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Amalfi – Ein rätselhaftes Paradies

Amalfi war immer eine paradiesische Stadt für Superreiche. Früher hießen sie Rufolo oder Pantaleoni. Heute Sophia Loren oder Bernard Arnault. Sogar über Jacky Kennedy munkeln sie hier noch. Jacky wer? Genau, Amalfi ist in die Jahre gekommen. Trotzdem super toll.

Il giorno del giudizio.
Per gli Amalfitani che andranno in paradiso.
Sara un giorno come tutti gli altri.

Der Tag des jüngsten Gerichts
wird für die Bürger Amalfis, die das Paradies betreten werden
ein Tag wie jeder andere sein.

Diese optimistischen Worte – in einer Steintafel verewigt – lese ich, als ich die Altstadt von Amalfi betrete. Aber ist das wirklich so? Ich stehe unter einem weißgekalkten Torboden, hinter mir dröhnt und stinkt der Verkehr, um mich herum wimmeln Selfie-Sticks und Kameras, von vorne werde meine Sehnerven mit knalligen Keramikwaren bombardiert und Eis gibt es auch schon zu kaufen.

Ich frage ich mich natürlich sofort, wie sich die Menschen in Amalfi das Paradies eigentlich vorstellen. Gehören Superstress, Verkehrschaos mit Dauerstau und eine von amorphen Touristenfluten verstopfte Piazza zum Paradies dazu? Wird im Garten Eden ständig Limoncello – dieser zuckersüße Zitronenlikör made in Amalfi – getrunken? Und muss ich im Paradies wirklich von diesen potthässlichen Tellern essen, wie sie die Schaufenster der Geschäfte verunzieren?

Vielleicht besitzen die Menschen von Amalfi aber auch eine ganz feine Art der Ironie, die mir ungehobelten Nordländer einfach abgeht. Meine Vermutung ist allerdings, dass die Leute von Amalfi sich selbst belügen und sich ganz einfach wegen der Psycho-Hygiene in eine Art fantastisches Parallel-Universum flüchten. “Wir hier in Amalfi leben im Paradies!“ Full stop! Basta!

Tafel an einer Wand in Amalfi, auf die dieses Zitat geschrieben ist.

Der Tag des jüngsten Gerichts wird für die Bürger Amalfis, die das Paradies betreten, ein Tag wie jeder andere sein. Ist das wirklich so?

Invasion ins Paradies

Anders als mit Selbstverleugnung lässt sich die traumatische Erfahrung einer täglich wiederkehrenden Invasion verhaltensauffälliger Aliens bestimmt nicht verarbeiten. Morgens kurz vor 10 geht es schon los, die ersten Reisebusse werden auf einem gigantischen Parkplatz von eifrigen Parkplatzwächtern in schmale Lücken eingewiesen. Bustüren öffnen sich. Jubelnde, ortsunkundigen Menschenwellen fluten heraus, die sich – dem Herdentrieb folgend – Richtung Piazza fräsen und dort überrascht aufstauen.

Nein, was für eine herrlich glitzernde Wand ist das denn? So üppig, so bunt. Die sieht ja aus wie ein Palast aus 1000 und 1 Nacht. Dabei ist es nur die Fassade des Domes San Andrea. Haben wir so etwas Schönes schon einmal gesehen? Mechanisch werden Kameradisplays vor die Augen geschoben, Klick, schon ist der Eindruck gebannt. Ach und da ist ja auch ein Cafehaus-Stuhl, so parktisch, so verführerisch vielleicht einfach mal rein sinken lassen und lecker Cappuccino trinken. Pffffft, ganz langsam die Luft raus lassen und schon ist der Tag gelaufen.

Die Zitrone ist in Amalfi ein außerordentlich beliebtes Motiv um herrliche Keramik zu verschönern …

Die frischen Aromen der Zitrone werden auch zur Verbesserung der Körperhygiene verwendet

Der Fluch der Schönheit

Warum kommen all diese Menschen nach Amalfi? Ganz einfach, Amalfi hat diesen verfluchten Ruf, paradiesisch schön zu sein. Am besten entdeckt man diese Schönheit aus der Distanz vom Bötchen aus. Denn nur vom Boot aus lässt sich Faszination Amalfis richtig verstehen. Kaum hat das Boot abgelegt, sind die Menschen auf dem Busparkplatz an der Mole auf Streichholzlänge geschrumpft. Was für ein Frieden. Vom Meer aus sieht die Amalfitanische Küste noch einmal ganz anders und noch schöner aus, als von der kurvigen Küstenstraße, der Amalfitana. Tatsächlich lässt sich von der Straße oben gar nicht erkennen, was es unten Richtung Meer für Schätzchen zu sehen gibt.

“Da vorne, diese Villa mit den blauen Fensterläden, das war die Villa von Sophia Loren,“ erklärt mir der Kapitän. “Und siehst Du dort diese Grotte, in der jetzt die Fischerboote lagern, das war mal eine Höhlenkirche.“ In munterem Plauderton erklärt mir der Kapitän, dass die gesamte Steilküste bis nach Positano einst mit einem flachen Landstreifen verbunden war. Ein katastrophales Erdbeben hat diesen Küstenstreifen im Meer versinken lassen, seitdem entwicklen sich die Orte an der amalfitanischen Küste isoliert von einander.

Amalfi – Stadt der Superreichen

Schon in der längt vergangenen Vergangenheit war Amalfi ja die Stadt der Superreichen. Diese unglaublich, großartige Geschichte sieht man der kleinen Stadt, die sich wie ein räudiges Piratennest zwischen die schützenden Wände einer steilen Schlucht duckt, gar nicht an.

“Dort hat Jacky Kennedy ihren Urlaub verbracht …“ Der Kapitän zeigt auf auf eine weitere Villa. Jacky wer? Gefühlt ist der Kennedy Glamour über 100 Jahre her. Irgendwie oll, Amalfi ist schon ziemlich aus der Zeit gefallen. “… diese graue Villa direkt am Meer“, fährt der Kapitän mit seiner Erklärung fort, “die gehört dem Besitzer von Veuve Clicqout, dem Champagner-Produzenten.“ Das überrascht mich jetzt, die Küste von Amalfi ist der Ferienort der Superreichen. In ihren traumschönen, schwer zugänglichen Villen direkt am Meer, können sie wahrscheinlich ganz ungestört geile Party machen.

Schürzen mit aufgeruckten Busen und Waschbrettbäuchen in einem Laden in Amalfi

Je oller desto doller oder schlimmer geht immer? Auf jeden Fall, Sex sells …

Kandierte Früchte auf einer Etagere im Schaufenster der Pasticceria Pansa aus Amalfi.

Kandierte Früchte in der Pasticceria Pansa. Zuckersüß können sie hier in Amalfi

Das große Rätsel Amalfi

In seinem wunderbaren Buch Das Mittelmeer – Eine Biographie beschreibt der Historiker David Abulafia Amalfi als eines der großen Rätsel der Geschichte des Mittelmeeres. Er wundert sich darüber, dass eine Stadt ohne Vergangenheit, ohne Hafen, ohne günstige Winde, ohne Hinterland zu einer ernsthaften Konkurrenz für die dominante Handelsmacht Venedig werden konnte. Denn auch zu seiner Blütezeit vom der Mitte des 9. Jahrhunderts bis circa 1100 war Amalfi ja nicht größer als das Dorf, das ich heute besuche.

Aber natürlich hat Abulafia auch eine erstaunliche Lösung für dieses Rätsel parat, er entwirft das mittelalterliche Amalfi als eine fragmentierte Stadt. So wie Venedig sei Amalfi als Zufluchtsstätte gegründet worden. Venedig wächst aus Gemeinden von Wasser umgeben zusammen; Amalfi aus einer Ansammlung von Siedlungen getrennt von steilen Berghängen und Felsabstürzen. Die in den Bergen hängenden Städtchen Scala und Ravello besaßen keine eigenen Häfen, deren Kaufleute stießen mit Schiffen von Amalfi aus in See. Auch Seefahrer aus Maiori und Minori, aus Positano und Atrani und all den kleinen Orten der Umgebung schifften sich in Amalfi für ihre abenteuerlichen und profitablen Reisen über das Mittelmeer ein.

Die mittelalterliche Seerepublik Amalfi war eben mehr als die heutige Stadt, sie nahm wahrscheinlich die gesamte südliche Flanke der sorrentinischen Halbinsel ein. Seide, Pfeffer, Schmuck, Bronze, Silber und Gold, orientalische Luxusartikel aller Art haben Amalfi reich gemacht. Der Kompass, das Papier, ein international gültiges Seerecht, all das hat Europa über Amalfi erreicht.

Stautue in einem Wasserbecken am Hafen von Amalfi.

Denkmal für Flavio Gioia, den Erfinder des Kompass‘, prominent am Hafen von Amalfi

Das ultimative Fotomotiv aus Amalfi. Der bunte Turmhelm des Domes San Andrea vom Paradies-Kreuzgang

Kleine Stadt – Große Vergangenheit

Die glorreiche Vergangenheit und der unermessliche Reichtum der stolzen Seerepublik Amalfi blinkern – etwas stumpf und matt geworden – an machen Stellen noch auf. Zum Beispiel im Dom, immerhin werden in dessen kunterbunt ausgeschmückten Kryta die Gebeine des Heiligen Andreas, Bruder des Petrus, verwahrt. Als schnödes Diebesgut kamen die wundertätigen Knochen vor gut über 1000 Jahren aus Patras nach Amalfi.

Die Kirche besitzt außerdem ganz fantastische Türen aus Bronze voller bemerkenswerter Löwenköpfen und reizenden eingelegten Figuren aus Kupfer und Silber. Bezahlt haben diese Luxustüren die steinreichen Pantaleoni, eine Familie die sogar über ganz ausgezeichnete Verbindungen zur Familie des römischen Kaisers in Konstantinopel verfügte. Richtig orientalisch geht es dann im Chiostro del Paradiso zu. Der Paradies-Kreuzgang mit seinen schmalen, spitzen Bögen und den zierlichen Säulen ist deutlich inspiriert von der Architektur des Morgenlands.

Dunkle Gassen in Amalfi. Die Wände sind weißgetüncht. Es fällt nur wenig Licht herein.

Ereignislose Spalten und tropfende Schächte in Amalfi

Amalfi ist eine Stadt der Treppen

Mich aber fasziniert besonders der Spaziergang durch die weiß gekalkte Stadt. Amalfi ist eine Stadt der Treppen und der überdachten Straßen. Logo, anders kann es bei einer Stadt, die als schutzbedürftige Fluchtsiedlung in eine Schlucht hinein gewachsen ist, auch gar nicht sein.

Am Grund der Schlucht zieht sich die Hauptstraße mit von Touristen umrudelten Schnickschnack-Geschäften entlang. Ich lasse diesen schillernden Boulevard der Scheußlichkeiten ganz einfach links liegen, denn von dieser Straße steigen verlockend menschenleere Treppen und Gassen als wohltuend ereignislose Spalten die Steilwände der Schlucht empor.

Mir öffnet sich ein unübersichtliches und stilles Labyrinth, das sofort meine Neugierde weckt und erkundet werden will. Die Wege sind fast menschenleer. Ab und zu begegne ich einer älteren Dame oder einem Herren, die wie in allen süditalienischen Kleinstädten Einkäufe nach Hause tragen und mich etwas überrascht beäugen, als fragten sie sich, was macht denn ein Tourist auf dieser Treppe. Ein kurzes, freundliches “Buongiorno“ schon geht es gemächlich weiter.

Wer in Amalfi wohnt, muss gut zu Fuss sein. Wer keine Treppen mehr steigen kann, der hat verloren. Ein Umzug zum Beispiel mit Klavier oder Tierfkühlschrank ist in dieser verwinkelten Stadt bestimmt ein äußerst komplexes Unternehmen. Vielleicht sind deswegen auch so viele Alte geblieben. Wegziehen ist viel zu kompliziert. Ich steige zum Friedhof empor. Mit einem Sarg in diesen engen Gassen zu manövrieren, ist bestimmt auch kein routiniertes Kinderspiel, schießt es mir durch den Kopf. Von oben tropft es hinunter. In einem irrwitzig hohen Kamin über mir wird klitschnass die Wäsche getrocknet.

Und plötzlich stehe ich oberhalb der Stadt, ganz nah am Himmel. Der Aufstieg war nicht ohne, aber ich werde mehr als belohnt mit einem fantastischen Blick auf das Meer, auf die zauberhafte amalfitanische Küste und auf Amalfi diese kleine Stadt mit dieser grandiosen Vergangenheit.

Il giorno del giudizio.
Per gli Amalfitani che andranno in paradiso.
Sara un giorno come tutti gli altri.

Recht haben sie in Amalfi!

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