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Herculaneum – Tränen, Staub und Knochen

Herculaneum ist für viele Reisende einfach die unbedeutende Schwester des weltberühmten Pompejis. Darum fahren sie gar nicht erst hin. Ist das eine kluge Entscheidung? Natürlich nicht! Denn Herculaneum ist super interessant! Was es dort zu sehen gibt, erfährst Du hier.

Meine Reise in die Vergangenheit beginnt mit einer Zugfahrt. An der Stazione Garibaldi, dem Hauptbahnhof von Neapel, steige ich in einen überfüllten Zug der rumpeligen Vorortbahn Circumversuviana, um Richtung Antike zu bummeln. 10 Haltestellen. Mein Ziel die Ausgrabungen von Herculaneum. Einer vom Vesuv verschütteten Hafenstadt am Golf von Neapel. Fantastisch!

Die moderne Stadt Ercolano dagegen ist eine dieser unwirtlichen urbanen Verzweiflungslandschaften, die am Golf von Neapel so großzügig aus minderwertigem Beton ausgekübelt sind. Wer möchte in dieser brutalen Ödnis eigentlich leben? Frage ich mich, als ich an der Station Ercolano Scavi aus der Circumversuviana steige. Gut 60 Tausend Menschen. Aber warum bloß bleiben die hier? Kann ich nicht verstehen. Heimat erscheint mir in Ercolano als ein ziemlich abwegiges und durchgeknalltes Konzept.

Ich ziehe den Kopf zwischen meinen Schultern ein und trotte etwas eingeschüchtert die superhässliche Via IV. Novembre hinunter Richtung Meer. Als die Camorra, die neapolitanische Mafia, Ercolano noch fest im Griff hatte, war die Via IV. Novembre die Grenze zwischen zwei Clan-Territorien. Muss ich so glauben, dass hier eine unsichtbare Grenze des Verbrechens verlief. Erkennen lässt sich das nicht.

Brunnen auf einem kleinen Platz. In der Mitte liegt ein Faun auf einen Weinsack gelehnt. Eine Hand hat er in Richtung Himmel gehoben. Ringsum kleine Fontänen.

Betrunkener Faun auf der Via IV. Novembre in Ercolano. Die Brunnenfigur ist eine Kopie nach einer antiken Skulptur aus der berühmten Villa dei Papiri

Alt und Neu. Architektonisches Detail einer zerstörten Villa am Golf von Neapel an die Fassade eines modernen Wohnhauses gepappt

Welches Wunder begibt sich? Die Entdeckung Herculaneums

Ganz am Ende der Via IV. Novembre gähnt eine tiefe Grube im dunklen Tuff. Da unten liegt die römische Stadt Herculaneum. Naja ein kleiner Teil. Der größte Teil der antiken Stadt schlummert, eingeschlossen von einer fast 20 Meter fetten Schicht versteinerten Vulkanschlamms, in feuchter Dunkelheit vor sich hin. Obendrüber ist diese absurde moderne Stadt gewuchert. Sollte das ganze antike Herculaneum mal ausgegraben werden, müssten erstmal all diese Betonpaläste abgerissen werden. Wäre das ein Verlust?

Die Entdeckung der antiken Stadt Herculaneum unter ausgehärtetem Vulkanschlamms ist einem puren Zufall zu verdanken. Der ereignete sich irgendwann Mitte des 18. Jahrhunderts. Beim Graben eines Brunnens stießen die Ingenieure auf das untergegangene Theater. Friedrich Schiller im weit entfernten Jena war so begeistert von dieser sensationellen Neuigkeit, dass seiner Feder ein fantasierendes Gedicht entfloss. Das natürlich den Titel Pompeji und Herculaneum trägt. So fängt es an:

Welches Wunder begibt sich? Wir flehten um trinkbare Quellen,
Erde, dich an, und was sendet dein Schooß uns herauf!
Lebt es im Abgrund auch? Wohnt unter der Lava verborgen
Noch ein neues Geschlecht? Kehrt das entflohne zurück?
Griechen, Römer, o kommt! o seht, das alte Pompeji
Findet sich wieder, aufs neu bauet sich Hercules‘ Stadt.
Giebel an Giebel steigt, der räumige Porticus öffnet
Seine Hallen, o eilt, ihn zu beleben, herbei!

“Welches Wunder begibt sich?“ Das gebildete Europa stand damals Kopf, als es erfuhr, was sich in Pompeji und Herculaneum unter der Erde so alles wieder gefunden hatte. Was ist von dieser Begeisterung eigentlich geblieben? Nicht viel, wenn die deutlich sichtbare Verwahrlosung rund um und in der Ausgrabung von Herculaneum die Messlatte ist!

Panorama-Aufnahme von Herculaneum mit dem Vesuv im Hintergrund.

Der Vesuv, die moderne Stadt Ercolano, im Vordergrund die Ausgrabung von Herculaneum

Ein rundes Gipsmedallion hängt an einer Kette. Es zeigt einen tanzenden Faun.

Früher hatten die Menschen von Herculaneum richtig Spaß. Faun aus der Casa del Rilievo di Telefo

Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck

Heute macht Herculaneum einen großen Eindruck von oben. Da ist die Moderne. Dort ist die friedlich schlafende vulkanische Zeitbombe mit Namen Vesuv. Da ist diese tiefe Grube, an deren Rand ich stehe. Das rohe Gestein ist üppig bewachsen und bemoost. Wasser rinnt an den Grubenwänden herab. Die modernen Häuser oben am Grubenrand sehen so baufällig und wackelig aus, als könnten sie jeden Moment in die Tiefe kippen, um den Ruinen im Untergrund Gesellschaft zu leisten. Da hat sich eine bizarre und leider auch wahnsinnig bedrückende Melange aus Vergangenheit, Gegenwart und Naturgewalt zusammengebraut.

Also mir kommt es so vor, als könnte die besinnungslose Zerstörungswut der Menschen problemlos mit der alles vernichtenden Naturgewalt des Vesuvs konkurrieren. Wie war das wohl, als sich im August des Jahres 79 diese gewaltige, heiße Masse vulkanischen Materials über das kleine Küstenstädtchen Herculaneum geschoben hat?

Der Untergang Herculaneums

Das erste Mal, als ich in Herculaneum war, wurde dazu folgende Geschichte erzählt: als während des dramatischen Vesuvausbruchs im Jahr 79 das nahegelegene Pompeji innerhalb kürzester Zeit von einem dichten Ascheregen verschüttet wurde, der die Bewohner qualvoll sterben ließ, hatten in der kleinen Stadt Herculaneum die Bürger alle Gelegenheit über das Meer vor der Vernichtung durch den Vesuv zu fliehen. Denn die gewaltige Schlammschicht, die Herculaneum überspülte, erreichte die kleine Hafenstadt erst Tage nach dem verheerenden Ausbruch. Als Beleg für diese steile These diente die Abwesenheit von Leichen und Skeletten.

Dann fingen die Archäologen in Herculaneum an, den Hafen auszugraben. Dabei machten sie in geräumigen Kasematten unterhalb des Stadtmauern, direkt am Strand eine ziemlich gruselige Entdeckung. Verkrümmt kriechende Skelette in Booten! Die Spuren eines massenhaften Sterbens in Herculaneum.

Das verkohlte Gebälk eines Hauses in Herculaneum.

In Herculaneum haben sogar Holz den Vesuv-Ausbruch überlebt, als Holzkohle.

Ein Skelett aus Herculaneum. Die Beine sind angewinkelt. Der Kopf ist in die Höhe gereckt.

Gefangen und gestorben auf der Flucht. Ein Opfer des Vesuv Ausbruchs im Jahre 79

Die verzweifelten Opfer des Vesuvs

Während des Vesuv Ausbruchs hatten sich also tatsächlich viele Menschen zu den Booten geflüchtet, um die bedrohte Stadt über das Meer zu verlassen. Aber anders als sie in ihrer Not gehofft hatten, war ihnen dieser Fluchtweg auf tragisches Weise versperrt. Denn während des Vulkanausbruchs schien “das Meer … sich selbst aufsaugen zu wollen und wurde durch das Erdbeben gleichsam zurückgedrängt. Jedenfalls hatte sich der Strand verbreitert und viel Seegetier bedeckte den trockengelegten Sand …“ So berichtet es ein Augenzeuge, Plinius der Jüngere.

Nach der Entdeckung dieser Tragödie musste die Geschichte der Zerstörung Herculaneums etwas umgeschrieben werden. Heute wird erzählt ein Pyroklastischer Strom, der wie eine glühend heiße Feuerwalze mit gewaltiger Geschwindigkeit auf Herculaneum heruntergerast sei, habe die Stadt in Windeseile begraben. Niemand hätte dieser Katastrophe entkommen können.

Dieser Pyroklastische Strom ist längst zu felsenhartem Gestein abgekühlt und fest mit der verschütteten Stadt verbappt. Das macht den Archäologen die Ausgrabung von Herculaneum richtig schwer. Es hat aber auch was Gutes. Anders als das nahe Pompeji konnte Herculaneum nicht einfach ausgeplündert werden. Darum erwarten die Wissenschaftler noch viele spannende Überraschungen, wenn Herculaneum weiter entdeckt und ausgegraben werden kann.

Blick durch eine schmale Straße in Herculaneum. Die hohen Bürgersteige sind von Säulen aus Backstein flankiert.

Säulenarkaden schmückten die Straßen von Herculaneum. Sie spendeten Schatten und schützten vor Regen

Diesen praktischen Plan der Ausgrabung von Herculaneum kannst Du hier herunterladen.

Pompeji oder Herculaneum?

Im Vergleich zu Pompeji ist die Ausgrabung in Herculaneum bescheiden klein. Außerdem verirren sich nur wenige Touristen hierher. Ich empfinde das als einen außerordentlichen Vorteil. Denn auf engstem Raum lässt sich die Komplexität einer antiken römischen Stadt am Golf von Neapel ziemlich unaufgeregt nachvollziehen. Pompeji war eine umtriebige Handels- und Hafenstadt, heute laufen Millionen von Touristen sich in den ausgedehnten Ausgrabungen die Füße platt.

Herculaneum dagegen muss schon in der Vergangenheit ganz und gar anders gewesen sein. Ein kleiner Ort am Meer, der wegen seiner zauberhaften Lage und der ansprechenden Ruhe von der römischen Aristokratie als Urlaubsort entdeckt wurde. Großzügige Villen mit Blick auf den Golf wurden für reiche Auftraggeber gebaut und prächtig ausgestattet. Die berühmteste ist die Villa dei Papiri. Deren Gärten und Innenräume fanden die Archäologen vollgestopft mit großartigen Skulpturen und verkohlten Büchern, die auf Papyrus geschrieben waren. Daher kommt auch der Name.

Den zauberhaften Blick auf das Meer gibt es in den Ausgrabungen von Herculaneum nicht mehr. Dazu ist die Grube, in der sich die antike Stadt befindet, zu tief. Wände aus ödem, grauem Gestein bremsen den Blick. Also fokussiert sich die Aufmerksamkeit automatisch auf die Antike. Was anderes gibt es auch nicht zu sehen.

Was gibt es in Herculaneum zu sehen?

Die Straßen in Herculaneum kreuzen sich wie in vielen römischen Städten im rechten Winkel. Deswegen sieht der Stadtplan gleichmäßig wie ein Schachbrett aus. Besonders breit sind die Straßen auch nicht, eher verschattet und eng, praktisch wenn im Sommer die Sonne knallt. Die meisten Häuser sind unglaublich gut erhalten, bis hinauf in den zweiten Stock, machen sogar bis zum Dach. So lässt sich fantastisch nachvollziehen, wie römische Städte in der Vergangenheit ausgesehen haben.

Die Hauswände sind fast fensterlos. Wegen des Lärms, der Hitze, vielleicht auch wegen der Diebe. Das macht einen etwas abweisenden und trostlosen Eindruck. Aber sobald ich ein Haus betrete, öffnen sich weite und lichte Räume und Gärten. Es ist tatsächlich erstaunlich wie viele Details sich über die Jahrhunderte unter der Erde erhalten haben. Betten, Holztüren, Holzbalken, Seile, eine Art gigantisches Bügeleisen, Amphoren in Regalen. Diese Details vermitteln einen reichen Eindruck, wie die Menschen in der Vergangenheit gelebt und gearbeitet haben. Manche Wände sind knallig bunt mit architektonischen Mustern bemalt. An vielen Hauswänden ist die malerische Ausstattung leider völlig verloren gegangen.

Bunt bemalter Putz.

Die Wände in Herculaneum waren ziemlich bunt. Leider hat sich diese Farbenpracht nur an wenigen stellen erhalten

Der zerstörerische Vulkanschlamm hat die Hausfassade weggerissen. Aber der Tisch steht noch an Ort und Stelle

Die Macht des Vulkans

Der Zustand einiger Häuser lässt die zerstörerische Kraft der pyroklastischen Schlammlawine gut erkennen. Da hat der Schlamm eine ganze Hauswand und Teile des Obergeschosses aufgerissen. Stehen geblieben ist nur ein kleiner Marmortisch. An anderen Stellen sind bunte Malereien wegen der starken Hitze zu einfarbig roten Wänden verglüht.

An den öffentlichen Toiletten nahe der Bäder sind die Sitzbänke für das Plumpsklo weggerissen worden. Sieht ungewöhnlich aus so ein großer Scheißhaussaal, in dem die Menschen vor aller Augen ihr Geschäft verrichteten. Genau, Geschäft verrichten, das kommt, so werden die Local Guides gar nicht müde zu betonen, daher, dass die Männer entsetzlich lange gezwungen waren auf den Donnerbalken zu sitzen. Wer kann den Grund heute schon noch wissen, Durchfall, harter Stuhl, Freude an der lustigen Geselligkeit … Auf jeden Fall blieb Gelegenheit neben dem Geschäft, Geschäfte zu machen … HoHoHo!

Ein Abwasserkanal in einem Innenraum.

Hier erledigte Mann Geschäfte. Latrine an den Männer-Thermen von Herculaneum.

Blcik in ein Atrium. Menschen fotografieren und studieren den Plan von Herculaneum.

Der Sitz des Priesterkollegiums der Augustalen. Einer der eindrücklichsten Gebäude in Herculaneum

So viele Geheimnisse

Mich beeindruckt besonders ein Tempel direkt am kleinen Forum von Herculaneum. Das Heiligtum für den Kult zu Ehren des Kaisers. Es ist ein hoher, quadratischer Raum mit einem ausgemalten Altarraum. Ein bisschen Aufräumen und bisschen Farbe, schon könnte der Tempel wieder für den Augustus-Kult genutzt werden. Tatsächlich sieht es hier genauso aus, wie Friedrich Schiller in seinem Gedicht beschwörend schreibt:

Nichts ist verloren, getreu hat es die Erde bewahrt.
Auch die Penaten, sie stellen sich ein, es finden sich alle
Götter wieder; warum bleiben die Priester nur aus?
Den Caduceus schwingt der zierlich geschenkelte Hermes,
Und die Victoria fliegt leicht aus der haltenden Hand.
Die Altäre, sie stehen noch da, o kommet, o zündet,
Lang schon entbehrte der Gott, zündet die Opfer ihm an!

Schade, dass wir nicht wissen, wie so ein Gottesdienst zu Ehren des Kaiser ausgesehen hat. Das ist bis heute eines der vielen Geheimnisse, die in Herculaneum noch darauf warten, gelüftet zu werden.

Lohnt sich ein Besuch in Herculaneum? Auf jeden Fall! Ich persönlich ziehen eine Besichtigung Herculaneums dem Besuch Pompejis vor. Das hat einmal damit zu tun, dass die Ausgrabungen in Herculaneum übersichtlich und weniger von Touristen überlaufen sind. Besonders gefällt mir aber, dass in Herculaneum sich der Eindruck einer römischen Stadt aus dem 1. Jahrhundert viel besser nachvollziehen lässt, als das in Pompeji der Fall ist.

Herculaneum Tipps

Für einen Besuch in Herculaneum solltest Du mit Anreise mindestens einen halben Tag einplanen. Die Ausgrabung ist zwar übersichtlich klein, aber es gibt so viel zu entdecken, dass es lohnt, sich Zeit zu lassen. Leider sind in Herculaneum viele Häuser und Gebäude geschlossen, weil sie aufwändig renoviert werden müssen oder in einem so bedenklichen Zustand sind, dass sie nicht besucht werden können. Irgendwie auch klar, welches unbewohnte Haus steht nach fast 2000 Jahren noch wie eine 1? Eben!

Wenn Du noch mehr Lust auf römische Antike und Ausgrabungen am Golf von Neapel hast, kannst Du mit der Circumversuviana einfach ein Stückchen weiter nach Torre Annunziata fahren und dort die Villa Oplontis besichtigen. Außerdem fahren von der Haltestelle Ercolano Scavi Busse hinauf auf den Vesuv.

Wie immer ist es in der Peripherie von Neapel schwierig etwas Ordentliches zu essen zu finden. Wenn Du den ganzen Tag unterwegs sein möchtest, solltest Du Dir ein Lunchpaket und Wasser einpacken.

Herculaneum Ticket

Es gibt so viel Sehenswürdiges am Golf von Neapel zu entdecken. Da addieren sich die Eintrittspreise schnell zu einer bemerkenswerte Summe. Der Eintritt für Herculaneum kostet 11 Euro / ermäßigt 5,50 Euro. (Stand 04/18). Wenn Du außer Herculaneum noch Pompeji oder die Villa Oplontis besuchen möchtest, dann lohnt sich schon das Kombiticket für 5 Archäologische Grabungen. Das kostet nämlich nur 20 Euro / ermäßigt 10 Euro.

Wenn Du noch intensiver in die fantastische Fülle der Sehenswürdigkeiten am Golf von Neapel eintauchen möchtest, dann solltest Du Dir überlegen die Campania Arte Card zu kaufen. Damit erwirbst Du für 3 oder 7 oder sogar 365 Tage den Eintritt in viele Ausgrabungen, Museen und Kampanien. Für mich ist das der best Deal!