Rom – Spaziergang unter’m Kapitol

Rom ist eine spektakuläre Kulisse. Besonders für Gedankenreisen. Die können in die Vergangenheit führen oder zu sich selbst. Im Stadtviertel unterhalb des Kapitol-Hügels finde ich den Schildkröten Brunnen, das ehemalige römische Ghetto und Input für einen verträumten Spaziergang durch Rom.

“Nun machen wir die phantastische Annahme, Rom sei nicht eine menschliche Wohnstätte, sondern ein psychisches Wesen von … langer und reichhaltiger Vergangenheit, in dem also nichts, was einmal zustande gekommen war, untergegangen ist, in dem neben der letzten Entwicklungsphase auch alle früheren noch fortbestehen.”

Krasse Aufforderung zur Gedankenreise, die Sigmund Freud in Das Unbehagen in der Kultur an die blühende Fantasie seiner Leser formuliert.

Freud bezeichnete die Psychoanalyse auch als Archäologie der Seele. Eine Reise in die Welt der Antike verstand er als eine Expedition in die unbekannte Landschaft des Inneren. Da passt der Rom Vergleich wie die Faust auf’s Auge. Denn in Roms Stadt-Landschaft pikst das Alte und Zerstörte, das längst Vergangene und Verdrängte mit zahlreichen Mauerresten, Säulenstümpfen, Bogenfragmenten in die Gegenwart hinein. Rom ist eine perfekte Kulisse, um über das Verhältnis zwischen Unbewusstem und Bewusstem, zwischen ES und ICH nach zu denken.

Sigmund Freud besuchte vor mehr als 100 Jahren allerdings ein völlig anderes Rom. Die monströse Via dei Fori Imperiali zwischen Piazza Venezia und Kolosseum zerschnitt die Innerstadt noch nicht in zwei Teile. Die Kaiserforen schlummerten noch in den Kellerverliesen mittelalterlicher Häuser. Im Grabmal des August unterhielt ein Planetarium die sensationslustigen Römer. Kurzum Siegmund Freuds Rom war eine Stadt, in der “alle diese Überreste des alten Roms als Einsprengungen in das Gewirr einer Großstadt aus den letzten Jahrhunderten seit der Renaissance erschienen.”

Blick in die Märkte des Trajans unterhalb des Kapitols in Rom.
Die Märkte des Trajans an der Via dei Fori Imperiali. Als Sigmund Freud nach Rom reiste, gab es diese Ausgrabung noch nicht

Gedankenreise in Rom

Heute ist die Antike in Rom eher ordentlich eingerahmt. Das Altertum ist mit Mauern, Zäunen, Ticket-Schaltern eingefasst. Es sind auch viel mehr Reisende unterwegs, als in den Zeiten Sigmund Freuds. Wenig Platz für eine Gedankenreise. Meiner Meinung nach gibt es in Rom exakt noch zwei Orte, an denen Sigmund Freuds Bilder der Seelenlandschaft Roms  uneingeschränkt zutreffen.

1.) Die Anreise nach Rom mit dem Zug über Trastevere und Tiburtina: Links und rechts der Gleise verwimmeln sich antikes und modernes Rom. Eine surrealistischen Gleichzeitigkeit von Aquädukten, Thermen, Tempelruinen mit Friedhöfen, verwahrlosten Mietskasernen und Metropolenbrachen. Besonders eindrücklich ist das bei der Einfahrt in den Bahnhof Termini. Das ist wie eine 3-D Tour durch ein Gemälde von Giorgio de Chirico. Unbedingt nachmachen!

2.) Das Stadtviertel unterhald des Kapitols rund um das ehemalige römischen Ghetto. Übrigens eine echte römische Oase. So wie das Monti Viertel oder das Quartiere Coppedè.

Dieses Viertel unterhalb des Kapitols, zwischen dem Largo Argentina, der Via delle Botteghe Oscure und dem Tiber ist für mich eines der geheimnisvollsten Stadtviertel in Rom. Tatsächlich ist es ein steinerner Irrgarten. Ich verlaufe mich immer wieder. Am Ende meiner Spaziergänge komme ich zum Glück an Stellen raus, die mir bekannt vorkommen. Da steht dann das Marcellus Theater. Oder ich blicke auf den Vaterlandsaltar. Oder ich schaue auf die Tiber Insel. Die Verwirrung lohnt sich, denn bei jedem Spaziergang tauche ich in eine atmosphärisch verwandelte Welt. Weg vom tosenden Verkehr der Metropole Rom. Hin zu einer ruhigen Stadt der kleinen Plätze und der scheppen Gassen.

Ausgrabung des Marcellus Theaters am Kapitol in Rom.
Die Bögen des Marcellus Theaters, Säulen eines Apollo Tempels. Im Hintergrund das Kapitol
Blick vom Ghetto auf das Kapitol in Rom.
Pinien auf dem Kapitol

Spaziergang unter’m Kapitol

Dabei ist dieses Stadtviertel erstmal völlig unspektakulär. Klar, es gibt auch was zu sehen. Dort eine prächtige Kirche des Barocks. Da sprudelt der Schildkröten-Brunnen. Es gibt das ehemalige römische Ghetto. Die Straßen sind eng. Die Häuser sind hoch. Für ein Viertel mitten in der Stadt fehlen die Schaufenster und Auslagen. Bürgersteige? Fehlanzeige! Autos und Fussgänger strengen sich an, einander in dem knappen Raum zwischen den Gebäuden auszuweichen. Löchriges Kopfsteinpflaster aus kleinen San Pietrini, heiligen Peters-Steinen, bedeckt die Straßen.  Pietro heißt Petrus, aber Pietra heißt auch Stein. Ein schickes Wortspiel haben sich die Römer da für ihre Pflastersteine ausgedacht.

Besonders berühren mich bei meinen Streifzügen die ungezählten Fragmente vergangener Epochen. Überall kann ich sie an Hauswänden entdecken. Da eine Säule mit ionischem Kapitell; in eine mittelalterliche Wand vermauert. Eine knorrige Haustür eingefasst von einem antiken Gesims. Neben einem vergitterten Fenster verschlingt ein marmorner Löwe eine zierliche Antilope. Wo kommt diese Säule her? Stand die schon immer da? Oder ist sie an dieser Stelle wiederverwendet worden? Jagen noch mehr Löwen flinken Antilopen hinterher? Diese Gesims dort, war es schon immer … ?

Skulptur eines Löwen in eine Wand eingemauert.

Rom ist eine Schichttorte

Solche Fragen drängen auf mich ein. Im Boden unter mir und eingemauert in die Häuser rechts und links schlummert das antike Rom. Ich zitier mal Birgit Schönau, sie sagt immer: „Rom ist eine Schichttorte.“ Stimmt genau. Um mich herum finde ich exquisite Zutaten für eine verführerische Schichttorte. Sogar Zuckerguss und Deko! Freuds Vorstellung: “Nun machen wir die phantastische Annahme, Rom sei nicht eine menschliche Wohnstätte, sondern ein psychisches Wesen von … langer und reichhaltiger Vergangenheit” wird hier für mich mehr als lebendig. In einer Jahrhunderte gar Jahrtausende dauernden Metamorphose haben sich römische Gebäude, die zur Zeit des Kaiser Augustus entstanden, in diese neue Stadt-Landschaft zwischen Mittelalter und Gegenwart verpuppt.

Heute schwer vorstellbar, wie die alten Römer im prächtigen Balbus Theater geniale Schauspieler beklatschten. Oder wie sie in der gigantischen Säulenhalle des Portikus der Ocatavia ihre Kaiser und Feldherren bejubelten. Tempi passati. Heute sind die Reste dieses Portikus eine Baustelle. Zwischen Baugerüsten eingeklemmt und mit Folien zugepflastert, lässt sich das Gebäude kaum erkennen. Das Marcellus Theater, etwas weiter, ist von einem Palast überwuchert. Noch heute wohnen Menschen in dem antiken Theaterbau. Irre. Einfach was Neues über das Uralte drüber bauen. So also hat die Metamorphose des antiken Roms in die heutige Stadt funktioniert.

Türrahmen aus antiken Fragmenten im Ghetto von Rom.

Das Stadtviertel unterhalb des Kapitols ist für mich wie eine Gedanken-Landschaft. Ich kann mich in unwichtige und winzige Kleinigkeiten oder Nebensächlichkeiten verlieren und meine Gedanken weg driften lassen. Finde ich total entspannend. Rund um das Kapitol in Rom vermischt sich die Gegenwart nebenbei und selbstverständlich mit Vergangenheit und vergangener Vergangenheit. Eine Reise zwischen den Zeiten ergibt sich für mich ganz natürlich, geradezu organisch.

Das ist wahrscheinlich ein etwas zu romantischer Blick auf dieses Viertel. Denn hier unterhalb des Kapitols wurde in den letzten Jahren schick renoviert und gentrifiziert. Ehemals schäbige und verbaute Wohnungen wurden zu großzügigen Apartments aufgemöbelt. Die alten Bewohner wurden durch neue ersetzt. Wohnen in der historischen Altstadt kostet nun richtig viel Geld. Auch das ein zwiespältiger Prozess. Die ehemaligen Bewohner waren erstmal glücklich, die kleinen, dunklen Wohnungen ohne modernen Wohnkomfort zu verlassen. Sie wurden gegen praktische Etagenwohnungen in der gesichtslosen Peripherie eingetauscht. Nun bedauern sie, mit dem alten Wohnviertel auch ihre Identität verloren zu haben.

Pizzeria im Ghetto von Rom am Kapitol.

Graffiti an einer Wand im Ghetto von Rom.

Tatort Via Cateani

Ein Schauplatz der jüngsten italienischen Geschichte findet sich in der Via Cateani. Dort haben die Roten Brigaden den Renault geparkt, in dessen Kofferraum der entführte und ermordete ehemalige Ministerpräsident Italiens Aldo Moro aufgefunden wurde. 1978, auf dem Höhepunkt einer Welle linksextremer terroristischer Gewalt in Italien.

Dieses Attentat hat Italien in eine tiefe Verunsicherung gestürzt. Noch heute geistern Verschwörungstheorien durch die Welt, die die Ermordung Aldo Moros mit Staatsterrorismus italienischer Geheimdienste, der amerikanischen CIA oder der Geheimloge Propaganda Due in Verbindung bringen. Besonders die P2, in der auch der aufstrebende Silvio Berlusconi Mitglied war, wird mit der Vorbereitung eines Staatsstreichs in Verbindung gebracht. Ein unauflösliche Wirrwarr aus Vermutungen liefert prima Steilvorlagen für jede noch so krasse Theorie. Nun aber weg von paranoiden Gedankengängen hin zur schönen Wirklichkeit.

Blick auf den Schildkröten-Brunnen im Ghetto von Rom.

Der Schildkröten-Brunnen in Rom

Ganz in der Nähe, auf der Piazza Mattei, plätschert der Schildkröten-Brunnen. Die Fontana delle Tartarughe ist eine anmutige Komposition aus Bronze, Wasser und Stein. Giacomo della Porta, ein begnadeter Schüler des großen Michelangelos, hat den zierlichen Schildkröten-Brunnen Ende des 16. Jahrhunderts entworfen. Meine Top 10 der schönstens Brunnen Roms führt der Schildkröten-Brunnen mit ziemlich weitem Abstand an! Aus einer flachen Brunnenschale erhebt sich ein Vierpass aus weißem Marmor. An jeder Ecke ist ein Muschelbecken befestigt, das in Grau und Rosa schimmert.

Vier schnuckelige Bronze-Knaben drapieren sich gelenkig um den Schildkröten-Brunnen. Taddeo Landini aus Florenz hat diese verspielte, sexy Boyband geschaffen. Die aufreizenden Jünglinge traktieren fette Delphine mit den Füßen und verhelfen strauchelnden Schildkröten mit einer ganz großen Geste ins Wasserbecken.

Detail des Schildkröten-Brunnens in Rom.

Der Schildkröten-Brunnen sieht aus wie aus einem Guss. Er ist aber eine Art Gemeinschaftswerk. Denn die Schildkröten haben ihren prominenten Platz am Brunnen erst mit 60 Jahren Verspätung besiedelt. Wahrscheinlich hat der geistreiche Bildhauer und Architekt Gian Lorenzo Bernini die geniale Idee mit den Schildkröten am Brunnen gehabt. Damit hat er das Konzept Giacomo della Portas spielerisch und theatralisch weiterentwickelt. Eben ganz im Sinne des Barocks.

Die Schildkröten werden immer mal wieder vom Brunnenrand geklaut. Scheint ein Sport für Souvenir-Jäger zu sein. Allerdings ziemlich teuer für die Stadt Rom, die die Schildkröten häufig erneuern muss. Deswegen ist die Piazza Mattei rings um mit Überwachungskameras gesichert. Ein friedlicher Ort.

Detail des Schildkröten-Brunnens in Rom, Profil einer Bronzefigur.

Außerdem ist die Piazza Mattei verkehrsberuhigt. Um den Schildkröten-Brunnen sind kleine grüne Bäumchen und Sitzbänke aufgestellt. Es gibt etwas zu sehen. Wasser plätschert beruhigend. Deswegen lohnt es sich, vor dem Schildkröten-Brunnen eine kleine Pause einzulegen und die Gedanken schweifen zu lassen. Haben die strauchelnden Schildkröten eigentlich einen tieferen Sinn? Warum haben die Knaben so unterschiedliche Frisuren? Wie kommt so ein bezaubernder Brunnen auf einen so bescheidenen Platz? Wenn du eine Antwort weißt, sag mir bitte Bescheid!

Von der Piazza Mattei geht es über eine kleine Gasse direkt in das ehemalige römische Ghetto. Dieses interessante Stückchen Schichttorte probiere ich ein ander Mal. Wenn Du mehr über Rom erfahren möchtest, dann sind 16 ultimativen Rom Tipps bestimmt das richtig für Dich.

Graffiti im Ghetto von Rom.
Zur Erinnerung an Pier Paolo Pasolini 40 Jahre nach seiner Ermordung in Ostia. Pieta: Pasolini trägt Pasolini