Museo-Reina-Sofia-in-Madrid_134

Museo Reina Sofia – Ein Palast für die Kunst

Auf Reisen ins Museum? Immer gerne! In Madrid ist das Museo Reina Sofia für zeitgenössische Kunst richtig toll. Kann ich 100% empfehlen. Highlight des Museums ist das Bild Guernica von Picasso. Krass wie die 30er Jahre die Welt verändert haben.

So richtige Sehenswürdigkeiten wie einen Eifelturm oder das Pantheon in Rom bietet Madrid nicht. Die Stadt Madrid für sich ist die spektakuläre Sehenswürdigkeit. Dennoch gibt es viele tolle Attraktionen. Zu den größten Highlights gehören zweifelsfrei die sensationellen Museen der spanischen Hauptstadt. Im Prado war ich schon. Heute gehe ich in das Museo Reina Sofia. Das spanische Nationalmuseum für moderne und zeitgenössische Kunst. Demnächst kommt dann das Museo Thyssen – Bornemisza dran.

Fundstücke am Wegesrand

Zum Museo Reina Sofia schlendere ich über ich die breite Calle de Atoccha. Bratendüfte und Fettschwaden wallen mir verführerisch entgegen. Die Dichte der Burgerläden, Schnell-Imbisse und Restaurants mit internationaler Küche nimmt merklich zu, je näher ich der Museums Meile Madrids und damit dem Museo Reina Sofia rücke. Die Dichte der internationalen Besucher natürlich auch.

In Madrid gibt es übrigens den schönen Brauch, die Leckereien der Speisekarte in den Schaufenstern der Restaurant als Appetithäppchen geschmackvoll anzurichten. Manchmal eine kulinarische Versuchung. Manchmal lässt ein schneller Blick auf diese werblichen Stilleben an der Frische sowie geschmacklichen Qualität des Speiseangebotes zweifeln. Immerhin stimmen diese Arrangements auf den Besuch des Museo Reina Sofia ein.

Hier mal ein Vergleich zwischen der verschwitzten Installation eines anonymen Küchen-Kreativen und der erhabenen Darbietung eines Vitello Tonnatos durch den genialen Pop-Artisten, Claes Oldenburg. Beides hat seinen Reiz. Nur ist das eine vergänglich und das andere eben ewig.

Sektflasche, Apfelkuchen, Pasteten, Fischauflauf hinter einer Glasscheibe. Schaufenster eines Restaurants in der Nähe des Museo Reina Sofia

Vergänglich: Annonym, Speisevitrine eines Restaurants in der Nähe des Museo Reina Sofia, 2016

Vitrine im Museo Regina Sofia mit Werken des Künstlers Claes Oldenburg. Im Vordergund ein Stück Braten mit Thunfischsoße.

Ewig: Claes Oldenburg, Vitello Tonnato, 1964.

Interventionen aus Wohlstandsmüll

Überhaupt begleiten mich auf dem Weg ins Museo Reina Sofia Installationen rund ums Essen. Auf dem großen, unterkühlten Platz vor dem riesigen, abweisenden Museums-Schloss fällt mir ein umkrümmeltes Arrangement aus Blattsalat, Feuerzeug und Kronkorken auf. Der Rest eines kargen Armenmahls? Etwas weiter, natürlich neben dem Eingang einer Tiefgarage, ein weiteres Stilleben. Hier wird mit Flatterband und Ikea-Bruch eine prekäre Wohnsituation unter freiem Himmel nachgebildet.

Diese präzise hingerotzen Interventionen aus Wohlstandsmüll vor dem Museo Reina Sofia lassen die Museumsmeile Madrids plötzlich als disneyfizierten Themepark aufscheinen. Warum? Weil für einen kurzen Moment die Unterscheidung zwischen Realität und Tragödie schwerfällt. Nach dem Motto, was ist das hier eigentlich, schon Kunst oder noch Müll?

Installationen aus Wohlstandsmüll vor dem Museo Reina Sofia

Das Kunstkloster Museo Reina Sofia

Das Museo Reina Sofia ist in einem klosterartigen Komplex aus der Zeit des Bourbonen-Königs Karl des III. eingezogen. Lange war hier Krankenhaus. Dann kam die Kunst. Als dieser gewaltige Bau zu eng wurde, kam 2005 ein Neubau dazu. Nun stehen 84.000 Quadratmeter Fläche für die 21.000 modernen und zeitgenössischen Kunstwerke des 20. und des 21 Jahrhunderts in der Sammlung des Museum zur Verfügung. Das sind gewaltige Größenordnungen. Vier Etagen vollgestopft mit Spanischer Kunst aus dem letzten und dem jetzigen Jahrhundert. Eingebettet in ein bisschen internationale Kunst.

Im Prado gibt es zum Beispiel aus dem 15. Jahrhundert gerade Mal 129 Werke. Aus dem 17. Jahrhundert immerhin schon 984 Kunstwerke. Da sind dann aber auch über 100 herrliche Schinken des Vielmalers Rubens und seiner großen Werkstatt mit dabei. Der bloße Vergleich macht es deutlich. Kunst gibt es heute wie aus der Industrieproduktion am laufenden Band. Dabei ist der Künstler meist nicht so sehr ein klassischer Arbeiter oder Handwerker, eher Ingenieur oder CEO. Denn zeitgenössische Kunstproduktion ist ja vor allem Gedankenarbeit.

Langer Flur im Museo Reina Sofia. Pfeiler aus Kalkstein und weißgetünchte Decken.

Fluchtpunkt Kunst

Ein Metronom mit Auge vor einem Fenster im gang des Museo Reina Sofia in Madrid

Man Ray, Indistructible Object

Manchmal geht Kunst leider auch kaputt. Wie bei anderen industriell hergestellten Gerätschaften mit eingebauter Lebensdauer-Beschränkung ist reparieren dann häufig nicht möglich. Kaputte Smartphones landen nach drei Jahren auf der Müllhalde. Kaputte Kunst verwandelt sich meist in Kunstgeschichte.

Man Ray in der Sammlung des Museo Reina Sofia ist ein Beispiel dafür. Sein aufgeblasenes Metronom mit Auge, das Indestructible Object erfunden 1923, ist völlig aus der Zeit gefallen. Kurt Schwitters Ur-Sonate dagegen, stotternd, rülpsend und räuspernd vom Künstler selber dargeboten und auf Schallplatte gebannt, bezaubert den Hörnerv noch so knusprig frisch wie am ersten Tage irgendwann in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Stillleben von Pablo Picasso. Drei rot gemalte Lammschädel liegen auf einer braunen Tischplatte vor einer gelben Wand.

Pablo Picasso, Drei Lammköpfe, 1939. Vanitas – Vergänglichkeit

Pablo Picasso und Guernica

Der Held des Museo Reina Sofia ist Pablo Picasso. Sein berühmtes Gemälde Guernica ist das Herzstück der Sammlung. Diese Ikone der Moderne, das letzte bedeutende Historienbild Europas, entstand als Reaktion auf die Zerstörung der Stadt Guernica während des Spanischen Bürgerkriegs durch deutsche und italienische Bomben. Ein schlimmes, widerliches Kriegsverbrechen.

Picasso malte dieses gewaltige Werk innerhalb weniger Wochen. Im Auftrag der Republik Spanien, für die Weltausstellung in Paris. Nach dem Ende der Ausstellung, Spanien war inzwischen eine faschistische Diktatur, ging das Bild auf Weltreise. Nordeuropa und USA. Schließlich ankerte es im Museum of Modern Art in New York. Anfang der 80er Jahre, nach dem Ende der faschistischen Diktatur in Spanien, kam das Bild endlich nach Madrid. Seit 1991 hängt es im Museo Reina Sofia. Allein diese ungewöhnliche Odyssee macht Guernica zu einem Thema für einen Reiseblog wie Sirenen & Heuler.

Ich kann mir Guernica aber gar nicht richtig anschauen. Denn ich bin völlig abgelenkt. Das hängt damit zusammen, wie autoritär sich das weltberühmte Gemälde im Museum präsentiert. Das erregt meinen Unwillen und macht mich wütend. Schon beim Betreten der Ausstellungsräume heißt es: “PSSSSTTTT“. Fotografieren ist streng verboten, deswegen hier der Link zum Bild. Solch strikten Handlungsanweisungen zum Kunstgenuss kenne ich nur aus der Capella Sistina im Vatican. Dort wo sich die Kunst mit höchsten kirchlichen Weihen verschränkt.

Links und rechts von Guernica sind zwei Hochstühle aufgestellt. Solche vom Tennisplatz. Auf denen die Schiedsrichter lungern. Darauf hocken Museumswächter. Sie jagen von ihren Hochsitzen die Foto-Sünder und sorgen für Ruhe. Welch ein lächerlicher Betreuungsaufwand für ein Bild. Das disziplinierte Publikum steht in einem weiten Halbkreis wie schockgefroren um die grau angemalte Leinwand. Diese passive Haltung entspricht vielleicht der Absicht der Ausstellungsmacher. Vielleicht reflektiert diese Passivität der Betrachter auch die außergewöhnlich hohe Bedeutung des Bildes als Zeugnis der konfliktreichen jüngeren spanischen Geschichte. Mich lässt das Bild kalt. Ich wundere mich eher über die Ehrfurcht dem Bild gegenüber. Ich meine, das Pferd ist echt richtig schlimm. Ich komme mir vor wie ein Kunstketzer.

Spanische Kunst des 20. Jahrhunderts

Außer Picasso gibt es im Museo Reina Sofia noch viele andere Künstler zu entdecken. Verwundert wandere ich durch das Museum, weil ich mich mit der spanischen Kunst des 20 Jahrhunderts gar nicht auskenne. Darum halte ich mich erstmal an dem altbekannten fest: Dali zum Beispiel.

Peinlich! Salvador Dali fand ich als Junge richtig toll. Jugendsünden! Immerhin überrascht mich ein Dali Gemälde mit dem wundersamen Titel The Enigma of Hitler. Ein schleimiger Telefonhörer ejakuliert in einen Suppenteller, der ein Porträt Adolf Hitlers enthält. Wahnsinn?

Der spanischer Surrealist und Avantgarde Künstler Óscar Domínguez dagegen ist ganz neu für mich. Ich begeistere mich kurz für seine kleine Skulptur Der Schütze, weil da vom Torso von Belvedere über Michelangelo bis zu Rodin die Kunstgeschichte aufblitzt. Ok, das wird dann auch schnell etwas schal. Aber ganz besonders toll sind Domínguez‘ Grafiken und Drucke. Habe ich mir gerne angeschaut.

Salvator Dali, The Enigma of Adolf Hilter.

Óscar Domínguez, Der Schütze

Auch der abgefahrenen Telluric Art bin ich im Museo Reina Sofia zum ersten Mal begegnet. Irgendwie geht es dabei um die Verschmelzung von surrealistischen Ideen mit ländlichen Formen und vorgeschichtlichen Artefakten zu einer neuen Kunstform. Eben! Telluric Art. Irre, was unter der heißen Sonne Spaniens so alles gedeiht.

Abstraktion und Informelle Malerei

Während des Grauens des europäischen Totalitarismus und des 2. Weltkriegs hat das Vertrauen vieler Künstler in Form und Komposition verständlicherweise arg gelitten. Was haben das Gute, Wahre und Schöne auch in einer brutalen und grausamen Welt zu suchen? Eine Antwort der Künstler auf diesen gewaltsamen Vertrauensverlust ist die Informelle Malerei. Eine Art orgiastische Abstraktion. Zum Beispiel genügen dem genialen Antoni Tàpies Geste und Textur als Materialien, um daraus energetisch aufgeladenen Bilder zu schaffen. Nie war Asphalt oder Beton schöner als in den Werken Antoni Tàpies. Manuel Millares kreiert auf Sackleinen schockierend kraftvolle Bilder wie klaffenden Wunden zwischen Bumsen und Verwesen. Jeder Klecks und jeder Spritzer sitzt genau am rechten Fleck.

Manuel Millares, Cuaodro 1957.  Ein tolles Beispiel für die orgiastische Abstraktion der informellen Malerei in Spanien

Fleißarbeit. Juan Hidalgo, Lanas, 1972 Rekonstruktion 2009

Verspielt und zauberhaft dagegen die Rekonstruktion von Lanas. Ein ephemerer Farbraum aus 1600 Wollfäden in 40 verschiedenen Farben installiert von Juan Hidalgo. Eigentlich sollen die Betrachter durch diese Fäden hindurch gehen. Mit ihrem Schreiten könnten sie die 1600 Glöckchen erklingen lassen, die unten an den Fäden baumeln. Im schönsten Fall könnten ihre Bewegungen, die 1600 Fäden sogar zu einem unansehnlichen Netz verknoten. Veränderung! Das ist natürlich ein Graus für jeden Museumskurator. Darum: Betreten verboten!

Besonders gut gefällt mir im Museo Reina Sofia, dass die Kunstwerke eingebetet sind in einen weiten mediengeschichtlichen Kontext aus Filmen, Zeitungen, Büchern und vielem mehr. Besonders ausführlich geschieht das rund um Picassos Guernica. Dort wird versucht den Rahmen der ersten öffentlichen Präsentation des Bildes im spanischen Pavillon der Weltausstellung in Paris zu rekonstruieren. Außerdem wird das internationale Engagement von Künstlern für die gute Sache der spanischen Republik dokumentiert. Im Museo Reina Sofia kommen keine Zweifel auf an der gesellschaftlichen und politschen Relevanz von zeitgenössischer Kunst. Toll!

Bocadillo con Calamares. Ganz ehrlich: lecker geht anders

Lecker geht anders

Essen gab es auch. Gleich hinter dem Museo Reina Sofia bin ich in ein Restaurant mit dem verführerischen Namen Il Brilliante gegangen. Dort habe ich ein Bocadillos con Calamares diese beliebte Spezialität, ganz typisch für die feine Küche Madrids, mit einem frischen, richtig kleinem Bier herunter gespült.

Landestypische Spezialität ist häufig ein Synonym für “Lecker“. Aber von den Bocadillos con Calamares war ich ziemlich enttäuscht. Welches Résumé lässt sich aus einem kulinarisches Erlebnis ziehen, dessen Zutaten minderwertiges, industriell gefertigtes Backwerk und zäher, in minderwertigem Backwerk panierter Tintenfisch ist? Genau: Nie wieder! Aber beim Museo Reina Sofia da werde ich zum Wiederholungstäter!

Plan des Museo Reina Sofia mit Notizen.

Am besten beginnst Du die Besichtigung im 2. Stock im Raum 206 mit Guernica

Service

Das Museo Reina Sofia betreibt eine sehr informative Website mit deren Hilfe Du einen guten Überblick über die Sammlung des Museums bekommen kannst. Über den Button Plan Your Visit im Hauptmenu kannst Du recherchieren, welche Kunstwerke gerade ausgestellt sind. Ideal zur Vorbereitung Deines Besuchs im Museum. Auf der Website findest Du auch Informationen zu Öffnungszeiten und Eintrittspreisen. Zwei Stunden vor Schließung ist der Museums-Eintritt kostenlos.

Für einen ausführlichen Besuch im Museum solltest Du einen halben Tag einplanen. Wenn Du nur wenig Zeit hast, das Museo Reina Sofia zu besichtigen, dann beginnst Du Deine Tour am besten im 2. Stock mit der Ausstellung rund um Guernica. Von dort kannst Du Dich dann bequem weiter vorarbeiten.