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Tallinn Tipps 2/3 – Das Rotermann Viertel

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus? Wie werden wir arbeiten, wohnen und shoppen? Im Rotermann Viertel in Tallinn gibt es gebaute Antworten auf diese wichtigen Fragen. Hypermodern kommen die rüber. Trotzdem gibt es Tradition und Geschichte. Eine interessante Mischung!

Das Rotermann Viertel in Tallinn ist total abgefahren. Vergangenheit und Zukunft werden hier wild durcheinander gewirbelt. Krass futuristische Techno-Architektur stülpt sich über ein abgehalftertes Industriedenkmal und füllt es wieder mit prallem Leben.

Da, wo früher Brot gebacken, Bretter gehobelt oder Schnaps gebrannt wurde, gibt es heute Shoppen, Flanieren, Wohnen und Arbeiten. Dazu wachsen hypermoderne Gebäude zwischen alten Industriekomplexen. Natürlich sind die Arbeiter und Handwerker von einst längst ausgezogen. Hippe, kreative Brainworker haben das Rotermann Viertel übernommen. Dabei war Rotermann in Estland einst eine Art Synonym für Industrie.

Das Rotermann Viertel, ein Industriedenkmal

Was die Rotermann Familie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht alles hergestellt, produziert und vertrieben hat. Gemeinsam mit der Familie von Rosen zum Beispiel Schnaps. Schnaps-Brennen muss unglaublich lukrativ gewesen sein, immerhin wurde das Heer der Zaren unter anderem mit festen Wodka-Rationen besoldet. Mehl wurde gemahlen. Salz wurde gelagert. Baumaterialien wurden vertrieben. Das erste Autohaus Estlands stand auf diesem Gelände.

Wieder einmal ist es die sowjetische Okkupation, die das blühende Industrie-Viertel in eine gammelige Brache verwandelt. Irgendwann war das Rotermann Viertel durch die Planwirtschaft so verrottet, dass Andrei Tarkovsky hier ein abgerocktes Set vorfand, um seinen apokalyptischen Science Fiction Stalker zu drehen.

Modell des Rotermann Viertel

So soll die Zukunft werden: Modell des Rotermann Viertels im Estnischen Architektur Museum

Nach der Wende war diese Brache zwischen Altstadt und Ostsee das ideale Areal, ein neues attraktives Stadtviertel zu entwickeln. Die Vision der Investoren Wohnen, Arbeiten, Shoppen in einem Stadtviertel der kurzen Wege. Deswegen können auch die Autos draußen bleiben. Das Rotermann Viertel ist Fußgängerzone. Richtig entspannend!

Hypermodern: Freilichtmuseum Rotermann Viertel

Ich erlebe das Rotermann Viertel als eine Art Freilichtmuseum für die zeitgenössische estnische Architektur. Die Architekten, die hier bauen, kommen fast alle aus Tallinn. So viele aktuelle Architektur, eng zusammengerückt auf einem Spot, lässt sich im Baltikum sonst nirgendwo entdecken. Dabei steht das Rotermann Viertel unter Denkmalschutz. Die alten maroden Gemäuer müssen restauriert werden. Höher als 24 Meter darf nicht gebaut werden. Die neuen Gebäude müssen in ein existierendes historisches Ambiente eingepasst werden.

Auf diese Herausforderungen reagieren die Architekten mit fantastischen Entwürfen. Da ist zum Beispiel die alte Tischlerei. Das Architektur Büro Koko hat dem schmächtigen Kalksteinbau drei futuristische Techno-Türme aufs Dach gesetzt. Sie sind von Industrie-Kühltürmen inspiriert und scheinen über dem Dach zu schweben. An den Ecken gibt es dreieckige Fenster Schlitze. Nachts sind sie rot erleuchtet. Dann funkeln sie wie die Augen einer Raubkatze. Das passt hierher. Estland war vor der Finanzkrise der führende baltische Tigerstaat.

Ehemalige Tischler Werkstatt im Rotermann Viertel in Tallinn nach der Renovierung

Unten Denkmal, oben Zukunft. Die ehemalige Tischler Werkstatt im Rotermann Viertel. Umgebaut vom Architekten Büro KoKo aus Tallinn. Auf dem Dach drei futuristische Techno-Tower

Auf der anderen Seite der zentralen Plaza des Rotermann Viertels steht eine quadratische Rostlaube. Der alte Mehlspeicher. Ein Entwurf des estnisch-japanischen Architekten-Duos Hayashi und Grossschmidt. Robuster und klarer als mit dieser Fassade aus rostigem Stahl lässt sich die verblichene Industrie-Atmosphäre des Ortes nicht formulieren. Die großzügigen Erker und die Panorama-Fenster verdeutlichen allerdings, dass hier niemand mehr einer schmutzigen, schweißtreibenden Arbeit nachgeht. Das Rotermann Viertel ist wirklich Brainworker World! Direkt neben dem Mehlspeicher ein Haus mit Stelzen aus Holz. Auch hier wird ein traditionelles Material verwendete. Der Entwurf stammt von dem Architektur Büro Alvers.

Der Erweiterungsbau des alten Mehlspeichers im Rottermann Viertel in Tallin

Die zentrale Plaza im Rotermann Viertel: schick Wohnen und Shoppen oder Flanieren und Verweilen. Die prächtige Rostlaube im Hintergrund ist der umgebaute alte Mehl-Speicher. Ein Projekt des estnisch-japanischen Architekten-Duos Hayashi und Grossschmidt.

Im Rotermann Viertel verschmelzen die alten Idustriebauten auf fantasievolle Weise mit aktueller Architektur. Die Materialien, die in den neuen Häusern verbaut werden, passen ziemlich gut zum historischen Ambiente. Backstein sowieso, der wurde an vielen Orten in Tallinn vermauert. Samtig-braun und rot korrodierter Stahl passt immer zu Hafen und Schifffahrt. Dynamische Bodenwellen zwischen den Häusern erinnern an die bewegte See. Spitz zulaufende Hausecken, lassen behäbige Steinmassen wie schnittige Ozeanriesen erscheinen.

Ein modernes Gebäude im Rotermann Viertel

Wer stand hier Pate, eine Quetschkommode oder hutzelige Häuschen aus der Altstadt?

Eine Fassade lässt mich sogar an den Blasebalg einer Quetschkommode oder die hutzeligen Giebel windschiefer Gemäuer in der Altstadt denken. Das Rotermann Viertel ist noch längst nicht fertig. Überall wird gebuddelt und gemörtelt. Ich bin gespannt, welche aufregenden Gebäude ich bei meinem nächsten Besuch in Tallinn hier entdecken kann.

Klar, manches an dieser Architektur sieht ein bisschen so aus, als ob Tallinn auf Deubel komm raus am hypermodernen Image bastelt. Ich geh jetzt mal ins Estnische Architektur Museum, um ein bisschen theoretischen Input zu bekommen.

Baustelle im Rotermann Viertel

Noch nicht ganz fertig. An vielen Stellen im Rotermann Viertel wird noch gebaut.

Das Estnische Architektur-Museum

Das Estnische Architektur-Museum steht von Straßen umbraust auf einer winzigen grünen Verkehrs-Insel am Hafenrand. Zum Glück hat es eine solide Hülle aus weiß glänzendem Kalkstein. Es ist in einem ehemaligen Salzspeicher untergebracht. Der sieht festungsartig solide aus.

Drinnen aber ist es licht und geräumig. Schon beim Eintritt in das Estnische Architektur-Museum wird mir klar: hier bin ich richtig. Überhaupt jeder, der eine Faszination für Spielzeugeisenbahn, Faller-Häuschen-Bau, Miniatur-Welten mitbringt, ist hier richtig. Denn im Architektur Museum gibt es jede Menge hervorragend gearbeitete Hausmodelle zu bewundern.

Modell des Wohnhauses des Architekten Olev Siinmaa in Pärnu.

Funktionalistische Architektur aus Estland. Modell des Wohnhauses des Architekten Olev Siinmaa in Pärnu.

Mich begeistert besonders ein Zeitstrahl, auf dem die Chronologie der estnischen Architektur vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Zukunft des laufenden 21. Jahrhunderts beispielhaft komprimiert ist.

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Architektur als Teil des Nationalbewusstseins. Ein Zeitstrahl von den 20er Jahren bis in die Zukunft

Wahnsinn, wie schnell sich die Architekten in den 20er Jahren vom deutschen Historismus und dem finnischen Romantismus entfernen und eine eigene funktionalistische Formensprache entwickeln. Die behalten die Architekten auch während der sowjetischen Okkupation bei. Nach einem Ausflug in die verspiegelte Investoren-Architektur der 90er Jahre gibt es nun eine Generation von jungen Architekten, die mit rechtem Winkel, Kreis und Quadrat ziemlich fantasievoll spielen.

Entspannen in der Sky Lounge

Eine gute Mischung aus schönen Exponaten zum Anschauen und informativen Texten, die erklären und einordnen, machen für mich den Besuch des Estnischen Architektur-Museums zu einem lohnenden Ereignis. Jetzt möchte ich mir Zersiedlung und Urban Sprawl in Tallinn genauer anschauen. Also bummele ich durch Tallinns geschäftiges Zentrum.

An der Narva Maantee, der Narva Straße, steht ein Gebäude, das aussieht wie ein gigantischer Ozeanriese. Etwas weiter am Rävala Puistee, dem Rävala Boulevard, steht ein Geschäftshaus, ganz und gar übergossen mit Buchstabensuppe. Und dann komme ich auch schon ans Radisson Blu Sky Hotel von Tallinn.

Glasfassade eines modernen Geschäftshauses in Tallinn

Buchstaben-Salat. Verspielte Glasfassade an der Rävala-Straße im Zentrum Tallins. Geschäftshaus, entworfen von den Architekten Tiit Trummal und Andres Alver

Geschäftshaus an der Narva Maantee in Tallinn

Geschäftshaus an der Narva Maantee in Tallinn. Sieht irgendwie nach Ozeandampfer aus. Oder was meinst Du?

Ich nehme den Aufzug und fahre hinauf in den 24 Stock zur Lounge 24. In 90 Meter Höhe mit einem untypischen Aperol-Spritz im Glas habe ich einen sensationellen Ausblick über das Zentrum von Tallinn und weit darüber hinaus. Ich kann den Ülemiste-See sehen, die Plattenbauten aus sowjetischer Zeit und den Park von Kadriorg mit dem Schloss Catherinenthal. Dort befindet sich auch das Kumu, das Kunstmuseum von Tallinn. Der nächste Tallinn-Tipp.

Ausblick vom Radisson Blu Sky Hotel in Tallinn

„Urban Sprawl and Glossy Architecture“ der Tigerjahre nach der Wende. Hochhausriesen erschlagen eine Stadt. Blick vom 24. Stock des Raddisson Blu Sky Hotel in Tallinn

Blick von Radisson Hotel in Tallin auf den Ülemiste See

90 Meter hoch. Weiter Blick vom Radisson Blu Sky Hotel in Tallinn auf den Ülemiste-See und die Plattenbau-Siedlungen aus der Sowjetzeit