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Wintersport in den Alpen: Schnee 4.0 vs. Klimawandel

Der Winter in den Alpen ist nicht mehr das, was er mal war. Das treibt den Wintersport schon jetzt vielerorts an seine Grenzen. Die Antwort der Pistenmanager: künstlicher Schnee aus immer effizienteren Beschneiungsanlagen. Aber hält das den Klimawandel in Schach?

Die Westalpen konnten letzte Woche schon aufatmen, in den Nordostalpen ging es am Montag los – endlich, endlich Schnee satt, das erst Mal in dieser Saison. Überall scharren Wintersportler und Pistenbetreiber ungeduldig mit den Hufen. Die einen können es kaum abwarten, die Hänge runterzurutschen, die anderen hoffen auf klingelnde Kassen. Also alles im Lot im Alpenländle? Klimawandel im Griff?

Nicht überall herrscht eitel Sonnenschein. Die erst im letzten Dezember eingeweihte Seilbahn auf die Zugspitze mit ihren großspurigen Rekorden – größter Höhenunterschied zwischen zwei Stationen, höchste Seilbahnstütze Europas – hat schon ihren ersten Unfall hinter sich, zum Glück ohne Personenschaden. Ob sie vor Weihnachten wieder fährt, ist fraglich. Jetzt verpatzt das föhnige Wetter auch noch den Saisonstart.

Verflixter Klimawandel

Schuld ist, wie immer, der Klimawandel. Laut Prognosen wird die kalte Jahreszeit in den Alpen bis zur Mitte des Jahrhunderts selbst in mittleren Höhen um die 1800 Meter gut einen Monat kürzer ausfallen als bisher. Gleichzeitig verschiebt sich die Schneegrenze um bis zu 500 Meter nach oben. Für die meisten Alpengletscher bedeutet das das Aus, Steinschläge und Erdrutsche werden sich häufen.

Tatsächlich trifft der Klimawandel die Alpen mit verdoppelter Wucht. Sollte es der Weltgemeinschaft wider Erwarten gelingen, die 2015 in Paris vereinbarte globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, heißt das für die Alpen: mindestens 2,5 Grad. Sogar von 4,5 Grad Temperaturanstieg ist die Rede, wenn es so weitergeht wie bisher. Die Wintersport-Industrie reagiert mit technologischer Aufrüstung: Wenn der Klimawandel den Schnee frisst, machen wir eben selber welchen!

Wintersport in den Alpen: Schnee 4.0 vs. Klimawandel – Mit Folien gegen die Sonneneinstrahlung abgedeckter Teil des Tiefenbachferners in den Ötztaler Alpen

Mit Folien gegen die Sonneneinstrahlung abgedeckter Teil des Tiefenbachferners in den Ötztaler Alpen. Foto: Tiia Monto, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61676384

Schnee 4.0 in den Alpen: Die Pistenmanager

Wer im Winter mit einer Piste in den Alpen Geld verdienen will, muss es das ganze Jahr über mit vollen Händen ausgeben. Schon im Frühling geht es los – mit Snow-Farming: Noch vor dem großen Tauwetter wird der Schnee zusammengeschoben und unter Planen für die nächste Saison gelagert. Das ist die Basis.

Im Sommer folgt Phase zwei: Schweres Gerät ebnet die Hänge so, dass sie einen idealen Pistenuntergrund abgeben. Was im Weg liegt oder steht – große Steine oder Bäume – muss weichen. Dann kommt eine frische Grasnarbe drauf. Aber das ist nicht alles: Per Satellitenmessung erfassen die kostspielig ausgestatteten Pistengeräte jede noch so kleine Bodenerhebung und erstellen ein Profil der Hangoberfläche. Wenn im Winter Schnee darauf fällt, wird erneut gemessen. Der Differenzwert ergibt die Schneehöhe, die idealerweise 40 Zentimeter beträgt. Werden die nicht erreicht, erledigen Schneekanonen den Rest – punktgenau dank satellitengestützter Datensteuerung. So schafft sich der Wintersport in den Alpen auch in schneearmen Wintern exakt beschneite Pisten.

Das klappt allerdings nur bei minus 3 Grad, und das Risiko will auf Dauer niemand tragen, denn der Klimawandel bleibt nicht stehen. Also werden neue Technologien entwickelt und erprobt: eine Überschalldüse, die noch bei 2,7 Grad plus Schnee erzeugt – nur für den enormen Energieverbrauch gibt es noch keine Lösung – oder eine „Wolkenkammer“, die es schneien lässt wie Frau Holle persönlich, wenn auch nur auf einer sehr begrenzten Fläche.

Ein Pistenfahrzeug präpariert einen Skiabfahrtshang – Wintersport in den Alpen: Schnee 4.0 vs. Klimawandel

Pistenbully: vorne Räumschild, hinten Fräse. Foto: Stefan.straub – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52349870

Wintersport – ein teures Vergnügen

So viel Alpen-Hightech verschlingt natürlich Geld und Ressourcen. Drei bis fünf Euro kostet ein Kubikmeter Kunstschnee im Schnitt, und um einen Hektar Piste zu beschneien, braucht es eine Million Liter Wasser. Die datengestützte Beschneiung reduziert den Aufwand erheblich, weil die Schneemenge exakt den Bodenverhältnissen angepasst wird. Das verringert den Wassverbrauch und senkt auch den Dieselverbrauch der Schneekanonen und Pistenraupen. Dennoch sind die Kosten im alpinen Wintersport gewaltig.

Der harte Wettbewerb macht es nicht besser. Rund 18.000 Skipisten gibt es in den Alpen. Sie alle buhlen um ein Publikum, das schrumpft. Vorbei die Zeiten, als Skifahren noch ein Boomsport war. Zwar sind die Deutschen rein mengenmäßig mit 15 Millionen aktiven Skifahrern Vizeweltmeister hinter den USA, doch bekommt der Wintersport immer mehr Konkurrenz durch neue Trendsportarten. Und wenn der Klimawandel regelmäßig dafür sorgt, dass in den Städten kein Schnee mehr liegt, kommt auch keine rechte Lust auf, die Skier einzupacken und in die Alpen zu fahren.

Skipiste mit Lift in den Alpen – Wintersport in den Alpen: Schnee 4.0 vs. Klimawandel

Allein Deutschland kommt auf 15 Mio. Skifahrer. Foto: Robert Brands, flickr

Ballermann im Schnee

Da muss man der Motivation schon ein bisschen auf die Sprünge helfen. Im Tiroler Skigebiet Ischgl, das sich selbst als „Lifestyle-Mekka der Alpen“ bezeichnet, treibt das besondere Blüten. Dort leben fast alle vom Wintersport, entsprechend geht der Skizirkus von November bis Anfang Mai. Die Werbung lockt mit 238 Pistenkilometern und Achter-Sesselbahnen mit Sitzheizung und W-Lan. Gesamtkapazität: 134.000 Passagiere pro Stunde.

Die eigentliche Attraktion von Ischgl aber ist das Aprés-Ski-Angebot. Bars und Restaurants richten sich in ihrer Aufmachung vor allem an das junge Party-Publikum. Dieselbe Zielgruppe peilen kostenlos angebotene Konzerte mit Stars der internationalen Musikszene an, und Party-Events im Stil von „Heute geile Zickenparty“ kopieren, was sich am Ballermann bewährt hat – irgendwie müssen ja die mehr als 10 Mio. Euro Beschneiungskosten pro Saison wieder reinkommen.

Skifahrer stehen vor dem Partylokal „Après-Ski Kuhstall“ – Wintersport in den Alpen: Schnee 4.0 vs. Klimawandel

Abfeiern in Ischgl: Après-Ski im „Kuhstall“. Foto: Anna Moritz – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5966857

Das bayerische „Skiparadies Sudelfeld“ gibt sich genauso jung und gut drauf. Wintersport wird hier zur „Actionwelt“ mit „Snowpark“, „Freeridecross“ und „Pisten aller Schwierigkeitsgrade“. Ballermann-Parties sind noch nicht im Programm, dafür suggeriert der Slogan „Skifahrn dahoam – wann und sooft Sie wollen!“ Skivergnügen rund um die Uhr – ein Versprechen, das wie überall nur noch unter größter Kraftanstrengung eingehalten werden kann.

Wachstum um jeden Preis

Denn viele Skigebiete in den Alpen haben in den letzten Jahrzehnten so ausschließlich auf den Wintersport gesetzt, dass es jetzt an Alternativen fehlt. Wenn der Schnee ausbleibt, sitzen sie regelrecht auf dem Trockenen. Da hilft am Ende auch kein Ballermann im Schnee. Doch statt umzudenken, bauen die Betroffenen auf Wachstum. Wenn es sein muss, werden dabei auch schon mal Gesetze aufgeweicht wie am Riedberger Horn im Allgäu.

Dort wollten sich zwei Skigebiete durch den Neubau eines Skilifts vereinigen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Nur war ihnen dabei ein Schutzgebiet im Weg, dessen Schutzstatus die bayerische Staatsregierung jedoch kurzerhand per Kabinettsbeschluss aufhob. Gebaut wird der Skilift dennoch nicht, jedenfalls vorerst: Nach heftigen Protesten von Umweltschützern liegt das Projekt für zehn Jahre auf Eis.

Kabinen der Fimbabahn (links) und der Silvrettabahn (rechts) in Ischgl – Wintersport in den Alpen: Schnee 4.0 vs. Klimawandel

Kabinen der Fimbabahn (links) und der Silvrettabahn (rechts) in Ischgl, kurz vor der Bergstation auf der Idalp. Foto: Gast32 – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44230213

Umweltschutz? Am liebsten nur, wenn’s dem Tourismus dient

Eigentlich hat der Umweltschutz in den Alpen eine starke Lobby, und auch der Klimawandel ist ein Thema in allen acht Anrainerstaaten. Wenn es um Wintersport geht, scheiden sich allerdings die Geister – zu groß ist die Abhängigkeit vom Geschäft mit dem Schnee. 38.000 Schneekanonen sind in der Alpenregion in Betrieb. Die Pistenmanager setzen sie teilweise schon ab September oder Oktober ein, damit die Saison im November planmäßig starten kann.

Die Ökobilanz der künstlichen Beschneiung ist ernüchternd. Zwar schwanken die Angaben über den Energieverbrauch erheblich, sie dürften aber in etwa dem Jahresbedarf einer Halbmillionenstadt entsprechen. Noch ernüchternder ist der Wasserverbrauch, der auf eine Million Liter pro beschneitem Hektar Pistenfläche geschätzt wird. Das Wasser stammt aus eigens angelegten Speicherseen, die den Raubbau an der Natur noch verschlimmern und den Wasserhaushalt ganzer Regionen belasten.

Umweltschutz hat seinen Platz vor allem im Rahmen von Green economy und naturnahem Tourismus. Der schonende Umgang mit Ressourcen taugt sogar als Profilierung gegenüber der Konkurrenz. Die Skiwelt Wilder Kaiser-Brixental rühmt sich zum Beispiel, 2008 den ersten solarbetriebenen Lift weltweit gebaut zu haben. Und: Das ganze Skigebiet samt Beschneiungsanlagen werde nur mit Ökostrom betrieben. Der künstliche Schnee selbst, die Liftanlagen, überhaupt Wintersport für ein Massenpublikum – all das wird überhaupt nicht infrage gestellt. Grüne Technologie, so die Botschaft, stutzt dem Klimawandel die Krallen und macht ihn beherrschbar.

Alpenpanorama, hier mal ohne Pisten – Wintersport in den Alpen: Schnee 4.0 vs. Klimawandel

Alpenpanorama, hier mal ohne Pisten

Ist das Haltbarkeitsdatum für den Wintersport bald abgelaufen?

„Der Klimawandel verschärft den Verdrängungswettbewerb“, stellt der Deutsche Alpenverein nüchtern fest. In der Folge wandern die Skigebiete in immer höhere Gebirgszonen und investieren in immer effizientere Beschneiungsanlagen. Zusammenschlüsse kleinerer Skigebiete durch neue Liftanlagen erhöhen noch den Flächenfraß und nehmen dabei wenig Rücksicht auf Schutzzonen. Doch es hilft alles nichts: Laut DAV werden in den Bayerischen Alpen „bei einer Erwärmung von +2°C trotz künstlicher Beschneiung nur noch 40% der Skigebiete schneesicher sein“.

Der Wintersport, wie wir ihn heute kennen, hat keine Zukunft. Die gehört wohl eher Gleitmatten aus Hightech-Textilien made in Germany. In Frankreich und China sind sie schon im großen Stil im Einsatz. In den Alpen werden wir sie wohl auch bald sehen – spätestens dann, wenn sich bei den dortigen Pistenmanagern die Erkenntnis durchsetzt, dass künstlicher Schnee den Klimawandel nicht aufhalten wird.

Gleitmatte aus Textil als Schneeersatz – Wintersport in den Alpen: Schnee 4.0 vs. Klimawandel

Gleitmatte aus Textil als Schneeersatz. Foto: Snecklifter at English Wikipedia [Public domain], via Wikimedia Commons