nichts: Wir müssen uns ändern

Wow! Starker Vortrag, lieber Niels! Nur leider ziemlicher Bullshit. Wir können uns keine fernen Zukunftsvisionen leisten, uns läuft die Zeit davon. Höchstens zwölf Jahre geben uns Klimaschützer noch, um den Klimawandel wenigstens ein bisschen auszubremsen – und der Bericht, in dem das steht, ist schon wieder mehr als sieben Monate alt. Ein anderer Bericht von Anfang Mai zur globalen Biodiversität stellt schnörkellos fest, dass die Menschheit gerade dabei ist, sich selbst den Lebenssaft abzudrehen. „Es geht ans Eingemachte, bis hin zur Änderung unseres Lebensstils“, sagt Horst Korn vom Bundesamt für Naturschutz. Die massenhaft streikenden Schüler haben das längst begriffen. Der Nils hält dagegen: Mit „individuellen Verzichtsentscheidungen“ kommen wir nicht weiter, nur „als politisch handelnde Subjekte“. Heißt das, lass mal die Politprofis ran? Christian Lindner lässt grüßen…

Taschenspielertricks reichen nicht mehr gegen den Klimawandel

Aber die paar Emissionen aus dem Flugverkehr fallen doch eh nicht ins Gewicht, beharrt der Niels. Hm, das hört sich bei Reto Knutti von der EZB Zürich ganz anders an. „Wir müssen mittelfristig den gesamten Ausstoß auf null bringen“, sagte der erst letzte Woche. Und er sagt auch: „Man rechnet bei Flügen mit mindestens einem Faktor zwei.“ Ups! Also sind die zwei Prozent CO2-Anteil des Flugverkehrs in Wirklichkeit mindestens vier Prozent. „In der Schweiz zum Beispiel“, setzt der Reto nach, „liegt der Beitrag der Luftfahrt etwa schon bei rund 20 Prozent, und wächst rasant“. Ein ziemlicher Brocken im Mahlwerk des Klimawandels.

Ja, sagt der Niels, aber: „Die Luftfahrt hat über Jahrzehnte die Effizienz ihrer Maschinen immer weiter gesteigert. Pro Passagier ist der Kerosinverbrauch laut Weltbank seit Ende der 1950er um rund 80 Prozent gesunken.“ Darauf der Reto: „Das ist eine sehr gute Entwicklung. Das Problem ist nur, dass dieser Erfolg durch das Wachstum des globalen Flugverkehrs zunichte gemacht wird. Immer mehr Menschen fliegen immer mehr.“ Tja. Was nun?

Fliegen wie im 20. Jahrhundert ist nicht zukunftsfähig

Es ist ganz einfach: Wir müssen weniger fliegen. Und: Fliegen muss ganz schnell sauber werden. So lang das nicht der Fall ist, muss der Flugverkehr für die Schäden an Klima und Umwelt aufkommen. Das bedeutet: Fliegen wird teurer, unter anderem durch eine dringend notwendige Kerosinsteuer. Aber, sagt der Niels, „der Preisverfall in der Luftfahrt hat die Flugreise demokratisiert“, und Demokratie ist doch etwas Gutes, oder? Klar! Nur leider haben wir nur einen Planeten, und gemeinsam, aber demokratisch am Klimawandel zugrunde zu gehen ist nicht gerade das, was ich mir für die Zukunft meiner Kinder wünsche. Im Übrigen: Reisen ist ein Privileg der einkommensstarken Länder. Dreck machen auf Kosten derer, die sich das Dreck machen nicht leisten können, ist nicht sooo demokratisch.

Lieber Niels: Fliegen wie im 20. Jahrhundert ist nicht zukunftsfähig, und die Folgen für das Klima leider, leider kein Vogelschiss. Wenn wir da nicht sofort gegensteuern, fliegt uns unser schöner Planet schon bald um die Ohren. Oder, anders ausgedrückt: Wir schlagen hart auf dem Boden einer engstirnigen Welt auf, die allein um den Nabel ihrer kulturellen Errungenschaften kreiste und darüber vergaß zu überleben.

Früher Flugverkehr: Der deutsche Flugpionier Paul Engelhard im Flug, Flugplatz Johannisthal bei Berlin, 1910 (historische Aufnahme)

So fing das mal an: Der deutsche Flugpionier Paul Engelhard im Flug, Flugplatz Johannisthal bei Berlin, 1910