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More is More! Bummeln in Lecce

Lecce, tief im hitzigen Süden Italiens, ist eine erstaunliche Stadt. In manchen Reiseführern bezeichnen sie Lecce als Florenz Apuliens wegen der üppigen barocken Architektur. Mich faszinieren eher die herben Kontraste des Südens und der morbide Charme des Verfalls.

Ich treffe Vito auf der Piazza Mazzini im modernen Teil der uralten Stadt Lecce. Vito ist vor ein paar Tagen aus Mailand nach Lecce zurück gekehrt. Zwei Jahre hat er versucht, sich in Mailand durchzuschlagen. Aber irgendwie ist es ihm nicht gelungen, Fuss zu fassen im Norden Italiens. Der Job war schwierig. Der Ex verglüht im Limbo einer destruktiven Drogensucht.

Bevor er ganz den Boden unter den Füßen zu verlieren droht, fährt Vito nach Hause. Jetzt wohnt er erstmal wieder bei der Familie. Im Jugendzimmer. Mal schauen was die Zukunft bringt. Schwul in Lecce, das ist bestimmt kein Zuckerlecken. So richtig wohl, scheint sich Vito noch nicht in seiner alten Haut zu fühlen. Darum muss er sich jetzt gut zu reden.

“Lecce ist doch gar nicht so schlecht“ sagt Vito. “Das Leben ist hier so beschaulich und bequem. Ist doch alles da!“ Er macht eine Pause und schaut auf diesen blöde plätschernden modernen Brunnen im Zentrum der Piazza Mazzini. “Aber weisst Du, was das beste ist an Lecce?“ Natürlich gibt Vito sich die Antwort selbst. “Es liegt genau zwischen der Adria und dem Ionischen Meer. Wenn am Strand von San Cataldo schlechtes Wetter ist, dann fahren wir einfach rüber ans Ionische Meer nach Galipoli. Denn dort scheint dann bestimmt die Sonne.“

Glücklicher Süden! Die Träume zerplatzen. Aber irgendwo scheint hier immer die Sonne. Irgendwo lässt sich immer baden gehen. So geht Leben.

Blick auf einen Brunnen und seine Fontänen in Lecce. Im Hintergrund moderne Hausfassaden aus den 70er Jahren.

Die Piazza Mazzini in Lecce. In der Mitte ein monströser Brunnen

Detail einer Türdekoration aus Metal und Terrakotta.

Die modernen Palazzi in Lecce sind auffällig dekoriert. Tolle Details finden sich vor allem an den Eingangstüren.

Ein Wunder – Neu gegen Alt

Übrigens, mir gefällt die Piazza Mazzini. Auch wenn sie nichts hat von dem, für das Lecce so gerühmt wird in den Reiseführern. Kein Hauch von goldigem, warm leuchtenden Kalkstein. Keine Spur von barocken Kirchen. Keine romantischen Ecken, die zum Träumen einladen. Dafür unwirtliche Weite.

Die Piazza Mazzini ist ein großzügig, regelmäßiger Platz. Made 60er Jahren. In der Mitte dieser Brunnen. Drumherum Bänke aus Beton. Die Piazza wird eingefasst von großen Apartment- und Geschäftshäusern, die in Italien beschönigend Palazzi genannt werden. Eine elegante, etwas unterkühlte Architektur aus der Zeit des Miracolo Economico, des italienischen Wirtschaftswunders. Jener Epoche, in der Italien sein bäuerliches, ländliches Erbe abzuschütteln beginnt.

In Lecce vollzog sich dieser Wandel ziemlich rabiat. Denn in den 60er Jahren wurde die Altstadt einfach aufgegeben. Neben der alten Stadt aus feuchtem und morbidem Kalkstein entstand die moderne Stadt aus Glas, Beton, lasierten Kacheln und eloxierten Fensterrahmen. Ein zu verlockendes Angebot. Endlich funktionierende Anschlüsse für die Waschmaschine, ein schickes gekacheltes Badezimmer, Platz für die Schrankwand und die Einbauküche. Ein echtes Miracolo! Wunderbar!

Patina? Zahn der Zeit? Steinfraß? In Lecce ist die historische Altstadt ziemlich verlassen und verfällt

Lecce – Beispiel für den rabiaten Wandel der Mittelmeerwelt

Wegen dieses radikalen Wandels wird Lecce in den 70er Jahren zum Paradebeispiel für jenen Exodus der Bewohner aus den historischen Altstädte, der sich rund um das Mittelmeer ereignet. Heute völlig unverständlich. Über 75% Leerstand. Die Menschen ziehen einfach weg aus der historischen Altstadt. Feuchtigkeit und Schimmel ziehen ein.

Heute erscheint die Altstadt wieder belebt. Auf jeden Fall etwas. Im Untergeschoss der Häuser haben sich Cafés, Restaurants und Shops eingerichtet. Die oberen Stockwerke allerdings stehen häufig leer. Wer soll hier auch einziehen, wo es doch diese praktischen Wohnungen in der modernen Neustadt gibt? So richtig hat Lecce die Jahrzehnte der Vernachlässigung noch nicht verdaut. Mir kommt es vor, als sei Lecces Altstadt zu einer Art Kulisse oder zu einem Museumsdorf reduziert.

Kulisse passt als Metapher überhaupt ganz prächtig auf Lecce. Denn die Stadt ist die Heimat des berüchtigten Lecceser Barocks. Überwältigendes Beispiel für diese perverse Sonderform der Baukunst des 17. Jahrhunderts sind die Kirche Santa Croce und der Palazzo del Governo. Über grobschlächtigen Gebäuden sind ziemlich rustikale Ornamente und Skulpturen verschwenderisch ausgekübelt. Dieser großzügige Bauschmuck ist ein krasser Angriff auf die Sehnerven. Das lässt sich nicht jeden Tag ertragen. Dass die Menschen in Lecce vor diesen Ornamenten des Schreckens in die graue Nüchternheit der Neustadt geflohen sind, ist ganz und gar nachvollziehbar.

More is More! Barocker Wahnsinn in Lecce an der Kirche Santa Croce und dem Palazzo del Governo

Barock in Lecce – Ein krasser Angriff auf den Sehnerv

Ist noch niemandem aufgefallen, wie wahnsinnig hässlich das alles ist? Die Welt des 17. Jahrhunderts war entweder so durchgeknallt und aus den Fugen, dass dieser visuelle Overkill damals nur ein müdes Nervenkitzeln erzeugte. Oder – und ich bin ganz sicher das ist der eigentlich Grund – Lecce lag damals so weit am Arsch der Welt, dass niemand, der auch nur ein bisschen Ahnung und Geschmack hatte, sich in diese verwirrten Breiten verirren wollte. Darum konnte auch niemand den provinziellen Künstlern aus Lecce mal reinen Wein einschenken und ihnen erzählen, was für einen scheußlichen Schwachsinn sie da aus dem weichen Kalkstein heraus gekratzt haben. Genug geschimpft. Nur eine Gasse entfernt lockt die Piazza San Oronzo.

Die Piazza San Oronzo ist das Zentrum der Altstadt. Hier steht auf den Bruchstücken einer alten römischen Säulen der Stadtheilige Oronzo in einem wehenden Gewand. Hinter Oronzo öffnet sich ein tiefes Loch. Dort hat man die Tribünen des römischen Amphitheaters ausgegraben. Errichtet im 2. Jahrhundert unserer Zeit. Eingerahmt wird das Amphitheater von ziemlich hässlichen Gebäuden aus der Epoche des Faschismus. Wieder so eine kulissenhafte Propaganda-Architektur. Hier sollte architektonisch vorgeführt werden, dass der italienische Faschismus seine Wurzeln im antiken Imperium Romanum hat. Ziemlich alberne Idee. Wer’s glaubt.

Blick in die Arena des römischen Theaters von Lecce. Die Zuschauerränge sind aus weißem Kalkstein. Im Hintergrund gebäude aus der Zeit des Faschimus

Die Ruine des römischen Theaters an der Piazza San Oronzo …

Detail eines Modells des römischen Theaters von Lecce.

… so wurde das römische Theater von Lecce im Modell rekonstruiert

Ein zweites Rom im Süden

Auf den Boden der Piazza San Oronzo ist das Stadtwappen von Lecce hingepflastert. Eine Eiche unter der eine Ziege weidet. So sieht es zunächst aus. Stimmt aber nicht. Die Ziege ist ein Wolf. Denn Lecce versteht sich als das Zweite Rom. Irre. Die Sonne des Südens ist stechend heiß. Der kräftige Wein des Salento dreht sich ziemlich schnell. Vielleicht ist einem gelehrten Altvorderen das alles zu sehr in den Kopf gestiegen und er hat sich diese krumme Story ausgedacht.

Mit der Vorstellung von Lecce als Zweitem Rom macht dieses barocke Aufmotzen der Stadt im 17. Jahrhundert auf jeden Fall plötzlich etwas Sinn. Aber wird es auch schöner dadurch?

2019 wird das nahegelegenen Matera europäische Kulturhauptstadt. Auch Lecce bereitet sich darauf vor, vom Kulturjahr zu profitieren. Also wird viel erneuert. Das ist auch notwendig. Denn der weiche Kalkstein von Lecce ist so empfindlich, dass er durch ätzende Abgase in der Stadtluft zu Staub zerbröselt. Überall hat die Luftverschmutzung Löcher in den tuberkulösen Stein gefressen. Sie überziehen die schmückenden Ornamente und Gesichter an den Fassaden wie ein gespenstisches Spinnennetz. Das bedeutende Schmuckstück Santa Croce versteckt sich sowieso meist hinter einem dichten Gerüst. Da ist jeder alte Stein bestimmt schon zigmal durch einen neuen ersetzt.

Auch die nun regelmäßig geöffneten Kirchen und Museum weisen schon auf das Jahr 2019 hin. Ich bin mal in das Museum des Römischen Theaters gegangen. 3 Euro Eintritt. Das ist eigentlich nicht viel. Aber für dieses Museum sind sogar 3 Euro ein gewagter Eintrittspreis. Da es eigentlich nichts zu sehen gibt, wurden ein paar Gipsabgüsse von Theatermasken hergeschafft. Auf schäbigen Infotafeln wird die Kulturgeschichte des römischen Theaters bruchstückhaft angedeutet. Ein zugestaubtes Modell des römischen Lecce wird in einem zerkratzten Plexiglaskasten gezeigt. Das wars. Unverschämt! Nachsitzen!

Krippenfiguren aus Cartapesta, Pappmaché, sind ein typisches Kunsthandwerk in Lecce

Tanzende Puppe mit Tambourin in der Hand.

Biegsam, geschmeidig, glutvolles Temperament … das klassische Klischee vom Süden

San Matteo. Kulissenarchitektur in Lecce

Die Wegelagerer kommen zurück

In der Kirche San Matteo spricht mich eine alte Dame an, als ich das Gotteshaus verlassen möchte, und hält mir ein Spendenkörbchen vor die Nase: “Die Kirche kostet jetzt Eintritt, wir machen das als Spende“ behauptet sie. “Das ist ja auch in anderen Städten so.“

Da hat sie recht. Auch in Venedig oder Florenz kostet der Eintritt in einige Kirchen Geld. Allerdings wird da auch was geboten: Tizian, Bellini, Donatello, Filippino Lippi. Eben die ganz Großen. In Lecce gibts nur etwas bunten Stuck und schielende Engel aus Pappmaché.

Was mich besonders ärgert, ist die Rückkehr der Weglagerei nach Süditalien. Sollen sie doch eine Kasse vor die Kirche stellen. Geschenkt. Kann ich mich entscheiden, ob ich Geld für den Besuch einsetzen möchte. Aber mich von einer dreisten alten Damen von rechts anlabern lassen zu müssen. “Spende heißt, keine roten Münzen sondern silberne in das Körbchen!“ Natürlich ohne Quittung oder Ticket.Da bleibt mir dann doch die Spuke weg. Als ob die ehrwürdige Kirche in Italien nicht schon so ordentlich ausgeschenkt bekäme.

So oder so. Lecce wirkt immer wie ein anziehender Magnet auf Reisende. Im Frühjahr kommen erst die italienischen Schüler auf Klassenreise. Gebändigt werden sie von durchsetzungsstarken Lehrerinnen. Dann schließen sich ältere Herrschaften in Reisegruppen aus ganz Europa an. Sie trotten handzahm einem bunten Windrad oder einer Sonnenblume hinterher und bleiben mit offenen Mündern vor den absurden Kirchenfassaden stehen.

Graffiti an einer Wand in Lecce.

Lecce ist auch eine quirlige Uni-Stadt. Lässt sich an den Wänden ablesen

Das Stadtwappen von Lecce: die Wölfin unter dem Eichenbaum. Daneben das Faschi-Bündel, Zeichen des italienischen Faschismus. Die Vergangenheit in Lecce hat viele Schichten

Wann ist Lecce am schönsten?

Am schönsten ist es, Lecce an einem Wochenende zu besuchen. Die Straßen und Plätze verwandeln sich in eine Art bunten Rummelplatz. Gasbefüllte Luftballons schweben in der Luft. Straßenmusikanten klimpern bezaubernde Melodien durch die Gassen. Lebenden Mumien sind an den Straßenecken zur Salzsäule erstarrt. An unzähligen Ständen wird Schnuckerware und schlimmer Tand angeboten. Fliegende Händler bieten gefälschte Handtaschen von Luxus-Lablen an. Die Straßenhändler kommen ziemlich häufig aus Afrika. Wäre interessant zu wissen, wer ihnen diese prekären Jobs vermittelt hat. Auf den Straßen von Lecce wird ziemlich deutlich, Italien ist ein Einwanderungsland.

Ich schlendere zurück zur Piazza San Oronzo. Hier residiert eine echte lecceser Institution. Das Café Alvino. Die Glasvitrinen quellen über mit herrlichem Mandelgebäck, Pasta Secca. Super lecker! Dann gibt es noch dieses verführerische Buttergebäck, üppige Cremeschnitten und Törtchen. Eine besonders beliebte Süßware in Lecce aber ist der verführerische Pasticciotto. Eine Mürbeteig-Pastete gefüllt mit einer feisten Vanillecreme und aromatischen Amarena-Kirschen. Lässt sich immer futtern. Morgens. Mittags. Abends. Also auch jetzt. Einen kräftigen Espresso und etwas Süßes, schon habe ich den Barock-Spuk von Lecce runtergespült.

Am Abend treffe ich Vito wieder. Er hat ein schickes, bedrucktes Hemd angezogen, eine knackige Jeans und blütenweiße Turnschuhe. Wir wollen Abendessen gehen. Er führt mich zu einem Restaurant irgendwo in der Peripherie der Stadt. So ein typisches süditalienisches Restaurant mit grellem Neonlicht und Plastikstühlen. Es ist menschenleer. Wir sind den ganze Abend die einzigen Gäste. Schwulsein in Lecce, wahrscheinlich kein Zuckerschlecken.

Auch sehenswert. Der historische Friedhof von Lecce. Aber so richtig versteht es in Apulien keiner, dass jemand zum Sightseeing Richtung Friedhof schlendert.

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