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Vom Kauri-Baum Tāne Mahuta

Der Kauri-Baum Tāne Mahuta ist der Gott des Waldes im Waipoura Forest auf der Nordinsel Neuseelands. Über 2000 Jahre soll er alt sein. Ein Wunder, dass dieser Baumriese überhaupt noch lebt. Denn Holz und Harz des Kauri-Baums waren unglaublich beliebt.

Es ist einer dieser unentschiedenen Sommertage in Neuseeland. Der Himmel ist grau zugezogen, es könnte regnen, muss es aber nicht unbedingt. Es könnte lüllewarm sein oder aber ein bisschen fröstelig. Die Klimaanlage hat mich so tiefgekühlt, dass ich für da draußen kein richtiges Gefühl mehr habe. Wir kurven gemächlich auf dem Highway Number 12, dem Kauri Coast Highway, Richtung Far North durch eine grüne Hölle aus endlosem Buschland.

Menschenleere Gegend eigentlich, wären da nicht die vielen Autos und giftgrünen Wohnmobile, die uns überholen. Wir haben wahrscheinlich alle das gleiche Ziel. Wir wollen Kauri-Bäume sehen. Denn hier oben, ziemlich weit im Norden Neuseelands, im Waipoua Forest sind die Kauri-Baumriesen zuhause.

Blick in das Unterholz des Waipoua Forest in Neuseeland.

Farne, Fivefinger Büsche, Luftwurzeln. Die grüne Hölle des Waipoua Forest. Hier wächst der größte Kauri-Baum der Welt: Tāne Mahuta

Kauri-Fichten – Baumriesen im Waipoua Forest

Der Kauri-Baum, ist eines dieser Naturwunder, die nur in Neuseeland zu finden sind. Kauri-Bäume wachsen nur auf der Nordinsel, nur nördlich von Auckland auf der Coromandel Halbinsel und im Northland District. Sie gehören zur Familie der Koniferen, können uralt und riesengroß werden. Aus ihrem Holz wurden Schiffe gebaut und die schmucken Holzhäuser in Auckland und Wellington gezimmert. Außerdem ließen sich aus dem schön gemaserten Kauri-Holz prächtige Möbel schreinern. Zusätzlich produzieren Kauri-Fichten in großen Mengen ein Harz, aus dem sich Lasuren und Linoleum herstellen ließen.

Kurzum für die europäischen Pioniere des 19. Jahrhunderts war der Kauri-Baum eine bedeutende wirtschaftliche Ressource. Dessen Bestand rückten die ersten Siedler mit Dampflok und Sägewert so effizient zu Leibe, dass der Kauri-Baum nur noch in abgelegenen Landschaften Neuseelands zu finden ist. Gebiete, die mit der Dampflok nicht zu erreichen waren. Der Waipoua Forest ist so eine Gegend, vor dieser grünen Hölle mussten selbst die Kettensägen der abenteuerlustigsten Baumfäller kapitulieren.

Die Maori hingegen haben aus den mächtigen Stämmen der Kauri-Bäume Kanus gehauen. Das Harz des Kauri Baums diente als Kaugummi und aus dem Ruß des Harzes wurde der dunkle Farbstoff für prächtige, Tribal-Tattoos hergestellt. Eine geradezu nachhaltige Nutzung der Kauri-Bäume. Heute sind die Kauri-Bäume durch strenge Naturschutzgesetze geschützt. Jede wirtschaftliche Nutzung ist verboten. Nur die Maori Ivis (Stämme) können mit einer Sondererlaubnis einen Kauri-Baum für den Neubau eines Kanus fällen.

Nahaufnahme von Blättern des Kauri Baumes.

Blätter oder Nadeln? Bei der Kauri Fichte ist es irgendwie ein Zwischending

Ein junger Kauri Baum auf der Coromandel Halbinsel. Diesem kleinen Bäumchen sehe ich seine Zukunft als Baumgigant noch nicht an.

Tāne Mahuta – Gott des Waldes

Im Waipoua Forest wächst der größte und angeblich auch älteste bekannte Kauri-Baum, der Tāne Mahuta. In der Maori Mythologie ist  Tāne der Gott des Waldes. Der Baum wurde erst im Jahr 1928 zufällig beim Straßenbau entdeckt. Über 2000 Jahre ist er alt. Also war Tāne Mahuta zu Christi Geburt noch ein kleiner Knirps aber die Ankunft Captain Cooks auf der Nordinsel hat er schon als Riese miterlebt. Der Baum schießt 51, 2 Meter hoch in den Himmel, seine Krone hat einen Durchmesser von über 35 Metern, der Stamm hat einen Umfang von 13,77 Metern.

Der Gott Tāne Mahuta spielt eine wichtige Rolle in der Schöpfungsmythologie der Maori. Er ist der Schöpfer des menschlichen Lebens. Aber so wie ich es verstanden habe, sprechen die Maori bei Tāne Mahuta gar nicht von einem Gott im westlichen Sinne, sondern von einem Vorfahren oder besser Ahnen. Denn alle Menschen stammen ja von Tāne ab. Um mich auf die Begegnung mit diesem ehrwürdigen und uralten Baum-Lebewesen einzustimmen, lese ich im Maori Schöpfungsbericht und erfahre folgendes:

Die Legende von Papa und Rangi

Es herrschte Dunkelheit vom ersten Zeitalter zum zehnten, bis hin zum hundertsten und tausendsten Zeitalter, und die Erde und der Himmel lagen eng umschlungen, und zwischen ihnen lagen ihre Kinder, die das Licht nie gesehen hatten. Nach langer, langer Zeit wurden die Kinder von Himmel und Erde jedoch unzufrieden mit ihrem Dasein und begannen sich untereinander zu beraten.

“Lasst uns darüber nachdenken, was wir mit Rangi und Papa tun sollen!“ sprachen sie. “Wäre es wohl besser, die Eltern zu töten oder sollen wir sie bloß auseinander zwingen?“ Tu-matauenga, der wildeste unter den Kindern und Gott des Krieges, schlug vor die Eltern zu töten.

Tāne Mahuta aber, der Gott der Wälder und aller Geschöpfe des Waldes, sprach als nächster: “Ich bin anderer Meinung. Es ist besser, sie voneinander zu trennen! Der Himmel soll weit über uns sein, und die Erde unter uns. Der Himmel kann uns fremd werden – die Erde aber soll uns nahe bleiben und unsere Mutter sein, die uns hegt und pflegt.

Der märchenhafte Schöpfungsbericht der Maori Mythologie beginnt spektakulär mit einer alles verhüllenden Dunkelheit, in der ein schreckliches, ödipales Familiendrama bebrütet wird, das sich in Vater- und Muttermord zu entladen droht. Nur der besonnen Baum-Riese Tāne Mahuta kann den tödlichen Verlauf dieses Dramas aufhalten. Er setzt auf ein friedliche Lösung und er ist es schließlich auch der die Eltern voneinander trennt, als all seine aggressiven Brüder an dieser gewaltigen Aufgabe gescheitert sind …

… war die Reihe an Tāne Mahuta: Langsam, ganz langsam richtete er sich auf und stemmte sich zwischen die Eltern – doch immer noch bewegten diese sich nicht.

Tāne Mahuta ruhte eine Weile aus, und dann versuchte er es aufs neue: seinen Kopf und seine Schultern presste er gegen seine Mutter, die Erde, und mit den Beinen und Füßen stieß er den Vater Stück für Stück nach oben.

Die Sehnen, die Rangi und Papa verbanden, dehnten und dehnten sich und schließlich rissen sie, und Tānes Eltern schrien auf in ihrem Schmerz: “Warum nur tut ihr euren Eltern das an? Warum nur trennt ihr uns?“

“Warum trennt ihr uns?“ Wahrscheinlich eine ganz einfache Sache. Die pubertierenden Jungs von Papa und Rangi müssen rebellieren. Sie wollen sich vom Acker machen und auf die Reise durch das eigene Leben gehen. Kommt in den besten Familien vor.

Clean, Check, Spray … Komplizierte Vorbereitungen für den Besuch bei Tāne Mahuta

Der Kauri Baum und ich

Meine Reise durch den Waipoua Forest wird erstmal unterbrochen, wir halten schon. An einem bequemen Rastplatz mit Toilette und einem VW-Bus, der in eine mobile Café-Bar verwandelt worden ist. Es fehlt an nichts. Hier startet der Tāne Mahuta Walk, der vom Department of Conservation eingerichtet worden ist. Ein bequemer Weg, 5 Minuten auf Holzplanken durch einen üppig grünen Mischwald und schon stehe ich vor dem Gott des Waldes.

Bevor ich allerdings Tāne Mahuta besuchen kann, muss ich erstmal in einer Waschanlage die Schuhe desinfizieren. Die seltenen Kauri-Bäume werden von einer bösartigen Wurzelfäule, mit dem Namen Kauri Dieback bedroht, die von einem aggressiven Bakterium ausgelöst wird. An Schuhsohlen tragen Menschen das Bakterium von Kauri-Baum zu Kauri-Baum. Wegen der Übertragungsgefahr sind rund um Auckland schon ganze Kauri Wälder für Besucher gesperrt worden. Hier in Northland hilft man sich mit strenger Hygiene.

Also 2000 Jahre hat der Tāne Mahuta in der Krone, der Gott des Waldes wuchs hier schon, als noch kein Menschen auf der Nordinsel lebten. Als die Maori – wahrscheinlich irgendwann im 12. oder 13. Jahrhundert – hierher kamen, war dieser Kauri-Baum schon ein Gigant. Das erhabene Alter dieses Baumes jagt mir einen heiligen Schauer über den Nacken. 2000 Jahre alt und quicklebendig. Total unvorstellbar.

In fast 20 Meter Höhe breitet der Tāne Mahuta seine gewaltige Krone über einen Durchmesser von 35 Meter aus. Diese Krone ist eine eigene Welt. Da oben wuchern unzählige Pflanzen. Epiphyten, Aufsitzerpflanzen, haben sich da oben, ganz nah an der Sonne, eingerichtet. In den Astgabeln soll es sogar kleine Tümpel geben, in denen Frösche leben. Aber diese zauberhafte Welt da oben ist fern und so unerreichbar weit weg. Und ich hier im unten fühle mich so winzig, so klein. So klein. So winzig. Mundhalten. Einfach mal Schweigen! Einfach mal Staunen! Das alles, gibt es also …

Tāne Mahuta, der Gott des Waldes. Da wird der Mensch zum Fotowichtel …

Die gewaltige Baumkrone des Tāne Mahuta

Kauri Coast Highway

Quellenangabe

Die Legende von Rangi und Papa habe ich zitiert nach: Märchen aus Neuseeland, herausgegeben und übersetzt von Erika Jakubassa, 1. Auflage, Köln: Diederichs, 1985, S. 7 ff.