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Ferrara – Melancholie und Schönheit

Ferrara ist eine zauberhafte Stadt irgendwo in der melancholischen Po-Ebene. Sie ist die Heimat berühmt berüchtigter Persönlichkeiten. Der Fundamentalist Savanorola und die Giftmischerin Lucrezia Borgia kommen hierher. Außerdem gibt es ein prächtiges Kastell und Cappelacci. Viele Gründe sich mal umzuschauen.

Es ist kalt, es regnet oder nieselt und der Himmel ist milchig grau. Richtig komisch ist es dieses Frühjahr in Italien. Ein Gefühl von Süden kommt so gar nicht auf. Schon gar nicht in Ferrara. Der Süden ist sowieso ziemlich fern in Ferrara, dieser beschaulichen, kleinen Stadt im Nirgendwo der Po-Ebene. Ich komme mit dem Zug aus Richtung Venedig. Ist ja gar nicht weit. Ich schaue aus dem Fenster und draußen fliegt eine flache, völlig ungestaltete Landschaft vorbei, die der Fluss Po in vielen Jahrtausenden aufgespült hat.

Schnurgerade Alleen von schlanken Pappeln durchkreuzen diese Landschaft ohne ihr Struktur oder Halt zu geben. Schmucklose Hauswürfel sind zwischen diese Baumreihen irgendwie hingeworfen. Das sieht so arm und so verzweifelt aus, wenn es auf den Feldern nicht so prächtig grünte, wäre das ein Grund in stummer Melancholie zu versinken.

Eine Landkarte aus dem 16. Jahrhundert zeigt Ferrara mitten in der Po-Ebene. Der Fluss Po zieht sich in Kurven durch die Karte auf der rechten Seite die Adria-Küste.

Der rote Fleck in der Mitte der Karte zeigt Ferrara an einem Nebenarm des Po, ganz nah der Adria

Melancholie ist sowieso ein Gefühl, das ich mit Ferrara verbinde. Lange bevor ich das erste Mal hier gewesen bin, habe ich Giorgio Bassanis Roman, Die Gärten der Finzi Conti gelesen. Bassani erzählt die Geschichte einer großbürgerlichen, jüdischen Familie in Ferrara, die sich der gesellschaftlichen Isolation und Diskriminierung während des Faschismus und der Zeit der italienischen Rassengesetze zu entziehen versucht und natürlich scheitern muss. Ein trauriges Buch, das den Untergang einer Epoche und den der Mitmenschlichkeit beschreibt. Ein schrecklicher Schiffbruch. De Sicca hat aus diesem Buch einen Film gemacht, den ich irgendwann einmal in New York gesehen habe. Ich erinnere mich nur noch an lange von Mauern eingefassten Straßen und viel Nebel und milchig, trübes Licht. Mein Freund Everett Aison hat über diesen Film gelästert und auch die Kritik fand den nicht so toll. Zu holzschnitzartig!

Ein breite Straße in Ferrara. Links eine Gruppe von Fußgängern. Auf der linke Seite drei Backsteintürme einer Wasserburg auf quadratischem Grundriss.

Das Castello Estense mitten in Ferrara. Die Wasserburg wurde Ende des 14. Jahrhunderts errichtet

Ein mit rotem Steinen gepflasterter Platz. Auf der linken Seite eine gelbe Treppe.

Platz in der Altstadt von Ferrara

Melancholisch in Ferrara

Heute ist Italien ein Land, in dem die Regierung sich in die Tradition des italienischen Faschismus stellt, ohne dass das zu nennenswerten Reaktionen führt. Der Innenminister Matteo Salvini verunglimpft Immigranten und Linke mit widerlichen, unmenschlichen Metaphern, seine Anhänger tun es ihm nach. Birgit Schönau hat auf ihrem Blog Fussballoper viel dazu geschrieben.

Leider kann ich diesem faschistoiden Geist nicht entgehen. Der Bahnhof von Ferrara liegt etwas abseits der Altstadt, deswegen fahre ich mit dem Taxi. In Berlin hüte ich mich eigentlich davor mit Taxifahrern zu sprechen, denn ziemlich schnell schwimmt das Gespräch in brauner Soße. Aber in Italien war ich bisher nicht so wachsam. Werde ich in Zukunft aber sein, denn auch in Ferrara driftete das Gespräch unaufhaltsam in eine fremdenfeindliche Richtung. So trostlos!

An der Piazza Savanorola mitten in der Altstadt Ferraras springe ich hurtig aus dem Taxi. Im Zentrum des Platzes steht ein Denkmal für einen finsteren Mönch, der so düster aussieht, als käme er direkt aus dem Film Der Name der Rose. Der Dominikaner Mönch Savanorola ist einer der bekanntesten Bürger Ferraras. Kirchenreformer, fanatischer Fundamentalist, Märtyrer. Um 1500 hat er die Republik Florenz in helle Aufregung versetzt. Er ist Zeitgenosse der berüchtigten Lucrezia Borgia, Herzogin von Ferrara und Tochter seines größten Widersachers, nämlich von Papst Alexander des VI. Sie wohnte in diesen unruhigen und bewegten Jahren nach der Entdeckung Amerikas, voller politischer und kriegerischer Spannungen in Italien und der sich abzeichnenden Reformation neben der Piazza in diesem riesigen Backsteinkasten mit vier Türmen, dem D’Este Castell.

Eine bunte Malerei aus vielen unterschiedlichen Motiven an der Decke eines Saales im Castello Estense

Eine der fantastischen Deckenmalereien im Castello Estense. Kleine Putten auf rotem Grund. Irgendwie römisch

Auf hellen Putz sind kleine Quadrate von Papier aufgeklebt.

Überall Schäden des Erdbebens von 2012. Mit Japanpapier werden Fresken provisorisch stabilisiert

Lucrezia Borgia – Giftmischerin und Eherbrecherin

2019 ist das 500ste Todesjahr Lucrezia Borgias. Sie ist als Giftmischerin, Mörderin, Ehebrecherin und Blutschänderin dämonisiert und in die Geschichte eingegangen. Was davon wahr ist, versuchen dieses Jahr unzählige Bücher zu ergründen. Zum Beispiel das vorzügliche besprochene Buch Lucrezia Borgia: Glanz und Gewalt von Friederike Hausmann.

Aber in Ferraras Castell gibt es nichts von Lucrezia zu entdecken. Die Zeit ist einfach drüber weg gerauscht. Am schönsten sieht diese Wasserburg tatsächlich von außen aus und erzählt dann auch schon die wesentliche Geschichte. Bevor die D’Este zu Herzögen geadelt wurden, haben sie ihr Geld als fiese Kriegsunternehmer verdient. Außerdem fürchteten sie sich vor den eigenen Untertanen, vor denen Sie sich in dieser Festung verschanzen mussten.

Ich bin trotzdem rein gegangen und entdecke in schlichten Sälen viele Schautafeln voller interessanter Informationen, die alle gelesen werden wollen. Es gibt so wenige Besucher, dass sich einer der Kustoden in eine dunkle Ecke verzieht und schuldbewusst in der Nähe der Kerker eine Zigarette anzündet. Immerhin glänzen einige Räume der trutzigen Wasserburg mit prächtiger Deckenmalerei. Die schaue ich mir gerne an.

Erdbebenschäden auch hier. Der eingerüstet Dom von Ferrara

In der gemütlichen Enoteca al Brindisi wird Brot in originellen Formen serviert.

Auf einem weißen Teller gelbe Nudeln mit einer braunen Fleischsoße.

Cappelacci di Zucca eine Nudelspezialität aus Ferrara

Cappellacci eine Spezialität aus Ferrara

Um die Ecke auf der Piazza der prächtige romanische Dom San Giorgio. Leider geschlossen wegen Restaurierung, genauso wie der wegen seiner Kalenderbilder berühmte Palazzo Schifanoia, denn auch in Ferrara hat das Erdbeben von 2012 schweren Schaden angerichtet. Also bestaune ich die vielen Radfahrer, die ihre Räder schlafwandlerisch und anscheinend völlig regellos über die Piazza steuern. Immerhin klart auch der Himmel zaghaft auf. Durch schmale, mit abgetretenen Flusskieseln gepflasterte Gassen wandere ich zur berühmten Via delle Volte, denn dort soll das mittelalterliche Ferrara besonders gut erlebbar sein. Ganz ehrlich, der Umweg hat sich nicht gelohnt. Aber im Brindisi, der ältesten Weinstube Ferraras neben dem Dom und mitten in der Altstadt, werde ich nicht enttäuscht. Hier soll schon ein anderer Unruhestifter des 16. Jahrhunderts gegessen und gesoffen haben, nämlich Nikolaus Kopernikus.

Ich probiere die traditionellen Cappelacci di Zucca. Eine fette mit süßem Kürbismus gefüllte Nudel. Es gibt sie entweder al Burro e Salvia oder al Ragu. Als ich den Wirt ratlos anschaue, rät er mir zur Variante al Ragu, “Wir hier in Ferrara mögen es kräftig, außerhalb der Stadtmauer essen sie Cappelacci mit Butter und Salbei.“ Das hört sich an, als ob Burro Salvia nur für Weicheier sei, also nichts für mich.

Das Gericht kommt in erschreckenden Schonkostfarben. Unentschiedenes Gelb und dann dieses furchtbare Verwesungsrosé der blassen Fleischsoße. Für ein empfindsames Auge sind diese Cappelacci nichts. Das Gericht ist dann aber deftig lecker, der nicht ganz feine Kontrast zwischen salzig und säuerlich/süß ist sogar interessant. Satt machen mich die Nudeln aber nicht. Auf die folgende Aufschnittplatte hätte ich trotzdem verzichten können. Supermarktware. Und in der Emilia Romagna ist dann eben auch immer die fette Mortadella mit dabei, muss man auch können. Der namenlose rote Vino di Tavola gefällt mir aber ausgesprochen gut.

Straßenpflaster in Ferrara aus Flusskieseln. Ein Auto fährt darüber.

Die unregelmäßigen Flusskieselstraßen von Ferrara

Die gleichmäßigen Fassadensteine des Palazzo dei Diamanti

Besonders toll im Palazzo dei Diamanti sind die prächtig bemalten Holzdecken

Palazzo dei Diamanti

Mit vollem Bauch schleppe ich mich am Nachmittag zum Palazzo dei Diamanti. Berühmt ist der Palazzo wegen seiner spektakulären Fassade. Tausende Steine wurden pyramidenförmig zugeschlagen und erinnern entfernt an geschliffene Diamanten. Ein bisschen sieht der Palast aus wie das gigantische Nagelbrett eines Fakirs oder eine quadratische Durian-Frucht. Diamant-Quader kommen häufig im Festungsbau vor, an einer Palastfassade sind sie eher selten, deswegen wird so ein Aufsehen drum gemacht, sieht allerdings auch super prächtig aus.

Im Palazzo dei Diamanti ist die Pinacoteca Nazionale untergebracht. Dort gibt es eine Menge Malerei aus Ferrara. An der Kasse werde ich allerdings schon gewarnt. “Die Uffizien haben wir hier nicht,“ schrumpft die freundliche Kassiererin, noch bevor ich ein einziges Gemälde gesehen habe, meine Erwartungen.

Cosmé Tura: Das Martyrium des Heiligen Maurelius

Kreuzabnahme mit Korkenzieherlocken. Gemalt hat es ein Niederländer … aber welcher?

Die Pinacoteca Nazionale in Ferrara

Sie hat irgendwie Recht. Die Pinacoteca Nazionale ist viel übersichtlicher als die berühmten Uffizien, es sind viel weniger Besucher da. Außer mir gerade mal 2 weitere. Und Bilder sind ja sowieso immer interessant. Eine Neuentdeckung ist für mich Cosmè Tura. Dessen Martyrium des Heiligen Maurilius ist wirklich ein wundersames Bild mit einem Schlag ins Überkandidelte und Nervöse. Überhaupt sind viele Bilder, die ich sehe irgendwie bizarr. Das ist schon faszinierend.

Besonders gut gefällt mir ein Schutzengel gemalt von Carlo Bononi. Im Hintergrund lauert der böse Feind und im Vordergrund nimmt sich ein zauberhaft halbnackter Knabe von außergewöhnlich naiver Schönheit dem armen Sündern an. Ein Schelm wer Böses dabei denkt. In einer Vitrine entdecke ich ein frühes Werk El Grecos; 4 winzige Tafeln eines Reisealtars, auf denen er die Passion Christi ausbreitet. El Greco malt mit der Technik griechischer Ikonenmaler und nutzt diese irrlichternden Farben der ferrareser Malerei, Schwefelgelb, Sonnenorange, kräftiges Rosa. Richtig toll. Aber dann ist auch der Speicher voll.

Zurück zum Bahnhof gehe ich zu Fuß. Ein Taxifahrer war genug. Ich wandere an einem erstaunlichen Architektur-Mix zwischen Jugendstil und internationaler Moderne vorbei. Schmiedeiserne Blumen und Goldmosaike neben dem bröckelnden Putz der 60er Jahre und der Tristes vereinsamter Sozialwohnungs-Silos. Die Melancholie klebt wie ein dünner Film an mir. Werde ich auch während der Zugfahrt nicht los.

Architektur-Mix vom 19. Jahrhundert bis in die Moderne

Jugendstil in Ferrara