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Mantua Stadtspaziergang mit super Kunst

Mantua ist eine zauberhafte Stadt. Geschützt von malerischen Seen hat die Altstadt jahrhundertelang ihren authentischen Charakter und kostbare Kunstschätze bewahrt. Den Palazzo Ducale, die Kirche San Andrea außerdem den fantastischen Palazzo del Te. Dazu gibt’s italienischen Flair und tolle Atmosphäre.

Bahnfahren ist ja total in und in Italien auch ziemlich unkompliziert, also fahre ich mit dem Zug nach Mantua. Los geht es in Bologna, umsteigen in Modena, nach guten anderthalb Stunden komme ich am Bahnhof von Mantua an. Das ist super bequem. Der Bahnhof ist dicht ans historische Zentrum der Stadt gebaut, so groß ist Mantua nicht. Alles was ich mir vorgenommen habe: gut Essen im Aquila Nigra, Mantegnas großartige Fresken im Palazzo Ducale, die Renaissance Kirche San Andrea und den fantastischen Palazzo del Te kann ich theoretisch an einem Tag entspannt zu Fuß erledigen.

Ein Kanal zieht sich durch die Altstadt von Mantua. Links stehen am Ufer Häuser auf der linken Seite wächst ein immergrüner Baum.

Mantua ist eine Stadt am Wasser. Die Altstadt in von künstlichen Seen des aufgestauten Mincio umgeben. Auch durch die Stadt fließt ein Kanal

Blick in eine Arkade in der Altstadt von Mantua. Links Schaufenster. Rechts die Straße. Unter den Bögen gehen zwei Männer, die Motorradhelme tragen.

Überall in der Altstadt von Mantua malerische Arkadengänge. Praktisch bei Regen und zuviel Sonne

Mantua, Verdi, Rigoletto

Aber erst einmal fasziniert mich das Hotel Rigoletto. Einen abgehalfterten Neubau direkt gegenüber des Bahnhofs, die verstaubte Glastür ist mit einer Kette verschlossen, Musik wird hier nicht mehr gespielt. Und trotzdem fällt es mir wie Schuppen von den Augen, das zauberhafte Mantua ist der Schauplatz von Verdis Intrigenstadel Oper Rigoletto. Deren Protagonisten der dauergeile Herzog von Mantua, sein zynischer Hofnarr Rigoletto und dessen verstrahlte, liebstolle Tochter Gilda.

Dass Verdi Mantua als Ort wählt, an dem sein monarchie- und aristokratiekritisches Musikdrama sich ereignet, hängt damit zusammen, dass es im 19. Jahrhundert schon lange keinen Herzog von Mantua mehr gab. Dass die Gonzaga ein legendär verklärtes Adelsgeschlecht der verstaubten Vergangenheit waren. Nur mit dem Kunstgriff, seine Oper in die fantastische aber harmlose Vergangenheit zu verschieben, konnte Verdi seinen Stoff an der Zensur der kaiserlich habsburgischen Regierung vorbeischleusen. Mantua und seine Herzöge, für die große Politik des 19. Jahrhunderts spielte das keine Rolle mehr.

Der Stadt Mantua aber haben die Gonzaga Herzöge ihren Stempel aufgedrückt und noch heute zehrt die ehemalige Residenzstadt von diesem Erbe. Tatsächlich ist das erste Schaufenster, das meine Aufmerksamkeit erregt, spärlich mit Yves Saint Laurent Must Haves dekoriert. Ein bisschen weiter runter auf der Via Cavour blitzen fette Rolex in den Auslagen. Schon nach wenigen Metern durch die Einkaufsstraße erkenne ich, dass Mantua eine Stadt mit Anspruch ist, eine ehrwürdige Residenzstadt eben.

Ein schwarzes Croissant mit Zuckerbestreut auf einem Teller. Daneben ein Glas Orangensaft.

Veganes Cornetto mit Aktivkohle, geht noch mehr gesund? Gibt’s so nur in Mantua, könnte man aber auch in Pompeji ausgegraben haben

Gesund in Mantua

Im Cafe Venezia – hier lege ich eine kleine Frühstückspause ein – verstärkt sich dieser Eindruck noch. Etwas zu viele, eng taillierte Steppjacken, das Karo auf den schmalgeschnittenen Mänteln etwas zu klein, die Broschen etwas zu groß und die vielen golden gefärbten Haare unglaublich gepflegt. Wer es noch nicht gemerkt hat, Mantua ist ganz große Oper und voller Überraschungen. Das Cornetto zum Frühstück ist so schwarz, als ob sie es in Pompeji ausgegraben hätten, es ist sogar vegan und mit Aktivkohle auf magenfreundlich getrimmt. Daher also die Farbe.

Mantua ist eine kleine, außergewöhnlich gepflegte Stadt, so wie man sich Italien eben vorstellt. Auf der Hauptstraße sind die Tische eines Restaurants sogar mit rot-karierten Decken geschmückt, das gibts ja sonst nur noch im Fernsehen. Allerdings sind die Spuren des schweren Erdbebens, das 2012 in Mantua große Teile der Altstadt beschädigte, noch nicht beseitig. Die ehrwürdigen Stadtpaläste sind eingerüstet. Überall rumpeln die Baumaschinen und manche Häuser im mittelalterlichen Zentrum sehen aus, als ob sie aufgegeben worden wären.

Liberty Stil in Mantua. Der monumentale Palazzo Adreani ist Sitz der Handelskammer

Römisch, byzantinisch, irgendwie arabisch das Treppenhaus des Palazoo Adreani

Mehr ist mehr. Aberwitziger Stil-Mix im Innehof des Palazzo Adreani

Palazzo Adreani – Jugendstil durchgeknallt

Wie fast überall in Italien begeistern mich auch in Mantua die einfache Formen der Architektur. Kuben, Bögen, Kreissegmente und dazu ein verwaschener lehmiger Putz. So geht Atmosphäre. Aber was wäre eine Regel ohne Ausnahme?

In Mantua heißt diese Palazzo Andreani, das ist der schrille Jugendstil-Bau der Handelskammer. Im stürmischen Drang der frühen Karriere hat der Architekt Aldo Andreani, arabische Architektur, byzantinischer Antike und irgendwas römisches zusammengerührt und daraus ein aberwitziges Gebäude geformt, das ich mir mit großer Verwunderung aber auch Begeisterung betrachte.

San Andrea in Mantua nach den Entwürfen von Leon Battista Alberti. Der erste Universalkünstler der Reniassance kombiniert Tempel mit Triumphbogen und versucht so den Tempel in Jerusalem zu rekonstruieren.

Der Innenraum von San Andrea. Düster, dunkel und erhaben

San Sebastiano, nie waren Schmerzen süßer

San Andrea in Mantua

Ein größerer Gegensatz zu diesem überspannten Bauwerk als die würdige Kirche San Andrea lässt sich nicht denken. Der antikenbegeisterte Tausendsassa Leon Baptista Alberti hat die Pläne für diesen nüchternen Bau geliefert. An der Fassade versucht er sich an der Kombination eines römischen Tempels mit einem Triumphbogen. Den Innenraum wölbt er mit einem gewaltigen Tonnengewölbe ein. Kuben, Bögen, Kreissegmente und ein Dreieck. Einfachste Formen, große Wirkung.

Unter der hohen Kuppel ist eine Ampule mit Blut Jesu Christi versenkt. Diese wunderbare Reliquie ist dem Lanzenstich des heiligen Longinus zu verdanken. Seine Geschichte und die Auffindung der kostbaren Blutreliquie sind in der Kirche prominent an die Wände gemalt. Aber tatsächlich gibt es so viele Bilder an den Wänden, dass es mir schwer fällt mich zu fokussieren. Noch ein schneller Blick in die düstere Grabkapelle des großartigen Malers Andrea Mantegna und schon stehe ich wieder auf dem Platz.

Hier doziert eine gelangweilte Stadtführerin vor ziemlich abgelenkten Schülern in Richtung kühle Frühlingsluft von Mantua als Geburtsort des berühmten römischen Dichters Vergil. “Gott erfreut sich der ungeraden Zahlen“ heißt es in einer seiner Dichtungen; was wäre unsere Welt ohne diese Erkenntnis?

Mantegnas Deckengemälde im Palazzo Ducale von Mantua

Zauberhafte Engel in der Camera Picta oder Camera degli Sposi

Der Palazzo Ducale von Mantua

Um die Ecke an der Piazza Sordello erstreckt sich der Palazzo Ducale. Ein verwinkeltes unübersichtliches Labyrinth, das über die Jahrhunderte gewachsen oder besser gewuchert ist. Der Anblick ist nicht sehr repräsentativ aber der Ruf des Palazzo Ducale ist legendär. Im ältesten Teil des Palazzo, dem Castello di San Giorgio, schmücken großartige Gemälde Andrea Mantegnas ein Zimmer mit dem schlichten Namen Camera Picta. Diese bemalte Kammer möchte ich auf jeden Fall sehen.

Obwohl eigentlich eine Reservierung für den Besuch empfohlen wird, bekomme ich ohne Warten ein Ticket und kann direkt dieses Highlight in Mantua bewundern. Das sind eben die Vorteile einer Reise in der Vorsaison.

Das berühmteste Schlafzimmer Italiens

Die Camera Picta ist ein quadratischer Raum mit einer eingewölbten Decke. Der Auftraggeber Ludovico Gonzaga hat diesen Raum als repräsentatives Schlafzimmer genutzt. Im Bett liegen und Gäste empfangen, das käme heute nicht so gut an, außer vielleicht im Krankenhaus oder bei einem Sexdate.

Für eine gesellschaftliche Oberschicht des 15. Jahrhunderts zu der Markgraf Ludovico ohne Zweifel gehörte, war nicht zu arbeiten aber zu faulenzen das größte Privileg. Gäste mit großem Pomp in der Horizontale zu begrüßen, muss der perfekte Ausdruck dieser glücklichen Kombination aus reich und träge gewesen sein. Gibt’s ja heute kaum noch. In unserer Welt müssen sogar die Reichen arbeiten. Was Norbert Elias in seinem Buch Die höfische Gesellschaft zu der spöttischen Bemerkung anregt, dass “in mancher Hinsicht die Reichen heute wie die Armen früherer Zeiten leben und die Armen wie die Reichen.“ Nur gibt es heute kein Recht auf Faulheit mehr und die Trägheit ist sowieso übel beleumundet, aber … Ok, zurück zum Thema.

Die Familie Ludovico Gonzagas. Der Graf sitzt rechts seine Frau Barbara von Brandeburg in der Mitte. Links hinter ihr Leon Battista Alberti

Detail der Decke der Camera Picta. Sogar römische Kaiser waren auf Besuch im Palazzo Ducale von Mantua

Die Camera Picta im Palazzo Ducale von Mantua

In der berühmten Camera Picta des Palazzo Ducale in Mantua sind zwei Wände mit goldenen Brokatvorhängen bemalt, vor diesen Wänden stand das prächtige Alkovenbett. Die zwei anderen Wände zeigen die Familie Ludovico Gonzagas. Weit oberhalb des Betrachters hat der Kunstrevolutionär Andrea Mantegna das erste Gruppenporträt gemalt. Links sitzt Ludovico in Morgenmantel und Pantoffeln, Schlafzimmer eben.

Seine Ehefrau Barbara von Brandenburg aber ist schon schick angezogen und hat diese absurde Teletubby Perücke aufgesetzt. Mit interessanten Frisuren kennt man sich in Mantua seit vielen Jahrhunderten aus. Die nordische Import-Fürstin wird von der großen Schar ihrer Kinder umzingelt. Von rechts buckeln Höflinge eine Treppe hinauf. Steifes, höfisches Zeremoniell. Barbara ist übrigens schon als Mädchen – zu jung zum heiraten – nach Mantua gekommen. Deswegen ist sie erstmal zur Schule gegangen und zwar gemeinsam mit ihrem zukünftigen Gemahl Ludovico bei dem angesehensten Lehrer der damaligen Zeit, Vittorino da Feltre. Eine Sandkastenliebe?

Mantegnas Werkzeugkasten der Illusionen

Besonders spektakulär in der Camera Picta aber sind die Deckengemälde, Mantegna hat das Gewölbe des Zimmers aufgebrochen und lässt durch eine runde Öffnung Himmel und Licht in das eigentlich dunkle Zimmer fluten. Ziemlich frech hat der Maler einen hölzernen Eimer so wackelig positioniert, dass er auf uns hinunter zu fallen droht. Fluguntauglich fette Engel klettern eine Balustrade hinauf, zwei lachenden Frauen blicken auf uns hinunter. Mantegna entwickelt in der Camera degli Sposi einen Werkzeugkasten der Illusionen, von dem durch die Jahrhunderte viele Künstler zehren werden.

Denn dieser Blick nach oben in den blauen Himmel hinein ist wieder so ein sensationelles erstes Mal. Michelangelos spektakuläre Deckenmalerei in der Sixtinischen Kapelle wäre ohne Mantegnas Erfindung genauso wenig denkbar wie all die anderen Himmelsgewölbe des Barocks und des Rokokos.

Blick in die Spiegelgalerie des Palazzo Ducale

Wandteppich mit der Berufung Petri nach Entwürfen Rafaels

Verpatzer Mittag

Der weitere Rundgang durch die unterkühlten und leer geräumten Säle, Flure und Galerien des Palazzo Ducale in Mantua lässt mich allerdings kalt, viel Gold, viel dröger Stuck, viel Staub. Alles, was irgendwie schön und kostbar war, mussten die Gonzaga Herzöge aus Geldnot verkaufen. Geblieben ist eine runzlige Hülle, ein Schloss mit viel Geschichte.

Gegen 2:00 Uhr schluffe ich etwas zermürbt aus dem Palazzo. Zeit für das Mittagessen, Zeit für den Aquila Nigra, ein Restaurant, in dem ich vor unzähligen Jahren eine Apfelpolenta zur röschen Entenbrust gegessen habe, an die ich mich sehr gerne zurück erinnere.

Aber nicht nur das Aquila Nigra hat geschlossen, auch in der dazugehörigen Trattoria werden ab 14:00 Uhr nur noch Teller gewaschen, die Küche ist zu, wie mir ein etwas zu glatter Kellner erklärt. Prächtig Mittagessen in Mantua ist also nicht, eine Pizza muss genügen, das macht aber nichts.

Künstlerpalast. Das Wohnhaus des Hofmalers Giulio Romanos in Mantua ist ziemlich aufgemotzt …

… dagegen wohnte der Hofmaler Andrea Mantegna fast bescheiden

Die Kirche San Sebastiano nach Entwürfen von Leon Battista Alberti

Spaziergang zum Palazzo del Te

Denn den Nachmittag habe ich für den Palazzo del Te reserviert, die Vorfreude darauf kann auch ein entgangenes Mittagessen nicht trüben. Von der Piazza Broletto schlendere ich erwartungsfroh die Via Principe Amadeo hinauf.

Ein kurzer Abstecher bringt mich zum Haus des Malers Hofmalers Giulio Romano, für Federico Gonzaga hat er den Palazzo del Te entworfen und ausgestattet. Wie der Name schon verrät kam Giulio aus Rom nach Mantua. In Rom hatte er gemeinsam mit dem viel berühmteren Rafael an den Ausmalungen der Gemächer Papst Julius II im Vatican und der Villa Alessandro Chigis mitgearbeitet. Giulio Romano war nicht nur ein Kenner der bedeutendsten Kunstwerke der damaligen Zeit. Nach seiner Zeit am Hofe Julius II war er auch ein Spezialist in höfischer Kultur.

So wohnen Künstler

Dass Giuliano sich seines besonderen Status als Hofkünstler bewusst war, zeigt die prächtige Palastfassade, mit der Giulio Romano sein Wohnhaus schmückt. Die Kunst, die Giuliano produzierte, hat nichts mit der berühmten brotlosen Kunst zu tun. Ganz anders – nämlich nüchtern und bescheiden – sieht dagegen das ganz nah gelegene Wohnhaus Andrea Mantegnas aus. Auch Mantegna war Hofmaler der Gonzaga. Innerhalb von 50 Jahren haben sich die Vorstellungen von dem, was ein Künstler sein soll, anscheinend völlig geändert.

Schräg gegenüber Mantegnas Wohnhaus erhebt sich etwas verblüht und traurig die Kirche San Sebastiano, errichtet nach einem Entwurf Leon Battista Albertis. Ein hoch aufgesockelter Zentralbau wieder mit einer rekonstruierten Tempelfassade. Die Kirchentüren sind geschlossen. Aber plötzlich tauchen Schüler auf, die die Kirche besichtigen müssen. Sie werden begleitet von einer Mitarbeiterin des Stadtmuseums von Mantua, die mir erklärt, dass ich erst mal ein Eintritts-Ticket erwerben muss und zwar im Stadtmuseum. Praktischerweise gilt das Ticket auch für den Palazzo del Te.

Der Palazzo del Te liegt gar nicht mehr weit von der Kirche San Sebastiano entfernt, ein Katzensprung, zu dem ich nun ansetze. Was ich im Palazzo del Te erlebt habe, erzähle ich im Post: Palazzo del Te in Mantua – Sex und Kunst.