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Neapel. Heißer Draht ins Jenseits

Mit Seelen sprechen! Geht das überhaupt? In Neapel waren ältere Damen überzeugt, das funktioniert! Nötig nur entsprechendes Know-how und Schädel. Bis in die 60er Jahre existierte der Kult der L’anima pezzentella, der bittenden Seelen. Ein glühend heißer Draht ins Jenseits.

Neapel und seine Unterwelt unterhalten komplizierte Beziehungen. Denn der Untergrund Neapels aus weichem Tuffstein gleicht seit Urzeiten einem löchrigen Schweizer Käse. Vor Jahrtausenden haben Menschen begonnen den Tuff mit Höhlen, Zisternen, Tunneln und Brunnenschächten zu durchbohren. Dieses Labyrinth war schon immer multifunktional. Während der Bombardierung Neapels im Zweiten Weltkrieg suchte die Bevölkerung hier Schutz vor den alliierten Bomben. Zur gleichen Zeit versteckten sich in dem verworrenen Höhlensystem junge Neapolitaner, um der Deportation durch die deutschen Besatzer zu entgehen. Muss ein bisschen wie die Hölle gewesen sein.

Auch die Kulissen der berühmten neapolitanischen Krippen sind von dieser Unterwelt inspiriert. Denn in die Krippenbühne werden dunkle Höhlen, Brunnenschächte und Quellen eingebaut. Rund um das Christuskind jubeln die Engel. Aus den Höhlen aber dringt das Flehen der gequälten Seelen aus der Tiefe des Fegefeuers in die Ohren des frischgeborenen Erlösers.

Der Tod und die Qualen. Totenköpfe gibt es in Neapel an fast jeder Ecke …

Das Seufzen der brennenden Seelen

Das Vorbild für diese Verbindung des heiteren Feierns mit der Qual des Fegefeuers durch Höhlen fanden die Krippenbauer im Sanità Viertel. In diesem neapolitanischsten aller Stadtviertel Neapels werden seit Jahrtausenden die Toten in dunklen Höhlen und feuchten Grotten beigesetzt. Schon die heidnischen Griechen des Altertums haben damit angefangen. Die ersten Christen machten damit einfach weiter. Spanische Einwanderer bereicherten im 17. Jahrhundert den Totenkult in Neapel um bizarre Rituale.

Tod und Verfall inszenierten die Spanier als frivoles Verwesungs-Spektakel über die Nichtigkeit der menschlichen Existenz. Im Zentrum dieser Rituale stand die sorgfältige und aufwändige Pflege des skelettierten menschlichen Schädels. Denn so die Vermutung damals und wohl noch heute: Über die Liebkosung ihres Schädels lassen sich Seelen im Jenseits zu den großartigsten Wundern animieren.

L’anima pezzentella heißt dieser sehr spezielle Umgang mit dem Tod. Der Kult der bittenden Seelen. Höchste Verehrung genoss oder genießt die L’anima pezzentella im Sanita Viertel. Der einzigartige Cimitero delle Fontanelle legt davon Zeugnis ab.

… manchmal sind sie ein bisschen verspielt …

Der Cimitero delle Fontanelle

Auch ich habe diesen Friedhof besucht. Mit einem versifften Aufzug bin ich von der Via Santa Teresa degli Scalzi hinunter in das Sanita Viertel geschwebt. Durch enge Gässchen, vorbei an elendige Häusern und verrotteten Auto-Werkstätten bin ich Richtung Cimitero delle Fontanelle getrottet. Neapel kennt heiterere Wege.

Der Cimitero delle Fontanelle ist ein gewaltiges Beinhaus. Der Ursprung dieser Höhlen als Steinbruch lässt sich noch gut an deren dreieckiger Form erahnen. Ganz oben an der Decke sind die Grotten schmal und eng. Nach unten hin verbreitern sie sich zu weiten Hallen. Und da modern sie also.

Tausende schwarze Augenhöhlen starren ausdruckslos vom staubigen Höhlenboden zu mir hinauf. Schenkelknochen sind wie Feuerholz aufgeschichtet. Schädel werden unter kleinen Giebeln verwahrt oder durch Glasvitrinen geschützt. Vergammelte Seidenblumen. Verkümmerte Plastikkerzen. Verstaubte Papstbildchen und U-Bahn Tickets. Grusel? Keine Spur! Eher anarchische Lust zu freveln.

Mein erster Eindruck dieses Beinhauses entspricht dem eines wohlsortierten Ersatzteillagers auf dem Schrottplatzes. Hier die Kotflügel, dort Hecktüren, ganz hinten stapeln sich Rückspiegel. Interessierte Abnehmer gibt es für die verrotteten Ersatzteile allerdings keine.

… dann geistern sie erschreckend realistisch über die Wände …

Ein Friedhof wie ein Lagerhaus

Das waren mal alles Menschen… flitzt ein Gedanke durch meinen Kopf. Ob der Staub unter meinen Füßen auch mal alles Menschen war? Ok, das will ich dann nicht mehr so genau wissen. Der Herr hat’s gegeben. Der Herr hat’s genommen. So banal ist das hier. Wie ist dieses merkwürdige Knochen-Lagerhaus entstanden? Das kam so:

Nachdem die Steinbrüche aufgegeben wurden, begannen Neapolitaner die unzähligen Opfer der Pest, der Cholera, des Typhus und anderer Epidemien, die Neapel über die Jahrhunderte heimsuchten, hier zu verscharren. Daraus entwickelte sich ein Armenfriedhof. Als Anfang des 19. Jahrhunderts die Friedhöfe innerhalb der Stadtmauern Neapels aufgelöst wurden, bettete man die in der Stadt gehobenen Gebeine zur letzen Ruhe auf den Cimitero delle Fontanelle. Diese Ruhe währte allerdings nicht lang. Denn nach starken Regenfällen schwappten mit gewaltigen Schlammlawinen auch immer wieder Knochen und Schädel aus dem Cimitero über die Straßen des Sanita Viertels.

Ein unhaltbarer Zustand. Der Cimitero delle Fontanelle wurde neu organisiert. Die Gebeine wurde niederschlagssicher gelagert. Wie viele sind es? Das weiß niemand so genau. Denn in dunkleren Höhlen noch tiefer in der Unterwelt Neapels sollen noch viel mehr spröde Knochen modern.

In der Zeit der Neuorganisation des Friedhofs hat auch die Verehrung der Schädel in Neapel eine neue Form angenommen. Der Kult der L’anima pezzentella bereitete sich aus. Vor allem ältere Frauen begannen sich den abertausenden Schädel zuzuwenden. Sie wuschen und pflegten sie. Jeder Tropfen Wasser auf dem Schädel bedeutete für die im Fegefeuer schmorende Seele eine kühlende Linderung der flammenden Qualen und öffnete einen heißen Draht ins Jenseits. Denn für die empfangenen Wohltaten wollten die Seelen sich natürlich revanchieren. Also sprachen sie aus dem Jenseits und unterstützen die Lebenden mit Wundern!

… macher Totenkopf in Neapel wurde mit mütterlicher Liebe gepampert …

Die Seelen erschienen ihren Pflegerinnen im Traum. Teilten ihren Namen mit. Berichteten von ihrem Leben. Förderten die Sammelleidenschaft der alten Damen, indem sie sie zu weiteren Knochen ihres verfallenden Körpers lotsten. Sprachen Mahnungen und im besten Falle die Gewinnzahlen beim Lotto aus.

Eine pragmatische Win-Win-Situation. Die Pflege des Schädels bereicherte die Existenz der Fürsorgerin um eine besondere metaphysische Dimension. In Neapel nichts Ungewöhnliches. Denn seit der heidnischen Antike ist das Prinzip eine Hand wäscht die andere im religiöse Leben Süditaliens fest verankert.

Je erfolgreicher die Zusammenarbeit mit dem Totenkopf verlief, desto mehr wuchs der Schädel den alten Damen ans Herz. Sie bauten familienähnliche Beziehungen zu ihrem Schädel oder ihren Schädeln auf. Die Anonymität der Köpfe war dabei von größtem Vorteil. Denn so konnten die Frauen tollste Geschichten an den Schädel dichten. Wer wollte die schon überprüfen?

Wie der lieben Nachwuchs wurden Totenschädel mit mütterlicher Liebe gepampert. Sie wurden auf duftige Seidenkissen gebetet, mit Schmuck verziert, mit Blumen dekoriert. Für jedes Wunder, das ein Schädel erwies, spendierte seine Fürsorgerin ihm eine weitere Verzierung. Ein neues Häuschen mit Giebel. Gesichert mit einem Vorhängeschloss, damit die neidische Nachbarin nicht auf dumme Gedanken kommt. Manchem Schädel wurden sogar fantastische Legenden angehängt, die sich Neapolitaner noch heute zuflüstern. Zum Beispiel über den Schädel der geheimnisvollen Lucia in der Kirche Santa Maria del Purgatorio.

… dafür zeigte er sich gerne erkenntlich. Eine klassische Win-Win-Situation …

Santa Maria del Purgatorio – Neapels Fegefeuerkirhche

In der Kirche Santa Maria del Purgatorio, der Fegefeuer Kirche auf der Via Tribunali, hat der Kult rund um das Fegefeuer in Neapel seinen angestammten Platz. Vor der barocken Kirche weisen angedetschte Totenköpfe aus blankpolierter Bronze darauf hin, dass es in diesem Gotteshaus um die allerletzten Dinge geht.

Über eine breite Freitreppe geht es erstmal hinauf in die Oberkirche von Santa Maria del Purgatorio. Innen verschmelzen glänzender Marmor, verschnörkeltes Ornament und üppige Malerei zu einer paradiesischen barocken Pracht. Schön ist es hier. Nur hinter dem Altar grinst dieser fiese Totenmann. Selbstbewusst zeigt er seinen zahnlosen Mund. „Ich krieg Euch alle!“ Freut sich der miese Spielverderber.

Hehehehe … Ich krieg Euch alle …

Abstieg in das Fegefeuer

Durch eine enge Luke im Boden klettere ich die Unterkirche. Wie trostlos! Kein Mamor leuchtet. Schwarze Wände. Die Oberkirche funkelt wie das Paradies. Die Unterkirche dumpf wie das Fegefeuer. Interessanterweiser ist diese Hölle eher kühl. In Kapellen links und rechts wurden die Knochen der Toten meterhoch hinauf zum Gewölbe gestapelt. Jetzt sind sie leer. Die Knochen sind auf den Cimitero delle Fontanelle umgezogen.

Noch etwas tiefer als die Unterkirche liegt die düstere Krypta von Santa Maria del Purgatorio. Die Wände sind mit Badezimmerkacheln in Himmelblau, Popelgrün und Heidelbeerjoghurtviolett verkleidet. So lässt sich hier einfacher sauber machen.

In der Krypta riecht es muffig nach feuchter Erde. Denn in den Boden sind rechteckige, mit Kacheln gerahmte Gräber eingelassen. Das Erdreich darin, heilige Erde! Von ehrwürdigen Orten im Heiligen Land eingesammelt und hierher gebracht. In heiliger Erde klappt es mit der Verwesung und der Auffahrt in den Himmel zum jüngsten Gericht einfach besser. Ist ja logisch. Deswegen war die Beisetzung nur den vornehmen Toten vorbehalten.

Über den Gräbern ragen Eisenspitzen aus der Wand. Auch im Friedhof unter Santa Maria del Purgatorio wurden die reichen Leichen solange aufgehängt, bis sich während der Scollatura der Rumpf vom Haupt trennte. Wenn Du wissen möchtest, wie die Scollatura genau funktioniert, findest Du eine Beschreibung im Artikel Katakomben – Ausflug in Neapels Unterwelt.

L’anima pezzentella. Ein zweifelhafter religiöser Kult

Ganz hinten in einer dunklen Ecke wird in einer quadratischen Nische der jungfräulich weiß umhüllte Schädel von Lucia gezeigt. “Es war einmal“, erzählen sie sich in Neapel, “Lucia, … so schön … La Principessa“. Muss eine unglückliche Prinzessin gewesen sein.

Um Lucias Tod ranken sich schwitzige Geheimnisse. Viel Seufzer, Sex und Crime. Deswegen pilgerten neapolitanische Jungfrauen vor diesen Schädel und rieben ihn mit ihren kleinen Händen blitzeblank. Ob sie dabei um einen reichen Ehemann flehten, um eine üppige Kinderschar baten oder die kosmetische Wiederherstellung des Jungfernhäutchens erhofften? Ich habe es tatsächlich vergessen. Irgendwie kommt mir dieser Friedhofszauber vor wie rührseliger Ethno-Kitsch.

Dabei habe ich mit meiner Freundin Birgit vor vielen Jahren in der Krypta eine alte Neapolitanerin überrascht, die über einem dieser offenen Gräber mit einem Knochen hantierte. Das war richtig spooky!

Wir hätten diese Geisterbeschwörung eigentlich gar nicht erleben dürfen. Denn seit 1969 ist der Schädel-Kult der L’anima pezzentella von höchsten kirchlichen Würdenträgern als ketzerischer Budenzauber streng verdammt. Irgendwie auch nachvollziehbar.

Genützt hat das aber nichts. Der Schädel-Kult in Santa Maria del Purgatorio glühte verborgen weiter. Erst als in der Krypta schwarze Messen gefeiert wurden, fiel der Vorhang. Die Kirche wurde zugeschlossen. Nach langen Jahren der Schockstarre wird Santa Maria del Purgatorio nun regelmäßig als Museum wieder aufgeschlossen. Kostet jetzt Eintritt. Darf nur im Rahmen einer betreuten Führung besucht werden. Lohnt sich! Hingehen!