Otranto eine charmante Hafenstadt in Apulien

Die Festung von Otranto in Apulien. Mit Blick auf die Adria erinnert diese heroische Italia an die Märtyrer des Sacco di Otranto

Die malerische Hafenstadt Otranto in Apulien bezaubert durch eine fantastische Lage an der Adria. Das Meer verführt mit 50 Shades of Blue zum träumen. Aber auch Otrantos Altstadt hat viel zu bieten. In der normannischen Kathedrale gibt es ein geheimnisvolles Mosaik zu entdecken und verwinkelte Gassen laden zum flanieren ein.

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Otranto einfach unglaublich

Otranto hat mich wirklich überrascht! Ich wusste, dass es in Apulien regnen kann. Obwohl Apulien die regenärmste Region Italiens ist. Manche Kenner wollen den Namen der Region Apulien ja von a-pluviă einem griechisch römischen Hybridwort ableiten, was in etwa Wassermangel bedeuten soll.

Aber das es so regnen kann, wie im Oktober in Otranto, das wusste ich nicht. Denn als ich in diesem malerischen Städtchen war, hat es geschüttet wie aus Kübeln. Der Himmel hatte alle Schotten geöffnet und sintflutartige Regenmassen über die kleine Hafenstadt an der Meerenge von Otranto ausgegossen. Es regnete so krass, dass ich sogar das Konzept der bella figura über Bord werfen musste. Tatsächlich habe ich am helllichten Tage meine durchgeweichten Turnschuhe ausgezogen und bin barfuss und mit hochgekrempelten Hosenbeinen durch die Wassermassen in den Straßen gewatet. Hier kommt ein Foto zum Beweis: Schaumkronen in der Gasse!

Hochwasser in den Straßen von Otranto.
Unglaublich: Schaumkronen und Hochwasser in einer Straße von Otranto

Otranto Sehenswürdigkeiten

Übrigens wurde es nach dem heftigen Regen noch ein außergewöhnlich schöner Tag. Sowieso bin ich nicht wegen dieser erstaunlichen Naturereignisse nach Otranto gekommen. Angelockt hat mich die zauberhafte Lage des Orts an der Adriaküste. Immerhin gehört Otranto zu den borghi piu belli di Italia, den schönsten Altstädten Italiens. Von der prächtig aufgemotzten Promenade soll der Blick an schönen Tagen sogar bis nach Albanien reichen. Das liegt zwar 80 Kilometer entfernt an den östlichen Ufern der Adria, aber mit klarer Sicht und außergewöhnlich scharfen Augen soll diese Aussicht fantastisch sein. Heute aber nicht. Dennoch ist die Adria bei Otranto atemberaubend blau. Sie leuchtet in 50 shades of blue.

Außerdem gibt es in Otranto Sehenswürdigkeiten wie die Kathedrale Santa Maria Assunta und die byzantinische Kirche San Pietro zu entdecken. Diese erzählen von der bedeutenden Geschichte der Stadt im Mittelalter. Einer Zeit also, in der die Küste der Adria und das Salent, der spitze Absatz am italienischen Stiefel, ein zentraler Schauplatz der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Okzident und Orient waren. Die hohen Stadtmauern und das riesige Aragonesen Kastell sind Zeugnisse dieser gewalttätigen Vergangenheit.

Daran, dass auch die Gegenwart nicht immer rosig ist, erinnert ein Mahnmal im Hafen von Otranto. Mit einem rostigen Schiff wird der vielen namenlosen Flüchtlinge gedacht, die bei der Flucht über die Adria und das Mittelmeer den Tod finden. Apulien ist eben nicht nur der Stiefelabsatz Italiens sondern für die einen ein Brückenkopf ins Mittelmeer für andere ein Sprungbrett nach Europa.

Promenade an der Adriaküste.
Diese Aussicht von der Promenade soll von der Küste Apuliens bis nach Albanien auf der anderen Seite der Straße von Otranto reichen

Otrantos malerische Altstadt

Otranto ist eine Stadt am Meer mit einem kleinen, natürlichen Hafen. Dass von hier Kreuzritter aufbrachen, um Jerusalem und das heilige Land blutig zu unterwerfen, berichten nur die Reiseführer. Von selber käme niemand auf die Idee. Denn heute dümpeln an der Mole leise die Segelboote und die unvermeidlichen Motorjachten für stressgeplagte und darum erholungsbedürftige Freizeitkapitäne.

Auch die malerische Altstadt Otrantos, die nur aus einer schmalen Hauptstraße, vielen verwinkelten Gassen und noch mehr quietschebunte Souvenir-Boutiquen besteht, verrät wenig von der Geschichte der Stadt. Das blaue Meer, die weißgetünchten Häuser, die pralle Sonne, die sich schlussendlich doch noch aus der Deckung traut, verbreiten einfach nur Urlaubsstimmung. Otranto ist der Ort die Seele baumeln zu lassen. Dieser Eindruck ist auch deswegen so eigentümlich, weil das Meer von der Altstadt Otrantos aus gar nicht zu sehen ist. Denn die ist an vielen Stellen von hohen Festungsmauern eingeschlossen.

Wie bedeutend die uralte Stadt an der Küste Apuliens in vergangenen Zeiten gewesen sein muss – nach Otranto wurde ja immerhin die Halbinsel des Salent als Terra di Otranto benannt, lässt sich vor allem an der Größe der Kathedrale Santa Maria Assunta ablesen. Für so einen kleinen Ort scheint dieses gewaltige Gotteshaus, dann doch eine Nummer zu groß geraten.

Innenraum der Kathedrale von Otranto.
Die normannische Kathedrale Santa Maria Assunta

Die Kathedrale Santa Maria Assunta

Von außen ist Otrantos Kathedrale allerdings nur eine große ungeschmückte Steinkiste. Einzige Ausnahme bildet der pittoreske – leider vom Steinfrass benagte – architektonische Schmuck des Hauptportal. Die Kirche ist eine typisch normannische Basilika. Das schlichte und schmucklose Kirchenschiff wird von mächtigen Granitsäulen gegliedert, die wahrscheinlich von einem viel älteren römischen Gebäude stammen. Vor allem die großen Dimensionen machen einen gewaltigen Eindruck.

Ein echter Hingucker in der Kathedrale von Otranto ist das große Fußbodenmosaik, das fast den gesamten Kirchenboden einnimmt. Mitte des 12. Jahrhunderts hat Pantaleone, ein unglaublich belesener und gebildeter normannischer Mönch, dieses ungewöhnliches Bildprogramm entworfen.

Pantaleone nimmt die geheimnisvolle Tierwelt des Physiologus verschmilzt diese mit biblischen Erzählungen, griechischen Mythen und der Geschichte des Altertums und würzt diese Melange mit etwas englischen Sagenwelt und der Schilderung des bäuerlichen Lebens. So braut der kluge Mönche aus vielen Zutaten seine großartige kosmologischen Erklärung des Weltgeschehens. Auffällig ist, dass das Leben Jesu in dieser groß angelegten Erzählung gar keine Rolle spielt.

Heute ist dieser Kosmos des Pantaleone leider ungenießbar, denn er lässt sich weder enträtseln noch verstehen. Darum betrachten wir ratlos und vor allem unwissend diese abwechslungsreiche außerordentlich exotische Bilderwelt des Mosaiks von Otranto, das emsige Hände aus vielen Millionen Steinchen mühevoll zusammengesetzt haben.

Mosaik von Otranto, Detail.
Kämpfende Gladiatoren, Detail aus dem Mosaik des Mönchs Pantaleone

Der Lebensbaum von Otranto

Erkennen lässt sich immerhin das Motiv des Lebensbaums. Er lastet auf den starken Schultern zweier Elefanten. Seine weit ausladenden Äste gliedern den Fußboden in einzelnen Abschnitte, die Pantaleones viel Raum fürs Fabulieren bieten. Im Lebensbaum von Otranto wimmelt es von kämpferischen Amazonen, sündigen Kentauern, magische Bestien und streitbaren Gladiatoren.

Gigantische Drachen verschlingen mächtige Löwen, die wiederum teuflische Ziegenböcke zerfleischen. Sündige Seelen werden in großen Töpfen voll siedendem Öl gesotten. Die glücklichen, erlösten Seelen dagegen schlummern friedlich in Abrahams Schoß. Außerdem fahren Alexander der Große und König Arthus in den Himmel hinauf.

Pantaleone erzählt vom weisen König Salomon, von Adam und Eva, dem Sündenfall, dem Turmbau zu Babel und der Arche Noah. Fast vor dem Altar erschlägt der Bauer Kain seinen Bruder, den Schafhirten Abel. Und ganz in der Nähe bestellen Kains Erben das Land. Die Darstellung der 12 Monate zeigt den Ablauf des Jahres anhand der bäuerlichen Arbeit. Der Wein wir im März beschnitten. Die Getreideernte wird im Juni eingebracht und im Juli gedroschen. Im Oktober wird der Acker gepflügt.

Kain und Abel im Mosaik von Otranto.
Kain und Abel, Brudermord am Anfang der Geschichte

Das Mosaik von Otranto ist ein Labyrinth auf dem Weg zu Erlösung

Wahrscheinlich will Pantaleone in seinem gigantischen Panoptikum die Mächte des Bösen und der Versuchung darstellen. Ganz besonders aber möchte er dem Betrachter durch dieses Gestrüpp einen Weg zum Seelenheil weisen. Der moderne Betrachter aber muss sich in diesem fantastischen Labyrinth gnadenlos verlaufen. Denn ziemlich schnell verliert dieses Was ist Was? Spiel, seinen Reiz.

Für den heutigen Betrachter kann deswegen in dieser üppigen Fabelwelt etwas anderes wichtig werden. Pantaleone war ein universell gebildeter Mann. Sein heiliges Panoptikum füllt er aus unterschiedlichsten Quellen. Er kennt Ungeheuer der griechischen Mythologie, Helden der Rittersagen, Heroen der antiken Geschichte und Erzählungen aus dem alten Testament. In Apulien, an der Peripherie Europas finde sich in einem abgetretenen Fußboden das kulturelle Amalgam des alten Kontinents. Multikulti anno dazumal!

Das Mosaik von Otranto war im 12. Jahrhundert allerdings nicht einzigartig in Apulien. In Trani und in Brindisi lassen sich Reste von Mosaiken ähnlich denen von Otranto finden. Sie lassen vermuten, dass auch diese Kirchen ursprünglich mit fantastischen Fußböden geschmückt waren.

Denkmal für die Märtyrer.
Dieses Denkmal erinnert an den Sacco die Otranto

Der Sacco di Otranto

In der Kathedrale erinnert eine Kapelle voller menschlicher Gebeine an den Sacco di Otranto. 1480 eroberten die Truppen des osmanischen Sultan Mehmet II Otranto und Teile des Salentos. Diese Eroberung der Stadt ging als Sacco di Otranto in die Geschichte ein. Der zerstörte Ort verlor in Folge von Krieg und Zerstörung seine Bedeutung als Hafenstadt und wurde zu einer gewaltigen Festung ausgebaut.

Sind die Türken nun auf dem Weg nach Rom? Diese Frage elektrisiert und beunruhigt Ende des 15. Jahrhunderts große Teile Europas. Da Mehmet aber kurz nach der Eroberung Otrantos starb und seine militärischen Pläne in sich zusammenfielen, war es für das Heer des Königs Ferdinand aus dem fernen Neapel einfach, im Jahre 1481 die türkischen Besatzer aus Otranto zu vertreiben.

Bei der Eroberung Otrantos sollen die Soldaten aus Neapel ein Massengrab auf dem freien Feld entdeckt haben, in dem sie 800 Leichen fanden, die noch keine Spuren der Verwesung zeigten, obwohl sie dort schon über 13 Monate lagen. Wie konnte so etwas geschehen? Ein Wunder!

800 Märtyrer

Die verschwurbelte Legende der 800 Märtyrer von Otranto erzählt, dass diese 800 Toten die Opfer eines Massakers gewesen seien, welches die türkischen Eroberer an denjenigen gottesfürchtigen Bürgern Otrantos verübt hätten, die nicht zum Islam hätten konvertieren wollen. Diese Standhaften seien vom Tuchmacher Antonio Primaldo angeführt worden. Ein Stein auf dem die 800 geköpft worden sein sollen, wird heute im Altar der Märtyrerkapelle gezeigt.

Davon, dass es berechtigte Zweifel an diesem Schauermärchen gibt, berichtet in Otranto natürlich niemand. Aber die Frage bleibt, warum die türkischen Eroberer 800 Märtyrer hätten produzieren sollen, wenn die damals übliche Praxis war, von Andersgläubigen eine einträgliche Kopfsteuer zu erheben. Außerdem sollen viele Schädel Spuren von Kopfverletzungen aufweisen, die eher auf einen Tod bei Kampfhandlungen schließen lassen. Vielleicht ist es ja einfach so, dass diese 800 Menschen bei der Verteidigung ihrer Heimatstadt gestorben sind.

Im Februar 2013 kündigte Papst Benedikt gleichzeitig mit seinem Rücktritt die Heiligsprechung der 800 Märtyrer von Otranto an. Nur wenige Monate später am 12. Mai 2013 sprach Papst Franziskus sie heilig. Passt so etwas noch in unsere Zeit? Aber zurück zur Kirche, denn besonders schön ist die Krypta unterhalb der Kathedrale. Unzählige kleine Säulen mit faszinierend schönen Kapitellen gliedern den Raum und geben ihm eine mystische Stimmung.

Die byzantinische Kirche San Pietro in Otranto.
Die Kreuzkuppelkirche San Pietro in Otranto
Fresko aus San Pietro in Apulien.
Die Taufe Jesu im Jordan, byzantinisches Fresko aus San Pietro

San Pietro

Besonders schön ist auch die kleine Kreuzkuppelkirche San Pietro nur wenige Schritte entfernt. San Pietro soll schon im 9. oder 10. Jahrhundert errichtet worden sein. Damals wurde Apulien von Konstantinopel aus regiert. Deswegen ist San Pietro auch eine byzantinische Kirche. Der kleine Innenraum wird von vier mächtigen Säulen, die eine Kuppel tragen gegliedert.

Eine Besichtigung lohnt vor allem wegen der großartigen Ausmalung. Die schönsten dieser Fresken stammen aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Sie zeigen die Erschaffung der Welt, das komplizierte Beziehungsdrama von Adam und Eva und Geschichten aus dem neuen Testament. Im Gegensatz zum Mosaik von Pantaleone, das die Erlösungsgeschichte vor unseren Füßen ausbreitet, spielt sich diese in San Pietro über unseren Köpfen ab. Also quasi im Himmel. Was mag dieser Unterschied bliß bedeuten? Von San Pietro ist es nur ein kurzer Weg zum düsteren Castello.

Der Hafen von Otranto.
Am Hafen von Otranto ankern heute die Freizeitkapitäne
Mahnmal für das Schiffsunglück von Otranto.
Das Mahnmal für die Flüchtlinge über die Adria und das Mittelmeer erinnert an das Schiffsunglück der Katër i Radës am 28. März 1997

Das Kastell und der Hafen von Otranto

Das riesige Kastell von Otranto wurde nach dem Sacco di Otranto errichtet und im 16. Jahrhunderts mit mächtigen Bastionen versehen. Denn weit bis in 16. Jahrhundert hinein, versuchten Eroberer aus dem Osten sich des Salentos zu bemächtigen. Außerordentlich eindrucksvoll ist der Blick auf das Kastell vom Hafen aus. Dagegen lässt sich oben, von der Bastione dei Pelasgi aus, eine herrliche Aussicht über die weite Adria genießen.

Am Hafen erinnert ein Mahnmal an die Flüchtlinge, die bei der Flucht über die Adria und das Mittelmeer, auf der Suche nach einem sicheren Leben in Europa, starben und immer noch sterben. Der griechische Bildhauer Costas Varostos, bekannt für seine spektakulären Glasskulpturen, hat das Schiffswrack des Motorboots Katër i Radës in ein Geisterschiff oder Totenschiff verwandelt. Das verstörende Denkmal erinnert an ein Schiffsunglück vor der Küste Otrantos. Am 28. März 1997 kollidierte die Katër i Radës mit einem italienischen Kriegsschiff, das versuchte die Weiterfahrt des Motorboots in italienische Gewässer zu verhindern. 81 Menschen ertranken.

Der Stadtrat von Otranto hat dieses Mahnmal beauftragt. Unteranderem um daran zu erinnern, dass die Geschichte des Mittelmeeres auch heute noch eine gewalttätige und schmerzhafte ist. Dieses traurige Mahnmal, das die brutalen Auswirkungen der unmenschlichen Flüchtlingspolitik und Abschottung der Staaten der Europäischen Union vor Augen stellt, verändert sofort die Perspektive auf das azurblau strahlende Mittelmeer, das plötzlich nicht mehr Apulien mit Albanien verbindet, sondern sich in eine unüberwindbare Grenze verwandelt. Vielleicht ist so ein Denkmal nur in einer Stadt möglich, deren Namen seit über 500 Jahren genutzt wird, um auch heute noch Angst vor dem Anderen zu machen.

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Otranto Service

  • Über die Öffnungszeiten der Kathedrale, in der sich das berühmte Mosaik von Otranto befindet, informiert diese Website.
  • Da die Kirche San Pietro nicht regelmäßig geöffnet ist, solltest Du Dich in der Kathedrale nach deren Öffnungszeit erkundigen.
  • Für die Besichtigung der Stadt solltest Du mindestens einen halben Tag einplanen.
  • Von Otranto lohnt es sich, über die Küstenstraße bis nach Santa Maria di Leuca zu fahren. Manche behaupten diese Strecke sei sogar schöner als die spektakulären Kurven der Amalfitana.