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Der Heilige Nikolaus und seine Kirche in Bari

Der Heilige Nikolaus gehört eigentlich nach Myra – dem heutigen Demre in der Türkei. Trotzdem hat er sein Grab und eine beeindruckende Kirche in Bari in Apulien. Dort kennen sie Nikolaus noch im Original als Bischof, nicht als Schoko-Fettwanst mit Zipfelmütze!

Entführung eines Toten, Störung der Totenruhe und Raub. Diese ungeheuerlichen Verbrechen stehen am Beginn der Geschichte der Basilika des heiligen Nikolaus´ in Bari. Im Mai des Jahres 1087 hatten sich Kaufleute aus Bari auf den Weg über die Adria nach Myra – dem heutigen Demre in der Türkei, nahe Antalyas – gemacht, um Nikolaus‘ heilige Knochen zu rauben und nach Bari zu verfrachten.

Solche Reliquien waren damals kostbarer als Gold und Edelsteine. Das Grab eines bedeutenden Heiligen in der eigenen Stadt versprach schließlich Pilger aus ganz Europa nach Bari zu locken und damit sprudelnde Einnahmen aus dem zukünftig zu erwartenden Pilgertourismus. Außerdem ließ sich der Heilige Nikolaus bestimmt politisch instrumentalisieren. Also überwältigten die bareser Kaufleute einfach die Wächter am Grab des heiligen Nikolaus, demolierten dessen Marmorverkleidung mit schweren Hämmern und luden sich den von Edelsteinen beschmückten Sack mit den wundertätigen Knochen auf die Schultern. Dann fuhren sie gut beschützt nach Hause. Schließlich ist der Heilige Nikolaus der Schutzpatron der Kaufleute und der Diebe – wie passt das eigentlich zusammen?

Der heilige Nikolaus als Skulptur mit dunkler Haut, Heiligenschein und einem Bischofsstab.

Der Heilige Nikolaus als Bischof. Nix da dicker Bauch und Zipfelmütze.

Der Heilige Nikolaus in Bari – Es begann mit einem Verbrechen

Als die Knochenräuber am 08. Mai 1087 mit ihrer spektakulären Beute in Baris Hafen einliefen, wurden sie voller Begeisterung empfangen. Denn Nikolaus war im Mittelalter noch nicht zu diesem dicken Onkel mit Plüschbart, roter Zipfelmütze und Coca-Cola-Truck säkularisiert. Der Heilige wurde in Ost und West als Beschützer der Seefahrer, der Kinder und der Frauen hoch verehrt. Denn der Heilige Nikolaus war apostelgleich. In der Rangordnung der Heiligen war er gleich hinter der Mutter Maria einsortiert, weiter war noch kein Heiliger vor ihm in der Gunst der Gläubigen aufgestiegen. Über 2000 Kirchen des heiligen Nikolaus gab es allein in Europa. Im Heiligenlexikon findest Du mehr über die Legende des Nikolaus.

Also wohin mit den kostbaren Gebeinen? Fragten sie sich in Bari. Der Obhut ihres Bischofs wollten sie den Nikolaus nicht anvertrauen. Im 11. Jahrhundert beginnt mit dem Investiturstreit zwischen Kaiser und Papst der lange Prozess der Trennung von Staat und Kirche. Davon, wie die Städte in Norditalien die politische Macht der Bischöfe zurückdrängten, hatten die Kaufleute in Bari schon gehört, darum beschlossen sie, den Bischof auszubooten und dem heiligen Nikolaus eine großartige Kirche in Eigenregie zu errichten.

Hauptfassade der Heilige Nikolaus Kirche von Bari. Ein Hochaufragendes Mittelschiff wird von einem steilen Satteldach bedeckt. Die Dächer der Seitenschiffe sind Pultdächer. Links und rechts hat die Kirche des Heiligen Nikolaus zwei mächtige Türme. Die Kirche ist ganz aus weißem Stein erbaut.

San Nicola in Bari. Die beiden mächtigen Türme sind Wehrtürme einer Burg, die zuvor an dieser Stelle stand

Die Seite einer Kirche aus weißem Kalkstein. Viele Bögen gliedern die Fassade der Nikolaus Kirche.

Seitenfassade der Nikolaus Kirche in Bari. Auch die mächtigen Pfeiler gehören zu dem ehemaligen Kastell. Sie wurden einfach in den Kirchenneubau intergriert

Eine neue Kirche für den Heiligen Nikolaus

Groß sollte die Kirche sein und schnell sollte es mit den Bauarbeiten auch noch gehen, schließlich wollte die Stadt von der Popularität des Heiligen sofort profitieren. Und tatsächlich konnte sich Bari in kurzer Zeit zu einem der bedeutendsten Pilgerorte in Europa etablieren, neben Rom und Santiago di Compostella. Vom Ruf des Heiligen zerrt Bari auch heute noch. Denn der Heilige Nikolaus lotst immer noch Gläubige, vor allem aus den Gebieten der orthodoxen Kirchen, in die Stadt. Wie war dieser Erfolg möglich?

Logistisch und finanziell waren Kirchenbauten Ende des 11. Jahrhunderts eine ziemliche Herausforderung. Deswegen waren die Kaufleute von Bari auch froh, dass für eine Immobilie in bester Lage direkt am Meer eine neue Nutzung gesucht wurde. Seit der Eroberung Baris durch die Normannen stand das teilweise zerstörte Castell des Kapatans, des vertriebenen byzantinischen Statthalters, leer. In den Außenmauern dieser Festung wurde die neue Grabkirche für den Heiligen Nikolaus errichtet.

Kirche und Krieg im Mittelalter kein Gegensatz, trotzdem komisch diese Soldaten an einem Portal von San Nicola

Eine Kirche wie eine Burg

Burgen wurden damals häufig nach einem einfachen Plan errichtet. Der Grundriss war in der Regel viereckig. An jeder Ecke gab es einen mächtigen Turm. Die Türme waren innerhalb und außerhalb der Mauer durch umlaufende Wehrgänge miteinander verbunden. Der harte, weißen Kalkstein Apuliens war das Baumaterial solcher Festungen.

Tatsächlich hat die Kirche des Heiligen Nikolaus viel von dem Kastell des Kapatans bewahrt. Da sind einmal die mächtigen Türme, die die Eingangsfassade einfassen oder die Pfeiler, die die Wand der Seitenschiffe stützen und die immer noch den ehemaligen Wehrgang tragen. Auch im Innenraum der Kirche lassen sich viele Hinweise auf das byzantinische Castell finden. Wie schnell es mit dem Bau gehen musste, lässt sich gut an einem Portal am linken Kirchenschiff erkennen. Die Rahmung des Portals wurde aus Fragmenten zusammengesetzt, die ganz deutlich an verschiedenen Monumenten zusammengesucht worden sind. Besonders faszinierend an diesem Portal ist die Darstellung der Eroberung einer Stadt. Die Soldaten mit den nach unten spitz zulaufenden Schilden müssen Normannen sein. Außerdem sind auf zwei Würfeln die Getreideernte und die Weinlese dargestellt. Brot und Wein. So einfach lässt sich die wichtigste Funktion einer Kirche, nämlich das Abendmahl zu feiern, andeuten.

Marmor Relief vom Hauptportal der Heilige Nikolaus Kirche in Bari. Das Relief zeigt einen Soldaten in Rüstung, mit Schwert und Schild, der einen nackten Kämpfer mit einem runden Schild erschlägt.

Dieses Relief vom Hauptportal der Heilige Nikolaus Kirche in Bari zeigt zwei Vögel, die mit ihren Hälsen in eine Ranke verschlugen sind. Ein Affe sitzt auf dem Hals eines der Vögel.

Verstrickt und verheddert in Schlingen und Ranken …

… lauert das Böse auf den Menschen

Dämonen, Soldaten, Ungeheuer

Überhaupt gehört der überreiche Skulpturenschmuck an den Portalen und den Fenstern zu den außergewöhnlichen Sehenswürdigkeiten in Bari. Vögel, Dämonen, Soldaten und Ungeheuer verhaspeln sich in üppigen Ranken. Genauso wie wir armen Sünder vor der Kirchentür uns in den Fallstricken des Lebens und der Begierden verheddern. Bestürzend gewalttätig und grausam sind diese Darstellungen allerdings auch. Muss eine drastische Zeit gewesen sein um das Jahr 1100.

Betreten wir durch eine der großen hölzernen Türen den gewaltigen Kirchenraum, tappen wir im Dunklen, weil sich unsere Augen erst einmal an das mystische Licht des Kirchenschiffes gewöhnen müssen. Dann erkennen wir, die Heilige Nikolaus Kirche ist eine dreischiffige Basilika. Große Bögen, die auf runden Pfeilern auflagern, trennen das Mittelschiff von den Seitenschiffen. Große dreiachsige Fenster oberhalb der Scheidbögen gliedern die Wand des Mittelschiffs und belichten dahinter liegende Emporen. Der Kirchenraum wird von einer prächtigen Decke aus der Barockzeit nach oben abgeschlossen. Ganz vorne in der Kirche, unter der Vierung, erhebt sich über dem Altar ein Ziborium, eine Art Baldachin. Unterhalb dieses Baldachins befindet sich der Altar und unter diesem Altar, in der Krypta, das Grab des heiligen Nikolaus.

Ein großer Stuhl aus weißem Mamor geabrbeitet. Drei Männer ersetzen die Stuhlbeine und scheinen den Stuhl zu tragen.

Gebückt und bedrängt, schließlich gibt es mehr als nur die Last aus Stein zu tragen

San Nicola in Bari – Gründungsbau der Romanik in Apulien

Die Nikolaus Kirche in Bari ist eine romanische Kirche. Aber mit der monumentalen Romanik nördlich der Alpen, mit ihren mächtigen Formen und schweren Gewölben hat sie nichts gemein, vielmehr ist die Nikolaus-Kirche der Gründungsbau der apulischen Romanik. Fast alle Kirchen, die nach dem Baubeginn dieser Kirche in Apulien gebaut werden, folgen ihrem Beispiel. Der Dom San Sabino in Bari, die Kirche des heiligen Valentino in Bitonto oder die Kathedrale am Meer in Trani sind fantastische Beispiele für die Strahlkraft, der Architektur der Nikolaus Basilika.

Der Innenraum der Kirche des heiligen Nikolaus ist ziemlich nüchtern. Das hängt mit einer strengen Restaurierung zusammen, mit der in den Jahren des italienischen Faschismus versucht wurde, einen original romanischen Kirchenraum wieder herzustellen. Dabei wurden alle Zutaten, die über die Jahrhunderte die Kirche ausgeschmückt haben, gnadenlos abgehobelt. Deswegen steht bei der Besichtigung der Nikolauskirche vor allem der Raumeindruck im Vordergrund.

Eines der wenigen Kunstwerke von Rang ist der romanische Bischofsthron hinter dem Altar. Ängstlich, zusammengekauerte Männer tragen die Kathedra, den Sitz, auf den sich nur der Bischof setzen darf. Vor der Kathedra ist eine Fußbank gestellt, kleinen, zahmen Löwen stützen sie. Thron und Fußbank symbolisieren eindrücklich den alles bändigende Machtanspruch der Institution Kirche. Der muss einem heute allerdings nicht mehr gefallen.

Die Krypta unter der Kirche ist eine Art mystischer Säulenwald, das macht natürlich einen besonderen spirituellen Eindruck. Allerdings soll dieser monumentale Saal vor dem Bau der Kirche einfach der Festsaal im Palast des Kapatans gewesen sein. Das bedeutete, dass wir eine in ihren Ursprüngen weltliche Architektur aus Säulen und Gewölben heute als Musterbeispiel für religiöse Architektur erleben. Was für ein Bedeutungswandel.

Bilder, Skulpturen, Bücher mit dem Antlitz des Heiligen Nikolaus.

Hier ist der Heilige Nikolaus überall. Der Souvenier-Shop neben der Basilika

Flaschen bedruckt mit dem Heilige Nikolaus in einer Glasvitrine.

Das Manna des Heiligen Nikolaus abgefüllt und verkorkt. Praktisch eine sich selbst reproduzierende Reliquie

Das Manna des Heiligen Nikolaus

In der Krypta wird fast immer gesungen, gebetet oder Gottesdienst gefeiert. Sowas ist natürlich sehr stimmungsvoll, macht es aber ziemlich schwierig sich in Ruhe umzusehen. Hier also haben die Knochen des heiligen Nikolaus ihre irdische Bleibe gefunden. Sie sollen in einem wohlduftenden Öl schwimmen, das aus den Knochen fließt. Das Manna des heiligen Nikolaus. Dieser Substanz schreiben die Gläubigen wundertätige, Krankheiten heilende Wirkung zu. Deswegen wird sie regelmäßig gefördert, in Wasser verdünnt und an die Gläubigen verteilt. Eine Reliquie, die sich selber reproduziert. Ist das nicht außerordenlich praktisch? Im Andenkenshop, rechts von der Kirche, wird das vervielfältigte Manna in hübsch dekorierten Flaschen zum Kauf angeboten. Seit jeher förderte das Manna des Heiligen den Pilgertourismus nach Bari. Auch ich habe so eine Flasche mit Manna mit nach Hause gebracht. Ob es mir geholfen hat, kann ich nicht sagen. Aber geschadet hat es auch nicht.

Am schönsten ist es übrigens, über Reste der ehemaligen Stadtmauer Richtung San Nicola zu wandern. Der kurze Spaziergang startet an der Piazza Ferrarese an der Schnittstelle zwischen der Altstadt und der Neustadt von Bari. Auf der Piazza lässt sich auch eine fantastische Lunchpause einlegen. Der Blick von der Stadtmauer auf den Hafen, die Silhouette von Bari und das adriatische Meer ist recht hübsch. Von der Stadtmauer wird aber der Umstand, dass die Kirche des heiligen Nikolaus in einen ehemaligen Festungsbau eingepasst worden ist, besonders gut nachvollziehbar. Eine Kirche in einer Festung, das ist schließlich das besondere an San Nicola in Bari.