Pompeji Ausgrabungen – Auf den Spuren eines Infernos

Modell der Ausgrabungen von Pompeji.

Die Ausgrabungen von Pompeji sind weltberühmt. Immer wieder werden in der römischen Stadt spektakuläre Entdeckungen gemacht. Hier erfährst Du, was Du in den Pompeji Ausgrabungen entdecken kannst. Ein kurzer Rundgang führt Dich vom Amphitheater über das Forum bis zur berühmten Villa dei Misteri.

Neue Entdeckungen bei den Ausgrabungen in Pompeji

In den letzten Monaten, war es zwar schwierig Pompeji zu besichtigen. Aber sensationelle Entdeckungen in den Ausgrabungen von Pompeji sorgen trotzdem für große Aufmerksamkeit. Ein gut erhaltenes Thermopolium, eine Art Schnellimbiss wurde ausgegraben. Thermopolien gibt es in Pompeji vielen, nämlich 31. Das 32. ist vor allem wegen des guten Erhaltungszustands und der bunten Fresken mit Vögeln und und verführerischen Nymphen, die ans Tageslicht gebracht wurden, eine Sensation.

Ganz und gar einzigartig ist dagegen der Fund eines fast intakten Prunkwagen, der in einer antiken Villa außerhalb der Grabungen von Pompeji freigelegt werden konnte. Der große zeremonielle Wagen ist mit Dekorationen aus Bronze geschmückt, die Männer und Frauen in anzüglichen Posen zeigen. So ein prächtiger Triumphwagen wurde in Italien noch nie gefunden, frohlockten die Archäologen. Dass bei den Ausgrabungen in Pompeji immer wieder sensationelle Entdeckungen gemacht werden können, ist keine Überraschung. Denn auch 270 Jahre nach dem Beginn der ersten Grabungen, sind große Teile der antiken Stadt und deren Umgebung noch immer von vulkanischem Eruptionsmaterial bedeckt.

Rund um den Vesuv schlummern also noch unzählige verborgene Schätze der römischen Vergangenheit im Boden. Diese mögen zwar die Begehrlichkeiten von Archäologen wecken, aber bei einer Reise an den Golf von Neapel wird schnell klar, dass viele dieser Schätze für immer verborgend bleiben werden. Denn über den verschütteten Städte am Vesuv sind die modernen Vorstädte der Metropole Neapel gewachsen. Ein Vorteil übrigens für kriminelle Hobby-Archäologen. Die durchlöchern diesen Untergrund mit Tunneln, um ihm die verschütteten Reichtümer zu entreißen und illegal auf dem Schwarzmarkt für antike Kunstwerke zu verticken.

Pompeji Ausgrabung im Hintergrund der Vesuv.
Die Ausgrabung von Pompeji im Hintergrund der Zerstörer, im Vordergrund das Zerstörte

Der Untergang von Pompeji

Vor fast 2000 Jahren, am 24. August 79 ging Pompeji unter. Der Vesuv war ausgebrochen. Ein Regen aus Bimsstein und Asche ergoss sich über die Stadt. Pyroklastische Wolken, ein todbringender Mix aus brennenden Gasen, geschmolzenem Gestein und vulkanischem Schutt donnerten die Hänge des Vesuvs hinunter und überschwemmten die Stadt.

Viele Bewohner hatten die Stadt rechtzeitig vor der Katastrophe verlassen. Aber einige 1000 waren in Pompeji geblieben, sie wurden mit ihrer Heimatstadt in den Tod gerissen. Besonders faszinierend ist, dass das Leben in Pompeji innerhalb eines kurzen Moments zum Erliegen kam. Denn so konnte sich unter der Asche des Vesuvs das Abbild des Lebens in einer römischen Kleinstadt wie in einer Zeitkapsel bewahren.

Auch 2000 Jahre nach dem Untergang ist Pompeji immer noch interessant. Dieser kleine Rundgang durch die Ausgrabungen stellt einige ihrer Highlights vor. Dieser Rundgang durch Pompeji beginnt in der Nähe des Amphitheaters und führt über die Via dell‘ Abbondanza weiter zum Forum und zum Schluss zur berühmten Villa dei Misteri. Dabei erfährst Du, was Du in den Ruinen von Pompeji entdecken kannst. Zuerst aber kommen einige berühmte Besucher der Ausgrabungen zu Wort.

Ein Unheil und viel Freude

Bei einer Besichtigung der Ausgrabungen von Pompeji ist von den vielen, neuen Entdeckungen meistens nur wenig zu sehen. Tatsächlich ist es so, dass die Eindrücke, die sich heute in den Ausgrabungen von Pompeji gewinnen lassen, nicht sehr von denen abweichen, die Goehte in seiner Italienischen Reise vor über 200 Jahren etwas abschätzig beschreibt:

Pompeji setzt jedermann wegen seiner Enge und Kleinheit in Verwunderung. Schmale Straßen, obgleich grade und an der Seite mit Schrittplatten versehen, kleine Häuser ohne Fenster, aus den Höfen und offenen Galerien die Zimmer nur durch die Türen erleuchtet. … Diese Zimmer, Gänge und Galerien aber aufs heiterste gemalt, die Wandflächen einförmig, in der Mitte ein ausführliches Gemälde, jetzt meist ausgebrochen …

Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise

In einem berühmten Bonmot fasst Goehte seine Eindrücke der mumifizierten Stadt so zusammen: „Sonntag waren wir in Pompeji. – Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte. Ich weiß nicht leicht etwas Interessanteres.“

Gipsabdruck einer versteinerten Leiche in Pompeji.
Der Tod durch den Vulkan

Charles Dickens in Pompeji

Bei einer Lektüre von Charles Dickens Reisebilder aus Italien wird deutlich, dass die Besucher der Ausgrabung heute sogar weniger sehen, als es Mitte des 19. Jahrhunderts möglich war. Charles Dickens berichtet nämlich, dass er in Keller hinunter steigen und dort Weinamphoren und Gerippe sehen konnte. Heute sind solche Entdeckungen völlig ausgeschlossen.

Allerdings war eine Besichtigung Pompejis zur Zeit Goethes und Dickens auch noch ein sehr exklusives Vergnügen. Der königliche Hof in Neapel bestimmte, wer die Ausgrabungen besuchen durfte. Bilder von Pompeji zu zeichnen, war übrigens strengstens verboten. Die damalige Stille und Einsamkeit in den Ausgrabungen von Pompeji hatte auch etwas Gutes. Sie ermöglichte es Dickens, poetisch oder geradezu meditativ über die zerstörerische Macht des Vesuvs nachzudenken:

Stelle dich auf den großen Marktplatz von Pompeji und sieh die stillen Straßen hinab, durch die verfallenen Tempel Jupiters und der Isis, über die zertrümmerten Häuser, deren innerste Heiligtümer dem Tage offen stehen, nach dem Vesuv, der in friedlicher Ferne hell und schneebedeckt emporragt, und verliere jedes Bewusstsein der Zeit und der Umgebung gänzlich in dem seltsamen und melancholischen Gefühl, das Zerstörte und den Zerstörer in diesem ruhigen, sonnigen Bild vereinigt zu sehen.

Charles Dickens, Reisebilder aus Italien

Guiseppe Fiorelli und die Ausgrabungen

Erst mit den Ausgrabungen des Archäologen Giuseppe Fiorellis wurde Pompeji für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich. Nach der Einigung Italiens Ende des 19. Jahrhunderts wurde schnell die Bedeutung der Ausgrabungen der antiken römischen Städte am Golf von Neapel für die Ausbildung einer nationalen Identität erkannt. Laut Massimo d’Azeglio war zwar Italien geschaffen, aber die Italiener als Bevölkerung des neu entstandenen Nationalstaates fehlten noch. Das römische Erbe auf italienischem Boden sollte das Fundament sein, auf dem sich das Selbstbild der Italiener entwickeln konnte.

Giuseppe Fiorelli, dem bedeutendsten italienischen Archäologen des 19. Jahrhunderts, sind außerdem die ersten systematischen und wissenschaftlichen Erkundungen Pompejis zu verdanken. Ihm gelang es ganze Häuser und Häuserblöcke auszugraben. Außerdem veröffentlichte er einen – bis heute gültigen Plan – der untergegangenen Stadt.

Darüber hinaus war Fiorelli der erste, der sich bemühte, Pompeji als einzigartiges Zeugnis antiker Stadtkultur der Nachwelt zu erhalten. Er ließ die ausgegrabenen Häuser mit neuen Dächern vor Sonne und Regen schützen. Dennoch sind heute viele Wandmalereien verblichen und Gebäude teilweise eingestürzt. Deswegen wird seit 2013 mit Hochdruck und Unterstützung der Europäischen Union daran gearbeitet, Pompeji vor weiterer Zerstörung zu bewahren und zu restaurieren. Auch der Strom von fast 4 Millionen Besucher*innen im Jahr soll gebändigt werden, damit Pompeji durch diese Lawine nicht ein zweites Mal untergeht.

Versteinerte Menschen in Pompeji
Flüchtende, beim Vesuv Ausbruch gestorben. Gipsabdrücke im Garten der Flüchtenden

Die versteinerten Menschen von Pompeji

Fiorelli ist es auch gelungen, dem Sterben in Pompeji während des Vesuv Ausbruchs eine Gestalt zu geben. Dem sorgfältigen Archäologen war aufgefallen, dass er während der Ausgrabungen immer wieder auf Hohlräume stieß. Neugierig geworden, was sich in diesen Hohlräumen verbarg, ließ er diese mit flüssigem Gips ausgießen. Nachdem der Gips ausgehärtet war, wurden die Abgüsse ausgegraben und vom vulkanischen Gestein befreit.

Zu Tage kamen dabei Hunde, Baumstämme, Wurzeln und eben auch die Abdrücke von Menschen, die den Ort und die Körperhaltung, in der viele Einwohner gestorben waren, dokumentierten. Häufig werden diese Abdrücke als die versteinerten Menschen von Pompeji beschrieben. Tatsächlich aber sind in diesen Abdrücke häufig nur die Skelette und die Umrisse von menschlichen Leibern erhalten geblieben.

Nachdem Bimsstein und vulkanische Asche die Stadt Pompeji samt zurück gebliebenen Einwohnern unter einer meterdicken Schicht begraben hatten, begannen deren Körper langsam zu verwesen. Übrig blieb in der Regel nur das Skelett. Die zerfallenden Leichen aber ließen im erkalten und verhärteten Vulkangestein jene Hohlräume zurück, die Giuseppe Fiorelli gut 1800 Jahre nach dem Untergang der antiken Stadt mit Gips ausgießen ließ. Wie genau die Gipsabdrücke der Toten von Pompeji hergestellt worden sind, weiß heute niemand mehr genau. Neuere Untersuchungen haben aber gezeigt, dass Fiorelli Veränderungen an den Gipsmenschen nicht scheute, um deren Posen emotionaler und eindringlicher zu gestalten.

Das berühmteste Paar von Pompeji

Besonders berühmt ist der Abguss eines versteinerten Paars. Lange hielt man dieses Paar für zwei Frauen die sich während der Katastrophe des Jahres 79 beschützend in den Armen hielten. Dann fand man vermittels moderner Untersuchungsmethoden heraus, dass das versteinerte Paar von zwei Männern gebildet wurde. Eine Entdeckung, die die Bild Zeitung zu der ziemlich blöden Frage veranlasste: Starb ein schwules Paar in der Vulkan-Asche?

Fragen nach der sexuellen Orientierung können die Gipsabgüsse der Leichen von Pompeji natürlich nicht beantworten. Aber sie können den Wissenschaftlern darüber Aufschluss geben, wie die Menschen während des Untergang Pompejis gestorben sind. Viele Flüchtenden wurden von giftigen Gasen erstickt oder auf den Straßen von den riesigen Steinbomben erschlagen, die der Vesuv während des Ausbruchs auf die Stadt schleuderte. Darauf deuten auf jeden Fall die vielen gebrochenen Schädel hin.

Wie starben die Menschen während des Vesuv-Ausbruchs?

Seit neustem wird aber auch eine weitere Theorie diskutiert. Dass nämlich die hohe Temperatur der brennenden pyroklastischen Wolken, die während des Vulkanausbruchs über Pompeji hinweg rasten, die Körper der Menschen ruckzuck auf mehrere 100 Grad erhitzten. Dabei verdampfte alle Körperflüssigkeit. Im Schädel muss die Verdampfung des Gehirns einen so großen Druck aufgebaut haben, dass dieser von innen bersten musste.

In der Nähe der Porta Nocera sind die Gipsabgüsse von 13 Flüchtenden im sogenannten Garten der Flüchtenden ausgestellt ausgestellt. Die Frauen und Kinder, Männer und Sklaven versuchten viel zu spät aus der Stadt zu fliehen. Da hatte der vulkanische Regen aus Bimstein und Asche Pompeji schon mit einer 3 Meter hohen Schicht verschüttet. Wahrscheinlich suchte die kleine Gruppe vor dem Aschregen Zuflucht unter einem schützenden Dach. Dort wurden die zusammengekauerten Menschen von einer heißen Gaswolke überrollt, die den Männern, Frauen und Kindern den Tod brachte.

Zeichnung von Gladiatoren Helmen aus den Nationalmuseum Neapel.
Zeichnung von Gladiatoren Helmen aus dem Buch: Houses and Monuments of Pompeii aus dem Taschen Verlag

Das Amphitheater von Pompeji

Gleich um die Ecke des Gartens der Flüchtenden liegt das Amphitheater Pompejis. Die Amphitheater im römischen Reich waren die Bühne für die spectacula, also für grausame und blutrünstige Spiele, die immer Tote forderten und stets dem gleichen Muster folgten. Vormittags Tierkämpfe, mittags die Hinrichtungen und am Nachmittag die Gladiatorenkämpfe. Diese Spiele dienten vor allem der eindrücklichen Darstellung der römischen Ordnung:

Morgens bei der Tierhatz konnte der Sieg der Kultur über die Natur gefeiert werden. Dafür wurden im römischen Reich Millionen von Wildtieren: Elefanten, Nilpferde, Löwen, Leoparden, Bären und Wölfe … sinnlos in den Kampfarenen abgeschlachtet. Mit jeder bis dahin unbekannten, exotischen Tierart, die während der venationes massakriert wurde, ließ sich die expansive Ausdehnung des römischen Reiches und dessen Herrschaftsanspruch eindrücklich demonstrieren.

Mittags bei den Hinrichtungen ad bestias, durch wilde Tiere also, wurde gezeigt, wie schonungslos der römische Staat die Ausmerzung nicht integrierbarer Feinde betrieb.

Und Nachmittags erhielten sozial Ausgestoßene und Verfemte als Gladiatoren die Chance, sich während der blutigen Kämpfe unter Einsatz ihres Lebens mithilfe römischer Tugenden, nämlich militärischer Disziplin, Kampftechnik und stoischer Todesverachtung vor einem johlenden Publikum zu bewähren.

Der im Amphitheater zelebrierte Blutrausch konnte auch auf das Publikum überspringen und damit sogar die römische Ordnung bedrohen. Das beweist ein erbitterter Kampf zwischen den Zuschauern aus Pompeji und Schlachtenbummlern aus der Stadt Nola. Im Jahr 59 prügelten sie sich anlässlich von Spielen im Amphitheater so heftig, dass sich sogar der Senat im fernen Rom in einem Gerichtsprozess mit dem Vorfall befasste. Verhängt wurde damals die Höchststrafe: 10 Jahre Spielverbot!

Das Erdbeben von 62

Dieses Verbot der Spectacula im Amphitheater wird die Einwohner der anscheinend äußerst vergnügungssüchtigen Stadt sehr getroffen haben. Aber schon im Jahr 62 ereignete sich eine weitere noch schlimmere Katastrophe. Bei einem schweren Erdbeben, ausgelöst durch die beginnende vulkanische Aktivität des Vesuvs, wurden große Teile Pompejis zerstört oder schwer beschädigt.

Sofort begann der Wiederaufbau. Doch dieser war im Jahr 79 noch lange nicht abgeschlossen. Vielleicht dauerte der Wiederaufbau so lange, weil ein großer Teil der früheren Einwohner die Stadt nach dem Erdbeben verlassen hatte. Während des tragischen Vulkanausbruchs wurde also keine blühenden oder intakte sondern eine teilweise in Ruinen liegende und entvölkerte Stadt verschüttet. Bei einem Rundgang durch die Ausgrabungen von Pompeji, ist es deswegen wichtig zu bedenken, dass nicht alle Ruinen vom Vesuv-Ausbruch herrühren.

Wie lebte es sich in der römischen Stadt?

Der Wiederaufbau hatte auch seine gute Seiten für die Entwicklung der Stadt. Denn die verbliebenen Bewohner Pompejis hatten nun die Gelegenheit, ihre Stadt an neue ökonomische Situationen und Herausforderungen anzupassen. Rund um das Amphitheater von Pompeji entstanden villenartige Häuser mit großen Gärten und spektakulären Wandmalereien. Geradezu hinreißend ist ein Fresko der nackten Liebesgöttin Venus in einer Muschel liegend, das in der Casa della Venere in Conchiglia, also im Haus der Venus in der Muschel zu finden ist.

Gleich nebenan, an der Via dell‘ Abbondanza, der Straße des Überflusses, besaß Decimus Octavius Quartio, ein prächtiges Wohnhaus. Decimus war Mitglied im Kollegium der Augustalen. Er war ein Priester, der sich dem Kaiserkult verschrieben hatte und gehörte zur reichen Oberschicht der Stadt. Sein Wohnhaus ist eine Miniaturversion der großen aristokratischen Villen, die außerhalb der Stadtmauern Pompejis lagen.

Besonders eindrucksvoll ist der Garten, der auf mehreren Ebenen angelegt ist und von zwei kleinen Kanälen durchzogen wird. Dort wurden bei den Ausgrabungen von Pompeji in Wandmalereien und Skulpturen auch Hinweise auf den Kult der ägyptischen Göttin Isis gefunden. Deren Kult war nach dem Erdbeben in Pompeji immer wichtiger geworden. Vielleicht, weil er den Gläubigen eine erlösende Vorstellung des Fortlebens nach dem Tod anbot.

Wandmalerei aus dem Haus der Venus in der Muschel.
Die Venus in der Muschel. Römische Wandmalerei aus der Casa della Venere in Conchiglia

Die Waschküche des Stefanus

Aber nicht allen Bürgern Pompejis ging es nach dem Erdbeben besser. Die Casa della Nave Europa – wieder ganz in der Nähe des Amphitheaters – ist ein Beispiel dafür, wie nach dem Jahr 62 ehemals prächtige Wohnhäuser in Wirtschaftsbetriebe umgewandelt werden mussten. Im großen Garten wurde der Anbau von Saubohnen, Zwiebeln, Kohl und Obstpflanzen betrieben. Ein Raum wurde sogar als Stall für Tiere genutzt. Von der früheren Pracht und der hohen gesellschaftlichen Stellung der ehemaligen Eigentümer zeugen nur noch die monumentalen Säulen des Peristyls und bunte Wandmalereien, die in einigen Räumen erhalten sind. Ob die Bewohner ihr Gemüse für den Selbstverbrauch anbauten oder auf dem Markt verkauften, ist leider nicht bekannt.

Ein weiteres eindrucksvolles Beispiel für die Umnutzung von Wohnhäusern ist die Fullonica des Stefanus. Eine Wäscherei, die ebenfalls an der Via dell‘ Abbondaza zu finden ist, aber an deren anderem Ende in der Nähe des Forums. Hier wurde das Atrium eines ehemaligen Wohnhauses und dessen Garten mit großen Becken zugebaut, in denen Wäsche gewaschen werden konnte. Waschmittel gab es in der römischen Antike noch nicht. Also wurde die Wäsche mit fermentiertem Urin gereinigt und gebleicht.

Der Urin wurde in Gefäßen gesammelt, die überall auf den Straßen Pompejis standen. Häufig kamen aber auch Menschen in der Fullonica vorbei, um direkt in die Latrine der Waschküche zu pinkeln. Bei den Ausgrabungen der Wäscherei wurde ein Skelett in der Nähe des Eingangs gefunden, das einen kleinen Münzschatz bei sich hatte. Die Ausgräber nahmen an, dass es sich dabei um die Leiche von Stefanus handelte. Denn der Name des Besitzers dieser Wäscherei war aus Wahlinschriften in ganz Pompeji bekannt.

Lararium im Haus des Menanders in den Pompeji Ausgrabungen.
Der Ahnentempel im Haus des Menander

Das Haus des Menander

Hinter der Fullonica des Stefanus liegt in einer Nebenstraße das berühmte Haus des Menander. Dieses große Gebäude ist ein typisches Beispiel für die Residenz einer wohlhabenden und vornehmen Familie in Pompeji. Wahrscheinlich war es zur Zeit der Vesuv Eruption nicht bewohnt. Denn als das Haus verschüttet wurde, wurden gerade umfängliche Renovierungen durchgeführt. Der Besitzer Quintus Poppaeus Sabinus muss zur römischen Oberschicht gehört haben. Er war verwandt mit Poppaea Sabina, der zweiten Frau des Kaiser Neros und Besitzerin der Villa Oplontis ganz in der Nähe.

Quintus war auf jeden Fall sehr reich. Denn vor dem Beginn der Bauarbeiten in seinem prächtigen Haus, versteckte er eine riesige Schatztruhe voll gestopft mit 118 Teilen eines Tafelservice aus Silber in einem Kellerraum. Dieser Schatz wird heute im Nationalmuseum von Neapel ausgestellt. Es war gar nicht so unüblich in Pompeji, viel Silber im Haus zu haben. Mit solchen Reichtümern ließen sich die Nachbarn sicherlich beeindrucken. Außerdem gab es keine Banken, in denen das eigene Vermögen sicher hätte verwahrt werden können, also wurde Silber und Schmuck als wertstabile Anlage gekauft.

Das Forum einer römischen Stadt

Die Via dell‘ Abbondanza mündet direkt in das Forum von Pompeji. Das Forum einer antiken römischen Stadt ist immer das Zentrum des täglichen Lebens gewesen. Auf dem Forum wurde vor dem Comitium um Politik gestritten. In der Basilika saßen die Richter über die Bürger Gericht. Die Gläubigen brachten den Göttern in ihren Tempeln Opfer dar. Und in den Märkten wurde um die Preise für geschlachtete Hühner und Stockfisch gefeilscht. Zwischendrin fielen die Würfel bei einem hitzigen Würfelspiel und Kinder lernten in einem Verschlag, der als Schulde diente, von einem gelehrten Zuchtmeister das Alphabet.

Als die Ausgrabungen des Forums Anfang des 19. Jahrhunderts begannen, stellten die Ausgräber bald fest, dass vor ihnen schon andere das Forum leer geräumt hatten. Wahrscheinlich haben bereits kurz nach dem Vulkanausbruch die Überlebenden begonnen, das vulkanische Gestein zu durchwühlen. Sie wollten von ihrem Besitz bergen, was zu retten war. Vielleicht sind später noch Raubgräber und Plünderer dazugekommen. Deswegen lässt sich heute verhältnismäßig wenig über Inschriften und Skulpturen sagen, die auf dem Forum aber vorhanden gewesen sein müssen.

Immerhin können wir erkennen, dass das Forum in Pompeji als Fussgängerzone eingerichtet war. Denn Pompeji war wie die meisten römischen Städte – wenigsten tagsüber – eine Stadt der Fußgänger. Als Idee der autofreien Stadt ist dieses Konzept heute wieder populär. Doch schon in der Antike spielte es eine wichtige Rolle, damit das Leben innerhalb der Stadtmauern reibungslos funktionierte.

Das Verwunderlichste an Pompeji ist, dass sich trotz der zeitlichen Ferne von fast 2000 Jahren in der Stadt Dinge finden lassen, die auch in der Stadt von heute eine bedeutende Rolle spielen. Zum Beispiel die Fussgängerzone oder die Wasserleitung und den Wasserhahn oder das Wohnhaus in dessen Untergeschoss die Geschäfte untergebracht sind.

Vieles was die Menschen der Antike kannten, nutzen wir heute in unseren modernen Städten immer noch. Bei der Wasserversorgung ist der wichtigste Unterschied zwischen der römischen und der heutigen Stadt nicht so sehr Technik sondern die Verteilung des Wassers. Wenigstens in Westeuropa ist heute jeder Haushalt mit Wasser versorgt. In Pompeji waren es nur die Superreichen, die sich eine Wasserleitung ins Haus legen lassen konnten.

Gewölbe mit Stuck aus den Stabianer Thermen.
Mit Stuck Reliefs geschmücktes Gewölbe in den Stabianer Thermen

Die Thermen

Direkt am Forum fanden die Einwohner Pompejis auch ein öffentliches Bad. Die Forums Thermen. Da nur wenige Häuser über fließend Wasser verfügten, blieb den Menschen gar nichts anderes übrig, als die Thermen für die Körperpflege aufzusuchen. Im 19. Jahrhundert malten Künstler sich aus, dass es in den Thermen der Stadt Pompeji ziemlich hoch her gegangen sei. Aber das ist ganz bestimmt nicht der Fall. Die Aufteilung der Thermen in eine Abteilung für Frauen und eine für Männer, weist eher darauf hin, dass das Baden eine ziemlich prüde Angelegenheit gewesen sein muss.

Heute vergleichen wir die antiken Thermen häufig mit der modernen Sauna. Dann kommen wir zu dem Schluss, dass die römischen Badehäuser Orte der Reinlichkeit und der Gesundheit gewesen sein müssen. Aber ganz ehrlich, es ist noch nicht einmal klar, wie häufig das warme Wasser in den großen Badewannen damals gewechselt worden ist. Also lieber nicht dran denken, was in der warmen Brühe alles schwimmen konnte.

Genau gegenüber der Thermen konnten die Badenden sich in einem Thermopolium, einer Garküche, mit warmem Wein und warmen Snacks versorgen. In den Tresen des antiken Schnellimbiss sind große runde Gefäße eingelassen, deswegen sieht das Thermopolium eher wie eine Eisdiele aus. In diesen Gefäßen wurden die Mahlzeiten warmgehalten, die über den Tresen gingen. Über 30 dieser Schnellimbisse sind in Pompeji ausgegraben worden. Das ist ziemlich viel für eine Stadt mit höchsten 20.000 Einwohnern. Die Anzahl lässt sich nur dadurch erklären, dass es in vielen Wohnungen keine Möglichkeit zu kochen gab. Wer warm essen wollte, musste zum Thermopolium gehen.

Die Porta Eroclano

Als Goethe Pompeji besichtige, war die Porta Ercolano, das Stadttor, an dem die Straße aus Richtung Neapel und Herculaneum endete, gerade ausgegraben worden. In seinem Brief vom 13. März 1787 berichtet er:

Das Stadttor merkwürdig, mit den Gräbern gleich daran. Das Grab einer Priesterin als Bank im Halbzirkel mit steinerner Lehne, daran die Inschrift mit großen Buchstaben eingegraben. Über die Lehne hinaus sieht man das Meer und die untergehende Sonne. Ein herrlicher Platz, des schönen Gedankens wert.

Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise

Das Grabmal, an dem Goethe seinen Gedanken nachhing, ist noch da. Die Inschrift mit großen Buchstaben berichtet von der: Priesterin Mamia, die im Jahr 29 gestorben ist und auf dem Forum den Genien-Tempel des August errichten ließ. Das Grab gehört zu einem Friedhof, der links und rechts von der Straße Richtung Herculaneum angelegt worden ist. Es sieht so aus, als hätten die Einwohner Pompejis viel Geld ausgegeben, um sich mit monumentalen Grabmälern in der Erinnerung der Lebende zu halten. Am Ende des Friedhofs biegt ein kleiner Weg ab Richtung Villa dei Misteri, der letzten Station dieses Rundgangs.

Wandmalerei aus der Villa dei Misteri in Pompeji.
Die Braut bei der Vorbereitung für die Hochzeitsnacht

Villa dei Misteri

Die Villa dei Misteri liegt vor den Mauern der Stadt, deswegen wird sie als Villa suburbana bezeichnet. Das Landhaus war zum einen repräsentative Residenz einer reichen Familie und gleichzeitig das Gutshaus eines landwirtschaftlichen Betriebs. Der Wohlstand vieler Familien in Pompeji gründete sich auf der Produktion von Wein, Olivenöl oder Wolle.

Ihren Namen hat die Villa dei Mistri nach einem Wandgemälden im Speisesaal der Villa erhalten. Amedeo Maiuri, der Begründer der modernen Pompeji-Archäologie hat die Villa vor rund hundert Jahren ausgegraben. Im Speisezimmer entdeckte er dabei einen sensationellen, 20 Meter langen Fries, der die rituelle Vorbereitung einer Braut auf die Hochzeit und vor allem auf die Hochzeitsnacht zeigt.

Diese Malerei ist ein großartiges Beispiel für den sogenannten 2. Stil der pompejanischen Malerei. Auf einer perspektivisch durchgearbeiteten Bildbühne bewegen sich lebensgrossen Figuren. Braut, Brautmutter, vielleicht die Mutter des Bräutigams, Tänzerinnen und Musikerinnen, die allesamt mit der Vorbereitung des geheimnisvollen Rituals beschäftigt sind.

Weil im Zentrum des Bildes der Gott Dionysos thront und sich über eine junge Frau – wahrscheinlich Ariadne – beugt, interpretierte Maiuri den Bilderzyklus als eine Einführung in die Mysterien des Dionysos. Heute ist diese Deutung zwar umstritten, aber der Name der Villa ist geblieben.

Neben dem sensationellen Speisesaal hat die Villa aber noch viel mehr Malereien zu bieten. Da sind dunkel ausgemalte winzige Schlafzimmer mit prächtigen Dekorationen und ein Saal mit einer Wandmalerei, die an Theaterdekorationen erinnert. Außerdem lässt sich in der Villa dei Misteri ansatzweise nachvollziehen, wie ein römisches Gutshaus ausgesehen hat.

Pompeji Ausgrabungen in Zahlen

  • 6. Jahrhundert v. Chr. Gründung Pompejis durch die italischen Osker. Laut Gründungsmythos wird Pompeji aber durch den Helden Herkules gegründet
  • Um 425 v. Chr Besetzung der Stadt durch die Samniten
  • 290 v. Chr. wird die Stadt eine Verbündete des expandierenden Roms
  • 80 v. Chr Pompeji wird römische Kolonie und erhält den Namen: Colonia Cornelia Veneria Pompeianorum.
  • 62 n. Chr. ein Erdbeben zerstört weite Teile der Stadt
  • August. 79 n. Chr. Ausbruch des Vesuvs und Untergang Pompejis. Plinius der Jüngere beschreibt die Eruption in zwei Briefen an Tacitus
  • 1592 entdeckt der Architekt Domenico Fontana Reste einer antiken Siedlung
  • 1748 Beginn der offizielen Ausgrabungen
  • 1762 Johann Joachim Winckelmann in Herculaneum und Pompeji. Veröffentlichung der Sendschreiben von den Herculanischen Entdeckungen
  • 1863 Giuseppe Fiorelli wird Leiter der Ausgrabungen von Pompeji
  • 1943 Bombardierung Pompejis während des 2. Weltkriegs
  • 2013 Beginn der Rettung Pompejis mit EU Mitteln in Höhe von ca. 105 Millionen Euro
  • 2020 fast 4 Millionen Besucher in den Ausgrabungen von Pompeji

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Literaturtipp

Vor dem Ausbruch des Vesuvs muss die Aussicht von der Villa dei Misteri auf den Golf von Neapel spektakulär gewesen sein. Heute schaut man von den Terrassen des Landhauses in das wilde Grün von Orangenhainen. Auch schön, aber weit entfernt von dem, wie es einstmals war.

Bei einem Rundgang durch die Ausgrabungen von Pompeji können einem viele Dinge durch den Kopf gehen. Mich berührt am meisten der Eindruck, dass die menschliche Kultur, das menschliche Leben durch übermächtige Naturgewalten in wenigen Momenten einfach weggewischt werden können.

Aber natürlich ist es auch spannend sich auf Spurensuchen zu begeben und aus den ausgegrabenen Ruinen Pompejis herauszulesen, wie die Menschen vor 2000 Jahren, lebten, liebten und starben. Mary Beard hat dazu ein tolles Buch geschrieben: Pompeji: Das Leben in einer römischen Stadt. Mit diesem Literaturtipp kannst Du auf dem Sessel Deinen eigenen Rundgang durch Pompeji starten.