Bahnfahrt-Bruessel_Sirenen-und-Heuler_Reisegeschichten_003

Brüssel Städtereise – Lost in Space

Eine Brüssel Städtereise im Februar, ist das eine gute Idee? Ich habe es spontan ausprobiert und bin ganz bequem mit dem Zug nach Brüssel gereist. Was mir am besten gefallen hat? Dass ich jeden Tag eine andere Stadt entdecken konnte.

Unvorstellbar. Aber anstelle zu fliegen, fahre ich mit dem Zug von Berlin nach Brüssel. Zuerst ist es mir auf der blöden Ryanair Website nicht gelungen, einen Flug zu buchen. Dabei bin ich doch Reiseprofi.  Dann dachte ich, Lorenz schreibt so viel über nachhaltiges Bahnreisen. Das sollte ich jetzt für meine Reise nach Brüssel auch mal ausprobieren. Als dann der Supersparpreis in der 1. Klasse sogar günstiger ist als in der 2., bin ich ganz und gar überzeugt. Bahnfahren ist top. Dauert allerdings auch 7 Stunden. Mal schauen, wie mir das gefällt.

Bevor ich über die Eindrücke meiner Brüssel Städtereise berichte, erstmal eine generelle (tadelnde) Anmerkung. Es ist nämlich so. Der Vorteil der Bahnfahrt, den Platz und die Zeit nutzen zu können, um die Reise produktiv und strebsam zu verbringen – also die Augen stur auf den Labtop Bildschirm oder das Smartphone Display gerichtet – wird sklavisch ausgenutzt. Das Abteil vibriert von den klickenden Tastenanschläge und krakeelendem Smartphones. Krass! Aber niemand schaut raus. Wirklich niemand. Die mit weißem Puderschnee verzauberte deutsche Flachlandschaft hat den Konkurrenzkampf gegen die Ablenkungsmaschine Internet haushoch verloren. Haushoch! Wirklich!

Was hast Du auf der Bahnfahrt von Berlin nach Brüssel gemacht?

Ja, ich habe diese irre PowerPoint Präsi für mein superwichtiges Projekt fertig gemacht. Und dann ’nen ganzen Stapel Emails abgearbeitet. Also Internet in der 1. Klasse, spitze!

Ist doch Scheiße, wie der digitale Wahnsinn, die Leute aus der Wirklichkeit saugt und zu Effekivitätszombies mutiert. Dabei ist es doch so meditativ entspannend, einfach aus dem Fenster zu schauen und die eintönigen Flächen im Osten an sich entlang ziehen zu lassen, genauso wie die räudigen Hinterhöfe der Klein- und Großstädte des “Reviers“, die der Zug Richtung Köln durchquert. Schwerte, Wuppertal, Hagen kommen mir – betrachtet aus dem Zugfenster – vor wie spektakuläre Faller-Haus-Fantasien.

Eine Zugreise von Berlin nach Brüssel …

… es geht durch die Hinterhöfe der Republik …

Mit dem Zug von Ost nach West

Bei einer Bahnfahrt quer durch Deutschland ist erstaunlicherweise vieles nicht so rosig. Während der Zugfahrt kann ich eine ziemlich angegammelte deutsche Technosphäre aus versintertem Waschbeton, rostigem Stahl und bemoosten Gartenzäunen begaffen. (Die Autostadt Wolfsburg bleibt bei dieser Betrachtung natürlich außen vor.) Ich bin nicht böse drum, denn mich fasziniert dieser Zivilisations-Schimmel außerordentlich. Aber was sich hinter den welken Fassaden dieser abgehängten Städte in Westdeutschland zusammenbraut, möchte ich auch nicht so genau wissen.

Die entschleunigende Wirkung dieser Deutschlandfahrt, konterkariert die deutsche Bundesbahn übrigens sehr gelungen mit einem stresshormonfördernden Verspätungsalarm. Werde ich meinen Anschlusszug nach Brüssel in Köln erreichen? Großes Fragezeichen! Dann hat der Zug nach Brüssel sogar 40 Minuten Verspätung und alles wird gut.

Ist irgendwie auch Luxus, denke ich mir, die kostbare Zeit bei einer gemächlichen Bahnfahrt so vorbei trödeln zu lassen. Raus aus dem Alltag, rein in den Zug. Reisen von Anfang an. Toll!

… vorbei an flitzenden Güterzügen …

… und Bauminseln in verschneiter, deutscher Flachlandschaft

Eine spontane Brüssel Städtereise – Kann das glatt gehen?

Nach der Grenze ändert sich dann sofort die Architektur. Schmale Häuser. Viel Backstein. Naturstein-Ornamente. Dass Belgien hügelig ist, hätte ich auch nicht erwartet. Ich bin so ahnungslos und ohne Informationen los gefahren. Einfach mal ganz ohne Plan unterwegs und das im unterkühlten Februar. Je näher ich meinem Ziel komme, desto mehr zweifele ich, war das wirklich eine gute Idee, eine Brüssel Städtereise ohne Plan?

Es ist nämlich so. Ich habe überhaupt kein Bild von Brüssel. Keine Idee, wie es da sein könnte. Mir schießen nur angefressene Erinnerungsfetzen durch den Kopf. Atomium und Menneke Piss habe ich schon mal gehört. Davon konnte sogar mein Vater ein Liedchen trällern. Meine Freundin Maike hat von ihrer Zeit in Brüssel geschwärmt. Das war in den 90er Jahren, als die Stadt in einer tiefen wirtschaftlichen Rezension steckte. Da gab es im kriselnden Brüssel Nischen, in denen alternatives Leben erblühen konnte.

Für die einen symbolisiert Brüssel die friedliche Ordnung der letzten Jahrzehnte in Europa, für die andere ist Brüssel eine undemokratische Super-Bürokratie, die überall die Nase reinsteckt besonders dann, wenn es sie bestimmt gar nichts angeht. Mein Freund Jochen war vor kurzem in Brüssel und hat von einem schreddeligen Charme der Stadt gesprochen. So viele unterschiedliche Vorstellungen.

Als ich aus dem aufgemotzten brüssler Nordbahnhof – so einem postmodernen Steinsarg – komme, überrascht mich eine glitzernde, kubische Hochhausarchitektur mit makellosen Glasfassaden. WTC – World Trade Center – steht da an den verspiegelten Glaswänden. Am Nordbahnhof inszeniert sich Brüssel wie eine aufgepimte Capitale. Aber schon nach ein paar Ecken weiter, fällt mir auf, was Jochen mit schreddelig meint. Auf dem rumpeligen Straßenpflaster der Nebenstraßen gefällt es mir viel besser als auf dem hochglanzpolierten Prachtboulevard. Ich wohne am Kanal ganz nah am Stadtzentrum. Jede Sehenswürdigkeit Brüssels ist fußläufig zu erreichen. Sehr praktisch.

Die vielen Treppengiebel im Stadtbild haben mich überrascht …

… aber noch mehr diese romantisch entschlummerten Gässchen.

Mein erster Stadtspaziergang

Am Abend verführt mich diese Nähe des historischen Zentrums zu einem ersten Stadtspaziergang. Mit Schal und Mütze, dick in meine mollig warme Daunenjacke eingepackt, schlüre ich los. Bei meinen Bummel überrascht mich die eher kleinstädtische Atmosphäre. Enge, gewundene Straßen, löchriges Straßenpflaster, niedrige Hutzelhäuschen links und rechts. Und dann plötzlich ein länglicher Platz vor der Kirche der Heiligen Catharina. Da zeichnet sich im Dunkeln schon ab, was sich in den nächsten Tagen immer wieder bestätigt: Brüssel ist eine Stadt der extremsten architektonischen Brüche und Kontraste. Alt und neu, schick und gammelig sind ziemlich durcheinander gewürfelt. Sieht so aus, als ob Brüssel sich in einem diskontinuierlichen Umbau oder Verfall befände. Tatsächlich gibt es unglaublich viele Baustellen und ab und an auch eine liegengebliebene Bauruine.

Der Platz vor Santa Katharina ist ein richtiges Schlaraffenland: Hummer, Austern, Fleischklöße und Fritten schreien die Leuchtreklamen der unzähligen Restaurants in die Dunkelheit hinein. Mich schrecken übervolle Schlemmer-Paradiese eher ab. Brüssel scheint eine außergewöhnlich genussfreudige Stadt zu sein, und auf meinem Weg zum großen Markt, dem zentralen und äußerst repräsentativen Platz der Altstadt reißt der Strom von Gourment-Angeboten einfach nicht ab. Sogar Mitschnacker wedeln – trotz der Kälte – vor den Restaurants mit laminierten Speisekarten. Ich entscheide mich in dieser Stadt der Gaumenfreuden für einen schlichten Döner. Was soll ich sagen. Der war tatsächlich in einen süßen Crêpes gewickelt. Ganz erstaunlich.

Blick über Hausdächer in Brüssel. Ganz in der Ferne sind die silber glänzenden Formen des Atomiums zu erkennen. Der Himmel ist grau.

Näher bin ich dem Atomium auf meiner Brüssel Städtereise nicht gekommen

Gegenwart und Jahrhundertwende stehen in Brüssel immer wieder unvermittelt gegenüber

Mein Smartphone und ich

Am nächsten Morgen lasse ich mich von Google Maps zu einem Fotoladen – mein Kamera-Okular ist defekt – navigieren. Auf dem kürzesten Weg schickt mich Google durch richtig hässliche Nebengassen voller großartiger 60er Jahre sozialer Wohnungsbau-Tristesse zur Rue du Midi. Das ist definitiv meine Lieblingsstraße in Brüssel. Jetzt verstehe ich auch dieses Hutzelhaus-Konzept. Die Häuser sind zwar vorne schmal und niedrig aber hinten dafür richtig tief. Der Fotoladen hat nur ein winziges Schaufenster aber staffelt sich labyrinthisch in die Tiefe. 5 Angestellte in einem menschenleeren Laden. Verhältnisse wie in Italien. Ein großartiges Sortiment. Nur helfen können sie mir nicht.

Auf der Rue du Midi sind die Schaufenster der Antiquariate vollgestopft mit super interessanten Büchern, da schlendere ich gerne an den bunten Einbänden vorbei. Es gibt Sanitätshäuser mit ihren skurrilen Auslagen und andere winzige Geschäfte. Allerdings entdecke ich in diesem bodenständigen Ambiente eine dieser ganz populären Mini-Kaffeerösterei, deren einzige und ganze Leidenschaft die perfekte Kaffeebohne ist. Wer’s glaubt.

Markus Löwe und Tyrannus Saurus. Schicke Kombi für ein Versicherungsgebäude

Monotonie aus Waben und aus Glas. Manchmal ist moderne Architektur eine Strafe

Catherine und der Käse

Auf der Rue du Midi gibt es einen Käseladen, der mich sofort in seinen Bann schlägt. So viele Käsesorten wie bei Catherine in Brüssel habe ich noch nie an einem Ort versammelt gesehen. Ein winziges Schaufenster auch hier. Aber die vielgestaltigen Käse brauchen auch nicht viel Raum.

Bei Catherine machen sie auch Sandwiches, lese ich auf einer schwarzen Tafel. Also gehe ich rein und lasse mir ein Sandwich machen. 3,50 Euro nur Käse oder Wurst. 4,00 Euro der Mix. Ich entscheide mich für den Mix. Der stämmige Verkäufer mit schütterem Haar schneidet eine ordentliche Portion Baguette von einer dünnen Brotstange. Leider spart er bei der Butter und dem Belag. Super hauchdünn und nur in homöopathischer Dosierung wird der Tomme de Savoie und ein namenloser Schinken auf dem Baguette verteilt. Dafür wird das Sandwich sorgfältig in ein Wachspapier gefaltet,  das ansprechende Packet wird mit  Gummiband fixiert. Wann habe ich das letzte Mal ein Gummiband an einer Käsetheke gesehen?

So viel Käse, die unterschiedlich säuerlichen oder muffigen Aromen steigen mir berauschend in die Nase.

“Wie viele Käsesorte es hier gibt“, möchte ich wissen.

“Es kommt gar nicht auf die Anzahl an“, antworte der Ladenbesitzer, “sondern auf die Qualität des Käses.“

Was für eine charmant, muffige Antwort. Dann fällt dem Ladenbesitzer noch aus heiterem Himmel ein:

“Seit über 60 Jahren gibt es diesen Laden hier …“

Er zeigt auf ein vergilbtes Foto an der Wand. Da sieht er tatsächlich noch jünger aus.

“… und überhaupt ist meine Frau der Chef.“

Die dreht sich zu mir um, ein sardonisches Lächeln umspielt ihren Mund, und ich flüstere leise:

“wie überall auf der Welt.“

Nur schnell raus aus dieser banalen Allgemeinplatz-Mühle.

Blick auf eine verschneite Wiese in einem Park. Im Zentrum der Wiese steht ein antiker Krieger mir gezogenem Schwert unf Schild. Im Hintergrund ein zugefrorener Teich. Links und rechts rahmen Nadelbäume die Wiese.

Melancholie oder Romanze? Der Schlosspark von Trevuren

Eine von Säulen geschmückte eingeschossige Fassade in Naturstein, mit großen Fenstern. Auf der Mittelachse ist das Gebäude überkuppelt.

Das schlossartige Gebäude des Afrika Museums in Brüssel. Leopold II finanzierte den Bau mit seinen Einnahmen aus der brutalen Ausbeutung des Kongo

Das Smartphone und die anderen

Ich suche meinen Weg zum Central Bahnhof wieder assistiert von Google Maps und beobachte nun immer mehr Menschen, die – genau wie ich auf Brüssel Städtereise – mit Rollköfferchen oder Rucksack an den Ecken stehen und ihr Smartphone wegen der Richtung konsultieren. Ich bin ja nicht besser. Dennoch schießt mir folgender Gedanke durch den Kopf: Smartphones und Google sind wirklich Agenten der sozialen Isolation, denn mit ihnen entledigt sich der Reisende jeglichen Kontakts mit dem Gastland. Der Fremde muss noch nicht einmal mehr den Weg erfragen. So sieht es aus. Zuhause in der Welt. Aber von ihr abgeschnitten.

Mein Ziel für heute Vormittag ist das Afrika Museum. Nach einem langen Umbau hat das ehemalige Kolonial Museum als eine Art ethnologisches Museum wieder eröffnet. Soll ganz toll sein, wie in der Ausstellung der afrikanische Kontinent – besonders die Republik Kongo und Ruanda – und die Kolonialgeschichte Belgiens dargestellt wird. Das Museum liegt ziemlich weit außerhalb des Zentrums in Trevuren. Ich fahre erst mit der U-Bahn Linie 1, dann weiter mit der Straßenbahn 44. Öffentlicher Nahverkehr funktioniert gut und ich finde mich sofort zurecht, obwohl ich erst dachte, ohne Französisch oder Holländisch wäre eine Brüssel Städtereise kompliziert, ist meistens aber nicht der Fall.

Ein Tag im Afrika Museum

Das Afrika Museum liegt in einem romantisch verschneiten Park. Ein schlossartiges Gebäude aus der Regierungszeit Leopold des II, daneben eine kühle Architektur der Gegenwart. Das ist der Eingang ins Museum. Der Neubau ist mit dem Altbau durch einen unterirdischen Tunnel verbunden. Darum balanciere ich erstmal über diese superknappen brüssler Treppen runter und dann wieder hoch. Das ist eine tolle Inszenierung, die auch als erste kritische Betrachtung des Kolonialismus gelesen werden kann.

Der Besuch im Museum ist ziemlich aufregend. Es gibt so viel zu betrachten, zu lesen, zu verstehen, dass ich den ganzen Tag dort bleibe. Abends bleibt dann nur noch Energie für zwei reichhaltige Biere. Die sind so stark, dass sie mich sofort in eine angenehme Schlummerstimmung versetzen. Ein bisschen wundere ich mich noch, dass in den Pubs Bier vor allem gepflegt im Sitzen getrunken wird. Tja, andere Länder andere Sitten. Langsam neigt sich der erste Tag meiner Brüssel Städtereise dem Ende zu.

Ausschnitt einer Hausfassade aus weißem Ziegel. Balkon und Türstürze sind mit Jugendstil Ornamenten verziert. Auf herunter gelassenen Rollladen ist ein buntes Graffiti gesprüht.

Die gute alte Zeit und die Gegenwart treffen in Brüssel häufig kontrastreich aufeinander

Nahaufnahme einer Fassade und des Bürgersteigs. An die Hausfassade ist eine schwarz weiße Katze gemalt, die den Berachter anstarrt. Links ist ein Fahrrad angelehnt.

Schwarz, Weiß und Grau. So spannungsvoll war die Stimmung auf meiner Brüssel Städtereise

Jugendstil in Brüssel – Ein Spaziergang

Am zweiten Tag meiner Brüssel Städtereise möchte ich einen Jugendstil-Spaziergang durch Sant Gilles machen. Draußen schneit und regnet es. Erstmal habe ich gar keine Lust aus dem Bett zu krabbeln. Ich penne einfach weiter und komme erst um Mittag in die Gänge. Deswegen kehre ich auf dem Weg zum Horta Museum, dort möchte ich mit meinem Jugendstil-Spaziergang beginnen, erstmal in ein kleines Lokal am Wegesrand ein. Von draußen sieht es einladend und gemütlich aus. Aber leider ist das Personal von meinem Besuch irritiert. Schon die Bestellung gestaltet sich schwierig und als ich zum Gläschen Roten noch Leitungswasser bestellen möchte, werde ich belehrt:

“Here in Belgium we do not drink tap water. … I can bring you a little bottle sparkling or still.“

Eine reich ornamentierte Holztür gerahmt von geschwungenen Ornamenten aus Naturstein. Eine Frau mit buntem Regenschirm geht an der Tür vorbei.

Jugendstil und Regen. Im Februar ist Brüssel ein richtiges Regenloch. In dem matten Licht des regengrauen Himmels kommt die subtile Ornamentik des Art Nouveau besonders gut zur Geltung

Art Nouveau und Victor Horta

Das Horta Museum ist aber eine tolle Überraschung. Eingerichtet ist es im ehemaligen Wohnhaus und Studio des Architekten Victor Horta, der einer der bedeutendsten Protagonisten des Jugendstils in Brüssel war. Jugendstil heißt in Brüssel übrigens Art Nouveau. Fließende Linien und üppiges Licht sind die Zutaten, die Horta braucht, um sein spektakuläres Wohnhaus zu errichten. Ziemlich toll, wie die großartigen Räume über mehrere Etagen ineinander fließen. So etwas habe ich so raffiniert noch nie gesehen. In jedem Raum gibt es reizvolle Details zu entdecken. Das Esszimmer kleidet Horta mit derben, weißen Schlachthof-Kacheln aus, neben dem Ehebett hat er einPissoir in einem Schrank versteckt und die vielgestaltigen Ornamente sind einfach aus Gusseisen geschmiedet

Natürlich habe ich auch den Jugendstil-Spaziergang während meiner schlecht organisierten Brüssel Städtereise nicht geplant. Deswegen erwerbe ich im Bookshop des Museums einen kleinen Führer, der verschiede Art Nouveau Routen durch Brüssel enthält. Es nieselt draußen immer noch und ist deprimierend regengrau, trotzdem mache ich mich auf den Weg. Leider kann ich die Häuser nur von außen betrachten, ist klar, die meisten werden ja noch bewohnt. Von außen sehen die Jugendstil-Gebäude eher nüchtern aus. So großartige Eindrücke wie im Horta Museum kann ich während meines Jugendstil-Spaziergangs in Brüssel nicht gewinnen. Und so faszinierend grenzwertig wie die Jugendstil-Fantasien in Riga gebärden sich die Art Nouveau Fassaden in Brüssel auch nicht.

Mein Spaziergang endet vor dem königlichen Kunstmuseum. Hier werden Meisterwerke der flämischen Malerei verwahrt. Rogier van der Weyden, Hans Memling, Pieter Brueghel, Rubens. Also schau ich noch kurz rein. Der eigentliche Anlass für meinen Besuch im Kunstmuseum ist aber das Gemälde Der Tod des Marat. Dieser Ikone der franzöischen Revolution von Jacques-Louis David. Sensationell!

Ein Gemälde, auf dem ein toter Mann in einer Badewanne dargestellt ist, hängt in einem goldenen Rahmen vor einer grauen Wand. Davor sitzen zwei Frauen und schauen sich das Gemälde an.

“Der Tod des Marat“, das berühmte Revolutions-Gemälde vom französischen Maler Jacques-Louis David. Ein Höhepunkt meiner Brüssel Städtereise

Im VIVA M’BOMA in der Rue de Flandre wird sehr ordentliche belgische Küche serviert, also viel Fleisch und Sößchen. Reservieren!

Zwei Bier im Chez Richard

Den zweiten Tag meiner Brüssel Städtereise beschließe ich mit Michel im Chez Richard einem Pub oder Restaurant etwas unterhalb des Museumshügels auf der Rue des Minimes. Super Bier. Tolle Snacks. Mir hat es sehr gut gefallen. Michel ist in dieser Gegend aufgewachsen und zur Schule gegangen. Das ist auch schon über 25 Jahre her und deswegen kann er viel über die Aufwertung des Viertels erzählen.

Eine Geschichte der Verdrängung, wie sie in vielen Metropolen der Welt sich ereignet. Erst gibt es die Handarbeitsgeschäfte, dann kommen die Schokoladen-Boutiquen, die Süßwaren ausstellen, als seien es die Juwelen der Königin von Saba. Und damit haben sie sogar noch Erfolg. Krass albern. Die Reisenden kommen und die Einheimischen ziehen aus. Das Chez Richard war bis vor ein paar Jahren noch eine Kneipe, da konnte man schon um 8 Uhr morgens Bier trinken, raunt mir Michel zu. Dann war es geschlossen, um als edler Pub mit Austern und Foie Gras im Speiseangebot wieder aufzuerstehen. Michel ist Jude. Über den Erfolg der AFD in Deutschland ist er gut informiert. Über den zunehmende Antisemitismus auch. Welche Formen der in Deutschland denn habe, möchte er wissen. Mit dem schweren belgischen Bier im Kopf ein kompliziertes Thema.

Eine Mischung aus Arc De Triumph und Brandenburger Tor, der Triumphbogen Leopold II. Im Vordergrund die Stele für Robert Schuman, den Vater der EU

Alt und Neu. Glas und Beton Verwaltungsbauten der EU in Brüssel

Der Schlosspark von Brüssel …

… und das Schloss. Arbeitsplatz des belgischen Königs

EU, Jubelpark & Fin de Sieclè

Am dritten Tag meiner Brüssel Städtereise strahl Morgens die Sonne. Es ist draußen zwar klirrend kalt, dennoch ist ein Sonntagsspaziergang angesagt. Ich fahre hinauf zum Jubelpark und bestaune erstmal die absurd monumentale Architektur dieses Triumphbogens aus Granit, der 50 Jahre belgische Unabhängigkeit verherrlichen soll. Wieder aus der Zeit Leopold II, wieder finanziert mit den Einnahmen aus der brutalen Ausbeutung des Kongo. Am Ende des Jubelparks erinnert eine etwas vernachlässigte Stele an Robert Schuman, den Vater Europas. Und etwas weiter die Rue de la Loi hinab komme ich an den aus dem Fernsehen bekannten Kulissen der Europäischen Union vorbei.

Nach so viel Nüchternheit suche ich erheiternde Abwechslung und wende ich mich deswegen erneut der berühmten brüsseler Art Nouveau zu. Es zieht mich ins Musée Fin de Siècle, das Museum für die Kunst um 1900. Ein lohnender Besuch. Ich steige mit größtem Staunen und weit aufgerissenen Augen die vielen Treppen immer tiefer in die labyrinthischen Kellergewölbe des Museums hinab. Dieser Abstieg kommt mir vor wie der Abstieg in die tiefsten und dunkelsten Abgründe der männlichen Psyche. Unvorstellbar wie Wahn, Perversion, verbotenes Begehren und Misogynie sich in diesem Kunstbunker austobt. Das hat mich fasziniert, schockiert und in einen zerrütteten Geisteszustand versetzt. Heute Abend brauche ich kein Bier. Außerdem geht es morgen schon wieder zurück. Ich möchte noch packen und die Abreise vorbereiten.

Kirke und die Gefährten des Odysseus. Karikatur? Wahn? Beides? Gemälde des 21 jährigen symbolistischen Malers Gustav Adolf Mossa im Musee Fin de Siècle

Das Kanal – Centre Pompidou, ein Pop-Up-Museum in Brüssel

Collage aus Jalousien vom koreanischen Künstler Haegue Yang

Aus Industrie-Architektur soll in den nächsten Jahren ein Museum werden.

Der letzte Tag .-/

Der letzte Tag meiner Brüssel Städtereise. Mein Zug geht erst am Nachmittag. Also habe ich noch Zeit rumzustreunen und letzte Eindrücke zu sammeln. Wieder ist es bitter kalt und windig, deswegen bin ich echt froh, dass an einem Montag das Kanal Museum geöffnet hat.

Das Kanal Museum ist in einer ehemaligen riesigen Citroën Garage untergebracht. Bis 2022 soll hier das größte Kulturzentrums Brüssels entstehen, in dem zeitgenössische bildende Kunst, Performance und darstellende Kunst einen angemessenes Zuhause finden. Bevor der Museumsbau beginnt, gibt es als attraktiven Appetizer schon mal ein umfangreiches Ausstellungsprogramm. Während meines Besuchs beeindruckt mich besonders die Industriearchitektur, die einen effektvollen Rahmen für spektakuläre Werke aus dem Centre Pompidou in Paris bildet und überhaupt Platz bietet für raumgreifende Inszenierungen zeitgenössischer Kunst. In den ehemaligen Mitarbeiter Büros sind dagegen Designklassiker des Büro- und Kommunikationsalltags sozusagen in ihrer natürlichen Umgebung in Szene gesetzt. Das hat Klasse!

Ein Pop-Up-Museum am Kanal

Allerdings sind die ehemaligen Werkshallen nicht beheizbar. Die Aufseher sitzen unter Heizstrahlern und haben sich in graue Wolldecken eingewickelt. Auch ich bekomme kalte Füße und überlege mir zum wiederholten Male, ob eine Brüssel Städtereise im Februar wirklich eine so gute Idee war. So ziehe ich mit meinem Rollkoffer schließlich wieder Richtung Nordbahnhof.

In der Halle dieses ziemlich brutalen postmodernen Bahnhofsbunkers haben Emigranten aus Afrika ein Dach über dem Kopf gefunden. Sie sitzen – einer neben dem anderen – angelehnt an einem langen, weißen Bauzaun. Decken sind sorgfältig als Lager ausgebreitet.

An einem Kiosk kaufe ich noch belegte Brötchen. Der Verkäufer fragt, ob ich Honig auf meinem Brie-Brötchen haben möchte. Ich sage erstmal nein. Er aber versucht mich zu überzeugen und dann willige ich schließlich ein. Als er das Mozzarella Tomaten Sandwich mit Pestosoße aufwerten will, nicke ich nur noch. Widerstand gegen Soßen ist hier zwecklos. Und das ist vielleicht meine Quintessenz von Brüssel überall kann noch ein Sößchen drauf. Brüssel die Remouladen-Stadt. Und klar, eine Brüssel Städtereise im Februar ist eine tolle Sache. Ich musste zwar mit dem Wetter kämpfen. Aber Wetter ist ja immer!

Ohne Titel …

Auf dem Heimweg

In Westfalen