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Vicenza – Sehenswürdigkeiten und Palladio in 5 Stunden

Das etwas verschlafene Vicenza nennt sich Stadt des Goldes, Stadt des Palladio und ist UNESCO Welterbe. So viele Superlative und Sehenswürdigkeiten! Da musste ich mal hinfahren. War ein schöner und entspannter Besuch. Was Dich in Vicenza erwartet, erfährst Du hier.

Ich bin meistens im Süden Italiens unterwegs. Besonders gerne rund um Neapel. Darüber habe ich bei Sirenen & Heuler schon viel geschrieben. Jetzt war ich mal wieder im Norden. In Vicenza. Einer der reichsten Städte Italiens. Tatsächlich nennt sich Vicenza Citta D‘Oro, Stadt des Goldes. Das ist natürlich ganz uneitel gemeint. Es ist einfach so, Vicenza beheimatet einen großen Teil der italienischen Schmuckwirtschaft. Daher der Name. Früher nannte sich Vicenza La Città del Palladio und erinnerte damit an Andrea Palladio, diesen berühmten Architekten, der wie kein anderer das mittelalterliche Stadtzentrum mit seinen Palastbauten geprägt hat und Vicenza zum UNESCO Welterbe Prädikat verholfen hat.

Vicenza ist also reich und aufgeräumt und ordentlich – vielleicht sogar ein bisschen langweilig – und ganz besonders ruhig. Denn tatsächlich ist die Stadtmitte verkehrsberuhigt. Das ist für einen Stadtspaziergang vorbei an Vincenzas Sehenswürdigkeiten natürlich sehr schön. “Verkehrsberuhigt“ so eine Vokabel kennen die Italiener im Süden wahrscheinlich gar nicht. Aber bei meiner Reise durch Venetien finde ich viele autofreien Stadtzentren vor. Treviso, Bassano di Grappa und Venedig sowieso. Dort ist allerdings auch ohne Autos der Teufel los. Übertouristifizierung. Aber zurück zu Vicenza.

Blick in eine schattige Bogenarkade im Zentrum von Vicenza.

Die vielen zauberhaften Arkaden in Vicenza laden zum Bummeln und Genießen ein

Mein Samstag mit Palladio

Ich bin an einem Samstag Vormittag dort. Leider habe ich nur 5 Stunden für eine ganze Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten. Muss also alles ein bisschen schneller gehen. Gut gekleidete Menschen schlendern entspannt den Corso Palladio entlang und inspizieren aufmerksam die Schaufenster der vielen kleinen Geschäfte: edle Schuhe, elegante Hemden und chice Kostüme. Üppige Lebensmitteltheken, reiche Stoffe und ein bisschen komisches Design. In dieser Einkaufsstraße sind die kleinen, familiengeführten Geschäfte noch nicht von internationalen Einkaufsketten verdrängt. Das ist irgendwie schön, aber dann auch wieder komisch, denn ich würde diese merkwürdigen Hemden und Anzüge nie anziehen. Muss ich ja auch nicht. Muss ja den Bürgern von Vicenza gefallen. Außerdem bin ich nicht wegen der italienischen Mode gekommen, obwohl in Vicenza bekannte italienische Modemarken ihren Sitz haben. Bottega Veneta, Diesel, Pal Zilieri zum Beispiel.

Andrea Palladio hat mich nach Vicenza gelockt. Palladio das ist dieser Architekt, der in der Mitte des 16. Jahrhunderts die klassische römische Architektur mit Palästen, Villen und Kirchen wiederbelebt. Seine große Zeit hat er im 18. Jahrhundert als sein Klassizismus Architekten in England und Amerika inspiriert. Wir sehen diese Architektur fast täglich im Fernsehen, wenn aus dem weißen Haus in Washington berichtet wird. Denn das weiße Haus ist ein direkter Nachkomme der Architektur Palladios.

Ein Garten vor den Stadttoren von Vicenza. Auf einer grünen Wiese steht ein würfelartiges Haus mit Säulenportikus und Tempelgiebel. Die Villa Rotonda von Palladio

Palladios Villa Rotonda ist Vicenzas super Sehenswürdigkeit. Ein prächtiges, ganz und gar merkwürdiges Gebäude

Die Villa Rotonda – Vicenzas Super-Sehenswürdigkeit

Das berühmteste Gebäude Andrea Palladios in Vicenza ist die Villa Rotonda. Schau ich mir sofort am Anfang meines Stadtrundgangs durch Vicenza an. Die Villa Rotonda ist ein ganz und gar bemerkenswertes Gebäude. Die super Sehenswürdigkeit in Vincenza. Gebaut hat es Palladio für Paolo Almerico, einen Kurienkardinal, der in Vicenza seinen Ruhestand genießen wollte. Die Villa Rotonda war so eine Art Sommerhaus. Sie liegt ganz nah an der Stadt. Der Kardinal kam nur Tagsüber hierher, zum Schlafen ging der Kardinal nach Hause in Vicenza. Deswegen gibt es im ursprünglichen Entwurf auch keine Küche und kein Badezimmer.

Die Villa bekrönt einen Hügel vor den Toren der Stadt. Sie hat einen viereckigen Grundriss, in dessen Zentrum sich ein runder überkuppelter Saal befindet. An jeder der vier Seiten hat Palladio eine Vorhalle mit Säulen und Tempelgiebel bauen lassen. Von jeder Vorhalle führt ein Flur ins Zentrum zum runden Saal. So das im Grundriss der Villa auch noch ein Kreuz eingeplant ist. Da die Villa auf einem hohen Sockel steht, führen lange Treppen zu den Vorhallen hinauf. Tempelgiebel, Kuppel, Säulen, Kreuz und so fort, die Villa Rotonda sieht aus wie ein super heiliges Gebäude.

Eine Grundrisszeichnung in schwarz weiß.

Grundriss der Villa Rotonda aus den Vier Büchern zur Architektur von Andrea Palladio. Quadrat, Kreis und Kreuz

Immer wieder Geheimrat Goethe – Auch in Vicenza!

Im runden Saal geht es richtig hoch her. An die Wände sind Götter des griechischen Olymps gemalt. Apollo, Artemis, Dionysos, Zeus und Aphrodite. Eine lebenslustige Gesellschaft. Verdorben wird der Spaß durch einen alten, faltigen Sack, Chronos, die Zeit. Der Spielverderber schaut aus seiner Nische heraus und mahnt, dass auch die schönste Zeit einmal ein Ende haben wird. Johann Wolfgang von Goethe war auch mal hier. Er fand die Villa Rotonda gar nicht wöhnlich. So hat er sie in seiner Italienischen Reise beschrieben:

Heute besuchte ich das eine halbe Stunde von der Stadt auf einer angenehmen Höhe liegende Prachthaus, die Rotonda genannt. Es ist ein viereckiges Gebäude, das einen runden, von oben erleuchteten Saal in sich schließt. Von allen vier Seiten steigt man auf breiten Treppen hinan und gelangt jedesmal in eine Vorhalle, die von sechs korinthischen Säulen gebildet wird. Vielleicht hat die Baukunst ihren Luxus niemals höher getrieben. Der Raum, den die Treppen und Vorhallen einnehmen, ist viel größer als der des Hauses selbst; denn jede einzelne Seite würde als Ansicht eines Tempels befriedigen. Inwendig kann man es wohnbar, aber nicht wöhnlich nennen. Der Saal ist von der schönsten Proportion, die Zimmer auch; aber zu den Bedürfnissen eines Sommeraufenthalts einer vornehmen Familie würden sie kaum hinreichen.

Innenhof vor Palladios Teatro Olimpico in Vicenza.

Eine Straße in der Stadt Theben. Seit der Eröffnung vor über 400 Jahren hat das Teatro Olimpico kein neues Bühnenbild bekommen

Palladios Teatro Olimpico

Eine weitere weltberühmte Sehenswürdigkeit in Vicenza ist das Teatro Olimpico. Wie es schon der Name verrät spielen auch hier die olympischen Götter eine besondere Rolle. Ende des 16. Jahrhunderts hatte sich eine Gruppe von gebildeten Männern in Vicenza zur Olympisch Akademie zusammengefunden, sie wollten antike Literatur und besonders griechische Tragödien studieren und wiederbeleben. Dazu brauchten sie ein Theater. Andrea Palladio hat es ihnen in eine mittelalterliche Burg als ein römisches Theater eingerichtet. Allerdings nicht aus Stein sondern aus Holz. Und auch nicht wie die echten antiken Theater unter freiem Himmel sondern in einem Innenraum. Damit es trotzdem ein bisschen nach draußen aussieht, ist die Decke mit einem blauen Himmel mit Sonnenuntergangsstimmung bemalt.

Beim Betreten des Theaters quietschen die Holzdielen bedenklich. Das Theater ist ja auch schon fast 450 Jahre alt. Und staubig ist es auch. Erstmal muss ich kräftig niesen, Stauballergie, leider, und irgendwie staubt hier auch die Geschichte.

Die Last der Geschichte

Ganz ohne Zweifel ist dieses Theater ein Gebäude von höchstem historischen Wert. Immerhin ist es das erste eigenständige Theatergebäude der Welt. Das Teatro Olimpico bezeugt eine Epoche, in der gebildete Menschen sich nach und nach das Wissen, die Bildung und die Kultur der antiken Welt aneigneten und sie damit zu einer Wurzel europäischer Kultur machten. Also irgendwie super wichtig. Aber dann ist dieses Theater eben doch kein richtiges Theater. Denn das Bühnenbild hinter der monumentalen Bühnenwand ist auch schon fast 450 Jahre alt. Es ist die Stadt Theben, in der die berühmte griechische Tragödie Ödipus Rex spielt. Diese Horrorgeschichte aus Kindesmisshandlung, Vatermord, Inzest mit der Mutter, Selbsttötung und Verstümmelung, die seit Sigmund Freud als Blaupause für die männliche Psyche gelten muss.

Verwandlung, Knalleffekte, Verpuppung und Entlarvung all das, was Theater interessant machen könnte, ist im Teatro Olimpico gar nicht möglich. Denn hier darf ja nichts geändert werden. Im Teatro Olimpico muss alles bewahrt werden, wie es am ersten Tag war, als ein lebloses, verkalktes Denkmal für eine längst vergangene Zeit. Das ist so öde, dass es mich ratlos und ermattet zurück lässt.

Blick vom Teatro Olimpico auf Palladios Palazzo Chiericati. Heute das Kunstmuseum von Vicenza

Die Folterung des Heiligen Blaise aus dem Kunstmuseum in Vicenza … Wer’s mag …

Palladios Paläste in Vicenza

Vor der Tür des Theaters steht der prächtige Palazzo Chiericati. Auch der ein grandioses Werk des genialen Andrea Palladio. Die monumentale Vorhalle im ersten Geschoss erinnert an Gebäude, die ein römisches Forum hätten säumen können. Im Palazzo ist heute das Kunstmuseum von Vicenza untergebracht. Da gibt es viele Bilder, die Du nicht unbedingt gesehen haben muss. Außer perverse Folterungen renitenter christlicher Märtyrer erregen Deine Aufmerksamkeit. Ähnlich ist es mit der Kirche Santa Corona, die auch Teil des Kunstmuseums von Vicenza ist. Da gibt es einen Veronese und einen Giovanni Bellini, die kann man woanders besser sehen.

Wunderbar dagegen ist die Piazza dei Signori, der belebte, von Cafés und schnuckeligen Ristoranti gesäumte Marktplatz mit der berühmten Basilika im Zentrum. Und dann ist da noch eine weitere Sehenswürdigkeit, nämlich die Loggia del Capitano. Genau, auch die von Andrea Palladio erbaut.

Die Basilika Palladiana in Vicenza. Mit einer genialen Idee verwandelt Palladio einen mittelalterlichen Palast in ein Monument der Antike

Blick von der Galerie der Basilika Palladiana in die Monti Berici bei Vicenza

Mittelalter meets Antike – Die Basilika Palladiana in Vicenza

Die Basilika Palladiana in Vicenza ist keine Kirche, sondern der mittelalterliche Rathauspalast. Palladio hat das ehrwürdig verwachsene Bauwerk aus buntem Stein und einem grünen Kupferdach mit einer dekorativen Fassade ausgestattet. Damit hat er versucht, eine antike römische Basilika zu rekonstruieren. Bei den alten Römern hatte die Basilika nichts mit Gottesdienst zu tun. Dafür gab es ja die Tempel. Die Basilika war ein multifunktionales Gebäude des öffentlichen Lebens. Hier zeigte sich der Herrscher seinen Untertanen. In der Basilika verurteilten strenge Richter Übeltäter oder geschäftstüchtige Kaufleute boten ihre Waren an. All das passiert in Vicenza noch heute in und um die Basilika.

Der strahlend weiße Marmor, die klassischen Säulen und Bögen der Renaissance Fassade Palladios machen aus der Basilika ein beeindruckend schönes Gebäude. Aber am großartigsten an der Basilika ist der riesengroße gotische Ratssaal mit seinem erhaben gewölbten Dach, das sich über den Saal aufspannt wie der Bauch eines umgekippten großartigen Schiffes. Alleine wegen dieses Saales lohnt sich schon der Besuch in Vicenza. Palladios Architektur dagegen hat mich eher kalt gelassen. Der ausgewogene Klassizismus seiner Architektur erzeugt keine Schwingung mehr in meiner zerfaserten Gegenwart, die weder eine verlässliche Ordnung noch Anfang oder Ende zu kennen scheint.

Ein riesengroßes umgedrehtes Schiff. Die gotische Dachkonstruktion des ehemaligen Palazzo della Ragione in Vicenza. Heute ist der Palast ja einfach nur die Basilika

Bye bye Vicenza, Bye bye Palladio

Nach einer schnellen Mittagspause in einer Ecke hinter der Basilika, es gab Pizza, schlendere ich den Corso Palladio entlang und betrachte mir nüchtern seine Palastfassaden. Am besten gefällt mir der Palazzo Porto Breganze an der Piazza Castello. Warum? Weil es eine überkandidelte Ruine ist. Too big, um jemals fertig zu werden. Und Größenwahn, der passt dann wieder in meine Gegenwart. Also verlasse ich Vicenza, dieses Disney-Land im Norden Italiens zufrieden und satt. Ein halber Tag mit Palladio und den Sehenswürdigkeiten von Vicenza ist auf keinen Fall verschenkt.

Vicenza Tipps & Öffnungszeiten

Die Öffnungszeiten der Villa Rotonda und der Museen von Vicenza, zu denen auch das Teatro Olimpico gehört, findest Du auf deren Websites, die ich oben im Text verlinkt habe.

5 Stunden für Vicenza sind schon etwas wenig. Einen Tag solltest Du einplanen für diese reizende und etwas verschlafene Stadt. Mit eine bisschen mehr Zeit kannst Du außerdem noch die Villa Valmarana ai Nani besuchen und die verrückten Malereien von Vater und Sohn Tiepolo anschauen und zum Santuario auf dem Monte Berico hinauffahren. Außerdem gibt es außer Palladio und der Altstadt noch viel mehr zu entdecken in Vicenza. Keep me postet ;-)

Die Bauruine des Palazzo Porto Breganze in Vicenza. Ganz ehrlich, der Palast ist mein Liebling unter Palladios Gebäuden