Charming Birmingham: Das historische Jewellery Quarter

Charming Birmingham: Das Jewellery Quarter

„Wer fliegt schon nach Birmingham?“, lästert ein Mitreisender. Der Billigflug in Englands zweitgrößte Stadt ist halb leer. Umso besser! Vor mir liegt ein entspannter Spaziergang durch Birminghams Jewellery Quarter. Europas Schatztruhe Nummer 1 ist ein Juwel – und ein unentdecktes obendrein.

„Der Kunde ist König“, sagt Neil Grant entschuldigend. In der Hand hält er eine ausgesucht hässliche Silbertrophäe undefinierbarer Gestalt. „Für die Armee“, erklärt er mit einem Schulterzucken. Er sieht das professionell. Sein Vater war Juwelier, er selbst hat sich als Silberschmied etabliert. Zu seinen bekanntesten Auftraggebern gehört Prinz Charles, der mal einen Kerzenleuchter bei ihm bestellt hat – als Geburtstagsgeschenk für Elton John.

So viel Prominenz ist kein Zufall: Neil Grants Silberwerkstatt liegt im Jewellery Quarter. Der Stadtteil wirkt auf Anhieb sympathisch. Und sehr englisch: schmale Straßen, niedrige Ziegelhäuser, verspielte Türen und Giebel, wohin ich blicke. Nur die Sonne fehlt ein bisschen.

Charming Birmingham: Das historische Jewellery Quarter

Ladenzeile an der Vyse Street (© Anna Gibson, Museum of the Jewellery Quarter, Birmingham City Council)

Dafür glitzern und funkeln überall Schmuckauslagen. Die gibt es in dieser Fülle in Europa kein zweites Mal. Weit über hundert Juweliere, Schmuckdesigner und Silberschmiede machen das Jewellery Quarter zur reinsten Schatztruhe. Die hochkarätige Nachbarschaft sorgt für beste Qualität. Zugleich sind die Preise deutlich niedriger als in Londons Edelschmuckmeilen Hatton Garden oder Bond Street.

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Selbst die Vorgärten sind geschmückt: Schmuckauslagen wie in diesem Schaufenster sind das Markenzeichen des Jewellery Quarter.

Auch wer nichts kaufen will, kommt auf seine Kosten

„Unser Job ist kein Staatsgeheimnis“, sagt Neil Grant und zeigt mir seine Werkstatt. Dort herrscht unbeschreibliche Enge, jede Handbreit Raum wird genutzt. Einer der Mitarbeiter steht in einem gemauerten Graben. Von der Decke hängen schwere Seile. Wenn er daran zieht, saust vor ihm ein Prägehammer auf einen kleinen Amboss und prägt Muster in Manschettenknöpfe oder andere Schmucksachen. Die Anlage ist seit mehr als hundert Jahren im Einsatz und funktioniert immer noch reibungslos.

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Dieser Prägehammer hat mehr als 100 Jahre auf dem Buckel. Einziges Zugeständnis an die technisierte Gegenwart: Ein Elektromotor ersetzt den ursprünglichen Dampfbetrieb.

Wie sehr das Jewellery Quarter seinen Traditionen treu geblieben ist, erfahre ich im zentralen Museum des Viertels. Es konserviert eine komplette Juwelierwerkstatt, die von 1899 bis 1981 in Betrieb war. Verändert hat sich in dieser Zeit fast nichts, und auch danach blieb alles unangetastet. In der Küchenecke des Büros steht noch das Frühstücksgeschirr samt Tee und Wurstkonserve. Uralte Schreibmaschinen warten vergeblich darauf, benutzt zu werden.

Unten in der Museumswerkstatt schaue ich einem Juwelier bei der Arbeit zu. Nebenher erzählt er, dass die Angestellten im Jewellery Quarter früher keine aufgeschlagenen Hosen tragen durften, damit niemand wertvollen Goldstaub nach Hause schmuggelte. Der fiel immerhin in so hohen Mengen an, dass sich die Besitzer der Firma davon einen Neuwagen kaufen konnten.

Ich stelle mir vor, wie das wohl zu Hippie-Zeiten ablief. Wurden da auch die Haare ausgeschüttelt? Aber Kontrolle gehört in diesem Metier eben zum Geschäft. Die, die hier an den Werktischen sitzen, wissen das. Überhaupt spüre ich überall, wie eng und selbstverständlich das Schmuckhandwerk mit dem Jewellery Quarter verwachsen ist.

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In der Werkstatt der ehemaligen Juwelier-Manufaktur Smith & Pepper (© Museum of the Jewellery Quarter, Birmingham City Council)

Jewellery Quarter – Qualität aus Tradition

„Ich bin zehn Minuten von hier geboren“, verrät George Moore nicht ohne Stolz. Der Juwelier arbeitet schon über 50 Jahre im Viertel. Sein Sohn gehört ebenfalls zur Firma, er wird den Laden des Vaters eines Tages übernehmen. Das sind nur zwei von Dutzenden ähnlicher Biografien. Für den Besucher hat so viel Know-how an einem Ort enorme Vorteile. Was die eine Werkstatt nicht bietet, führt die nächste im Programm. Handgemachten Titanschmuck zum Beispiel gibt es nur bei George Moore. So hat jeder seine Spezialität.

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George Moore: Seit mehr als 50 Jahren als Juwelier im Geschäft

Vor gut 250 Jahren ließen sich die ersten Juweliere im Jewellery Quarter nieder. Auch verwandte Gewerbe fassten Fuß. Zwischen Schmuckwerkstätten und Boutiquen wuchsen ganze Fabriken empor. Die Schreibfedern, die einst darin produziert wurden, eroberten von hier aus die ganze Welt.

Davon erzählt der „Pen Room“, in dem ich selbst zum Feder-Stanzer werde. Das geht leichter als gedacht – die Hauptarbeit macht die Maschine. Der größte Schatz des kleinen Museums ist eine Sammlung aus vielen tausend Stiften, Füllern und Schreibfedern jeder Art und Stilrichtung: vom silbergravierten Luxusexemplar der Birminghamer Schokoladendynastie Cadbury bis zum zweckentfremdeten Impfstift gegen Pocken.

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Das Argent Centre anno 1863: früher eine Stiftefabrik, heute Bürogebäude. Auch das Stifte-Museum „Pen Room“ logiert hier.

Intaktes Viertel und Treffpunkt der Kreativen

Das schmucke Fabrikgebäude, in dem der „Pen Room“ residiert, sieht ein bisschen aus wie ein italienischer Renaissancepalast, nur eben aus Ziegeln. Ganz in der Nähe stoße ich auf den romantisch verfallenen Key Hill Cemetery. Verwitterte Grabsteine nennen Namen, die in England einigen Ruhm genießen. Alfred Bird, eine Art britischer Dr. Oetker, ist einer davon.

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Der Key Hill Cemetery: stilvolle Ruhestätte unter alten Bäumen

Kontinuität, Tradition, Selbstvertrauen, Understatement – das sind urenglische Tugenden in Reinkultur. Gepaart mit industriellem Gewerbefleiß machen sie das Jewellery Quarter zum Vorzeigestandort auf der Europäischen Route der Industriekultur. Zugleich entwickelt sich der Stadtteil mehr und mehr zum Treffpunkt der Kreativen. Architekten, Webdesigner und neuerdings auch Künstler lassen sich hier nieder. Davon profitiert das kulinarische Angebot, das von der Suppenküche bis zum preisgekrönten Gourmet-Tempel reicht.

Das Herz des Jewellery Quarter ist St. Paul’s Square. Dort gibt es alles, was einen lebendigen Stadtplatz ausmacht: einladende Cafés, Bars und Restaurants, dazu eine hübsch bepflanzte Parkanlage und mittendrin eine alte Kirche mit zehn nagelneuen Glocken.

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St. Paul’s dominiert den gleichnamigen Platz, der eigentlich ein Park ist.

Die Mittel für das Geläut hat Pfarrer Tom Pike im Viertel gesammelt – innerhalb von nur einem Jahr. Hier funktioniert Gemeinsinn noch und das nötige Kleingeld ist auch vorhanden. Jetzt übt der Pfarrer freitagsabends mit Gleichgesinnten neue Glockenspiele ein und gibt sie vor den Gottesdiensten zum Besten. Dabei kann er sich eines großen Publikums sicher sein.

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Tom Pike, der Glöckner von Birmingham

Service

Das Jewellery Quarter liegt in ca. 15 Minuten Fußentfernung vom Stadtzentrum und ist außerdem per Bus, Bahn und Metro erreichbar. An der Vyse Street gibt es einen Info-Pavillon. Einen guten Einstieg bieten zwei geführte Routen, die durch Symbole auf dem Gehweg gekennzeichnet sind. www.jewelleryquarter.net

Jenseits des Jewellery Quarter baut Birmingham zielstrebig seinen Ruf als Shoppingmetropole aus. In kulinarischer Hinsicht gilt Birmingham als Hauptstadt des Balti, einer Art Curry pakistanischer Herkunft. Mehrere Theater, ein Symphonieorchester sowie zahlreiche Museen und Galerien sorgen für kulturelle Klasse. www.visitbirmingham.com